Waiblingen

Betrugsmasche: wundersame Geldvermehrung

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Aus einem schwarzen Stück Papier wird ein Geldschein? Na klar. Was sonst. © Habermann/ZVW

Waiblingen. Rumpelstilzchen konnte Stroh zu Gold spinnen. Andere Leute können was Besseres: Sie vermehren mit Hilfe von Alufolie Geldscheine. Vermutlich handelt es sich bei diesen Künstlern um direkte Nachfahren von Rumpelstilzchen. Auf ihre Tricks fällt immer wieder jemand rein, und dann ist richtig viel Geld futsch.

Als „altbekannte Betrugsmasche, die hin und wieder vorkommt“ bezeichnet Polizeisprecher Holger Bienert den Wash-wash-Trick. Vergangenen Sommer haben Betrüger jemanden im Rems-Murr-Kreis um mehrere 10 000 Euro erleichtert. Einen Betrag in ähnlicher Höhe verlor im Februar ein 34-Jähriger in Feuerbach. Der mutmaßliche Betrüger, ein 43-jähriger Kameruner, sitzt in Haft.

Als „offensichtlich völlig abstruse Masche“ bezeichnet die Stuttgarter Polizei den Trick – der dennoch immer wieder verfängt. Die Betrüger behaupten, Geldscheine vermehren zu können. Oder sie erzählen, sie hätten sehr viel Geld zur Hand - aus dem Ausland eingeführt und deshalb, um den Zoll nicht zu irritieren, dunkel eingefärbt.

Banknoten "reifen" zu Kaffee

In der ersten Vorführung taucht dann tatsächlich Geld aus dem Nichts auf. Die Betrüger präparieren zunächst einen echten Geldschein mit Jod, so dass er aussieht wie ein schwarzes Stück Papier. Vor den Augen des staunenden Betrachters verwandelt sich das Papier mit Hilfe von entfärbender Ascorbinsäure in einen echten Geldschein. Nun behaupten die Betrüger, es seien echte Geldscheine nötig, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Im Feuerbacher Fall hatte der Betrüger vorgegaukelt, man müsse das echte Geld zusammen mit Papierstreifen und einer Flüssigkeit in Alufolie wickeln und einige Tage zur Reifung in einen Tresor legen. Zwischendurch hatte der Zauberkünstler eine Qualitätskontrolle vorgenommen, die selbstredend im Dunkeln stattzufinden hatte. Als der 34-Jährige einige Tage später erwartungsfroh sein prall gefülltes Geldpaket öffnete – rieselte ihm Kaffee entgegen.

Betrüger hauen auch sehr intelligente Leute übers Ohr

In seinem nur in Englisch verfügbaren Buch „Annals of Gullibility“ – zu Deutsch: Jahrbuch der Leichtgläubigkeit – erläutert der US-Wissenschaftler Stephen Greenspan, dass Betrüger auch sehr intelligente, gebildete Menschen übers Ohr hauen können. Letztlich sei niemand davor gefeit, hinters Licht geführt zu werden. Greenspan betrachtet Leichtgläubigkeit als eine „sehr häufige Form der sozialen Inkompetenz, die sehr ernste Konsequenzen für das Opfer haben kann“.

Die Gier macht blind

Sobald das Dollarzeichen im Auge hell genug leuchtet, schaltet das Hirn komplett aus – das stimmt ganz so schlicht nicht. Eine Menge Faktoren müssen zusammenkommen, bevor jemand einem dreisten Hochstapler auf den Leim geht. Stephen Greenspan nennt vier Kategorien, die eine Rolle spielen: die soziale Situation, Persönlichkeit und gegenwärtiger geistiger Zustand des Opfers, außerdem die Ausprägung seiner Fähigkeit, Dinge zu durchdenken, zu analysieren. Hat beispielsweise ein Nachbar oder ein Bekannter guter Erfahrungen mit dem – vermeintlich – seriösen Geschäftspartner gemacht, wird ein potenzielles Betrugsopfer seinem Gegenüber ganz anders begegnen. Erfolgreiche Betrüger agieren wie erfahrene Psychologen; sie wissen ganz genau, wie Leute ticken, wie man sie umgarnt, betört, überzeugt, ihre Wahrnehmung manipuliert. Gefühle treiben Menschen an. Gier, Angst und Lust gelten als sehr starke Gefühle; entsprechend leichter fällt es Schurken, diesen Gefühlen zu entsprechen, ihnen sozusagen etwas anzubieten als Nahrung. Es funktioniert. Immer und immer wieder. Menschen glauben an himmelschreiend hohe Renditen – und landen hart. Menschen würden einem Fremden auf der Straße vermutlich kein Geld leihen – aber auf eine in schlechtem Englisch verfasste Bettelmail hin, die angeblich von einem Freund stammt, überweisen sie locker-flockig 500 Euro. Menschen vergleichen im alltäglichen Leben Preise, lesen Berichte von Stiftung Warentest, schätzen sich als informierte Bürger ein – und überweisen jemandem 300 000 Euro, den sie nie gesehen haben. Auch das ist im Rems-Murr-Kreis passiert. Eine Frau fiel auf einen Gangster herein, der sie in einem Dating-Portal sehr lange bezirzt hatte. Liebe macht blind.

Der gleiche Effekt wie bei Preisnachlässen

Es funktioniert auch in kleinerem Stil, jeden Tag. Ein höherer, auf einem Preisschild rot durchgestrichener Betrag reizt ungemein zum Kauf. Preist ein wortgewandter Heilsbringer eine als Verjüngungskur getarnte Packung Traubenzucker für lediglich 700 Euro an – dann greift der Mensch gern zu. Denn zuvor hat der Zucker 2500 Euro gekostet. 2500 Euro!

Ältere Menschen werden häufig Opfer

Menschen sehen und hören, was sie sehen und hören wollen. Ältere Menschen sind – nicht immer, aber manchmal – noch anfälliger für krude Botschaften aus Betrügermund.

Beispielsweise für Betrugsdelikte und Trickdiebstähle wählen Tunichtgute gern ältere Opfer. Ein Grund ist, dass „derzeit Menschen nach der Erwerbsphase vielfach über beträchtliche Vermögenswerte verfügen“, wie es in der Studie „Sicherheitspotenziale im höheren Lebensalter“ der Deutschen Hochschule der Polizei heißt. Es geht so weit, dass Banden bestimmte Formen von Vermögensdelikten zum Nachteil von Älteren in hochgradig organisierter Form verüben. Soziale Isolation oder körperliche wie geistige Einschränkungen eines älteren Menschen gelten als gute Bedingungen für Betrüger.

Auf den Seiten der polizeilichen Kriminalprävention sind eine Vielzahl von Betrugsformen aufgelistet. Nepper, Schlepper, Bauernfänger scheinen gewerkschaftsfrei durchzuarbeiten.

Menschenverstand

Unter www.polizei-beratung.de informiert die Polizei über eine Vielzahl von Betrugsformen. Informiert wird beispielsweise über Haustürbetrug, Kredit- und Anlagebetrug, Scamming, Enkeltrick, Gewinnversprechen, unerlaubte Werbeanrufe und vieles mehr.

Das Internet bietet ideale Bedingungen für Betrüger. Ein eigenes Feld namens „Cyberkriminalität“ hat sich längst etabliert.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik verfügt auf seinen Internetseiten über einen eigenen Punkt namens „gesunder Menschenverstand“: „Vertrauen Sie Meldungen, Nachrichten und Aufforderungen nicht blind. Klicken Sie nicht auf jedes Angebot, auch wenn es noch so verlockend klingt. Denn auch im Internet gibt es nichts umsonst.“