Waiblingen

Bestseller-Autorin Ingeborg Stadelmann im Interview

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Die 61-jährige Ingeborg Stadelmann. © Ramona Adolf

Waiblingen. Ingeborg Stadelmanns Buch „Die Hebammen-Sprechstunde“ gehört zu den meistverkauften Ratgebern rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Seit Jahrzehnten ist die Allgäuerin Vorkämpferin für Hausgeburten und Naturheilkunde. Am Donnerstag kommt die „Hebamme der Nation“ nach Waiblingen.

Sie haben in den siebziger Jahren als Hebamme angefangen. Wie erleben Sie Eltern heute im Vergleich zu damals?

Darüber denke ich selbst viel nach. Liegt es daran, dass ich selber Großmutter und älter geworden bin, oder dass sich tatsächlich die jungen Eltern verändert haben? Mein Eindruck ist, dass zwischen viel Information einerseits und dem Vertrauen in Geburt und zum Kind andererseits eine große Kluft entstanden ist. Die Eltern sind sehr informiert, aber aufgrund dieser Information sind noch mehr Ängste entstanden.

Kinderarzt-Praxen sind überlastet. Manche verzeichnen doppelt so viel Patientenbesuche wie noch vor ein paar Jahren. Rennen wir Eltern zu häufig zum Arzt?

Das ist wie die Frage nach Henne oder Ei. Werden die Eltern zu häufig einbestellt, weil sie durch eine vorhergehende Untersuchung und durch Informationen verunsichert werden? Oder sind es die Eltern, die so schnell rennen? Das lässt sich nicht klären, das liegt sicher an dem Grundthema Angst – und das möchte ich nicht den Eltern in die Schuhe schieben. Einerseits wird schnell einbestellt und es gibt die Aussage „Kommen Sie, wenn Sie Sorgen haben“ – und das wird dann auch genutzt. Parallel kann es sein, dass man wegen Pipifax zum Arzt fährt – aber das ist vielleicht meine Oma-Sicht. Die Chance hatten die Mütter früher gar nicht, denn sie hatten kein Auto und kein Handy. Heute steht das Auto vor der Tür und der Termin wird schon online ausgemacht. Und dazu kommt das Googeln, wodurch mehr Angst als Sicherheit entsteht.

Kurse zur Geburtsvorbereitung werden von vielen genutzt. Eine große Herausforderung ist jedoch auch die Zeit danach. Müssen Eltern darauf ebenso gründlich vorbereitet werden?

Das mit der Geburtsvorbereitung lässt übrigens schon eher wieder nach. Aber ja, dringend. Das ist mein Appell an die Kolleginnen. Doch der geht nicht auf, denn die Hebammen haben eh schon zu viel zu tun. Vor 20 Jahren habe ich angefangen zu sagen: „Liebe Eltern, wendet euch an Hebammen, die sind da und sind kompetent.“ Jetzt sind die Eltern da – und die Hebammen nicht. Die Ausbildungsstätten haben einfach nicht nachgezogen.

In Waiblingen sprechen Sie über Homöopathie, Aromamischungen und Kräuterheilkunde. Wobei können solche Mittel helfen?

Bei Aromamischungen, sprich ätherischen Fett-Öl-Gemischen, ist auf der pflegenden Ebene sehr viel zu erreichen – auch präventiv. Hautpflege hat für mich oberste Priorität, denn sie wirkt doppelt und dreifach. Über die Berührung wird das zentrale Nervensystem aktiviert. Dazu kommt der angenehme Duft, der ebenfalls das zentrale Nervensystem anregt. Insofern haben wir eine positive Beeinflussung des gesamten Organismus. Fühlt der Mensch sich wohl, schüttet er relativ viele Glücksbotenstoffe aus und entspannt. Das stärkt das Immunsystem und die körpereigene Abwehr – ein schöner Regelkreislauf wird in Gang gesetzt. Berührung ist einzigartig und wichtig. Jede Frau weiß von der Geburt, wie Berührung gut oder schrecklich sein kann. So muss man das beim Kind auch sehen. Wird es angenehm und liebevoll berührt, ist gleich das Vertrauen beim Kind viel stärker und der Schmerz verändert sich. Man spricht von einer Multi-Target-Wirkung. Man hat viele Inhaltsstoffe und kann damit viele Ziele gleichzeitig erreichen – auch bei Erwachsenen. Eine entscheidende Rolle spielt auch die Selbstpflege.

Und wo liegen die Grenzen?

Die Grenzen liegen immer dort, wo die Eltern ihre haben. Es handelt sich immer um eine persönliche Grenze. Im Prinzip ist Naturheilkunde in vielen Dingen möglich, wenn der Mensch etwas Geduld und Vertrauen in die Selbstheilung hat. Jede Zelle teilt sich, je nach Zelle entweder sekündlich oder alle drei Wochen. Folglich ist der Organismus fähig, sich zu regenerieren. Heute besteht kaum die Gefahr, zu lange abzuwarten, denn der Gang zum Arzt erfolgt oft eher zu schnell. Wenn Eltern aber unruhig, hektisch und ängstlich werden, dann ist die Grenze erreicht. Dann sollten sie zum Arzt gehen, denn von nervösen Eltern hat das Kind ja nichts. Doch auch wenn alte Leute krank sind und die Familie im Sechseck rennt, dann kann sich kein Mensch erholen und der Selbstheilung hingeben. Wenn die Umgebung ruhig ist und Vertrauen hat, dann kann sich der Mensch seiner Krankheit widmen.

Sie sind aber niemand, der die Schulmedizin verdammen würde, wie es manche tun, oder?

Gar nicht, niemals. Ich schätze niemanden so sehr wie den Chirurgen, der uns wieder zusammenflickt. Eben, wenn es darauf ankommt. Das Gleiche ist es mit den Antibiotika. Das schätze ich für die, die es dringend benötigen, aber nicht bei harmlosen Dingen wie Schnupfen, Husten und Erkältungen. Selbst unser Gesundheitsminister hat die Kinderärzte aufgerufen, weniger Antibiotika zu verordnen. Das ist ein Appell, der eigentlich auch an die Eltern gehen muss. Aus der wissenschaftlichen Phytotherapie (Anm. d. Red.: Pflanzenheilkunde) gibt es Studien, die belegen, dass zum Beispiel ein mit Thymian behandelter Husten schneller vergeht als mit Antibiotika. Und der alte Spruch, wonach eine Erkältung mit Behandlung eine Woche dauert und ohne acht Tage, ist noch gültig.


FBS-Vortrag

Erst sind es Schreistunden, dann Blähungskoliken, dann die ersten Zähne, dann Bauchweh, dann Prüfungsängste und schon folgt der erste Liebeskummer, irgendwann leidet die Mutter an einem Erschöpfungssyndrom. Ingeborg Stadelmann kann keine Patentlösungen anbieten, aber ihr Vortrag gibt laut der Familienbildungsstätte Waiblingen einen Einblick in die naturheilkundliche Behandlung mit Phytotherapie, Homöopathie und Aromatherapie, zeigt Wege zur Selbsthilfe mit Kräutertees, Aromamischungen oder homöopathischen Arzneien und veranschaulicht Möglichkeiten und Grenzen der Selbstbehandlung.

Der Vortrag beginnt am Donnerstag, 18. Januar, um 19.30 Uhr im Forum Mitte, Blumenstraße 11. Karten kosten an der Abendkasse zwölf und im Vorverkauf zehn Euro.