Waiblingen

Bewusstlos bei Tempo 100

Diabetes am Steuer
Diabetiker gelten als fahrtauglich, sofern sie keine wiederholten schweren Unterzuckerungen erlitten haben. © Pixabay.com / Public Domain

Waiblingen. Ein Autofahrer sackt am Steuer bewusstlos zusammen. Das passiert nicht oft, aber es passiert. Nicht alle Risiken lassen sich vermeiden, schon gar nicht im Straßenverkehr. Je nach Krankheitsbild entscheidet die Führerscheinstelle, ob ein gesundheitlich beeinträchtigter Autofahrer ans Steuer darf oder nicht. Beispielsweise Diabetiker erhalten grünes Licht – aber nicht alle.

Eine 53-jährige Autofahrerin geriet am Abend des 11. März in Waiblingen so heftig in Unterzucker, dass sie das Bewusstsein verlor. Die Frau und alle anderen Verkehrsteilnehmer in ihrer Nähe hatten Glück: Ihr Wagen stand an einer roten Ampel. Eine Zeugin erfasste den Ernst der Lage und rief den Rettungsdienst.

Einen Monat davor, am 11. Februar, starb in Waiblingen eine 62-jährige Autofahrerin. Sie hatte wegen gesundheitlicher Probleme auf der B 14 die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren. Das Auto stieß gegen mehrere Hindernisse und durchbrach eine Schutzplanke. Nicht der Unfall führte zum Tod der Frau, sondern ein medizinischer Notfall.

Fahrerlaubnisbehörde wägt Einzelfälle ab

Unfälle dieser Art werden sich wohl nie ganz verhindern lassen. Die Fahrerlaubnisbehörde am Landratsamt überprüft in jedem Einzelfall in aufwendigen Verfahren, ob eine gesundheitliche Einschränkung Einfluss auf die Fahreignung hat. Bei Diabetes kommt es beispielsweise laut einer Sprecherin des Landratsamts darauf an, ob es sich um Typ I oder Typ II der Krankheit handelt.

Wie hoch das Risiko einer Unterzuckerung ist, hängt von einer Vielzahl von Parametern ab. Die Fahrerlaubnisbehörde erhebt, wie oft ein Patient im Verlauf eines Jahres wegen Unterzuckerung fremder Hilfe bedurfte. Ein viel zu niedriger Blutzuckerspiegel führt zu getrübtem Bewusstsein bis hin zum Koma.

„Fast alle Diabetespatienten können am Straßenverkehr teilnehmen“

Gut geschulte Diabetes-Patienten erkennen eine Unterzuckerung rechtzeitig und steuern gegen – oder sie gehen sorglos mit dem Risiko um. Es kommt drauf an, weshalb die Behörde individuelle Entscheidungen trifft.

„Fast alle Diabetespatienten können am Straßenverkehr teilnehmen, sowohl im Privat-Pkw als auch beruflich als Busfahrer, im Lastwagen oder Taxi“: Diese „zentrale Aussage“ zitiert die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) aus der neuen europäischen Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“. Damit haben nun mehr als sechs Millionen Patienten in Deutschland, Ärzte, Verkehrsmediziner, Diabetesberater, Psychologen, Behörden und Versicherungsfachleute ein Papier mit klaren Handlungsempfehlungen an der Hand. Alle Beteiligten bewegten sich bisher in einer „haftungsrechtlichen“ Grauzone, hieß es bei einer Pressekonferenz der DDG in Berlin.

Schwere Unterzuckerung kann zum Führerscheinentzug führen

Die Leitlinie verschaffe nun Klarheit. Demnach gilt eine unbehandelte Schlaf-Apnoe als anerkannter Grund, die Fahreignung zu verlieren. Bei diesem Krankheitsbild treten in der Nacht Atemaussetzer auf. Gefährliche Symptome sind Momente des Sekundenschlafs am Tag.

Wiederholte schwere Unterzuckerungen können ebenfalls zum Verlust des Führerscheins führen. „Bei zwei schweren Unterzuckerungen im Wachzustand innerhalb eines Jahres darf man zunächst nicht mehr Auto fahren“, wird Prof. Dr. Reinhard Holl in einer Pressemitteilung der DDG zitiert. Der Epidemiologe war Mitautor der neuen Leitlinie. Laut dem Professor ist ein hoher Langzeitblutzuckerwert „an sich kein Grund für ein Fahrverbot, eine Insulintherapie auch nicht“. Generell sei „die Unfallhäufigkeit bei Menschen mit Diabetes nur unwesentlich erhöht“.

Möglich ist, dem Fahrer Auflagen zu erteilen

Muss ein Diabetes-Patient seinen Führerschein abgeben, ist noch nicht alles verloren. In der Leitlinie ist aufgelistet, womit der Diabetiker das Vertrauen der Behörde und letztlich seinen Führerschein wieder erlangen kann. Eine Medikamenten-Umstellung nennt die DDG als Beispiel, ferner kontinuierliche Glukosemessung mit akustischer Warnfunktion oder Wahrnehmungsschulungen.

Nicht der behandelnde, sondern ein fremder Arzt mit verkehrsmedizinischer Zusatzqualifikation beurteilt, ob ein Autofahrer trotz gesundheitlicher Einschränkungen ein Fahrzeug lenken darf. Zwischen „Ja“ und „Nein“ liegt eine große Bandbreite. Ein Gutachten kann nahelegen, dass die Eignung für einige Fahrerlaubnisklassen einzuschränken sei. Oder der Fahrer erhält die Auflage, dass er nur bei Tag oder nur in einem bestimmten Umkreis am Straßenverkehr teilnehmen darf. Solche Auflagen werden im Führerschein eingetragen – das Krankheitsbild selbst aber nicht.


Leitlinien zur Kraftfahreignung

Die Begutachtungsleitlinie zur Kraftfahreignung ist zuletzt in der aktuellsten überarbeiteten Fassung im August 2017 erschienen. Das Bundesverkehrsministerium gibt seit 1973 diese Leitlinien heraus. Sie sind als Hilfe bei der fachlichen und einheitlichen Beurteilung der Kraftfahrereignung gedacht.

Die neuesten Leitlinien füllen 143 Seiten. Es sind eine Vielzahl von „körperlichen und geistigen Mängeln“ aufgelistet, die eine Fahreignung ganz ausschließen oder einschränken. Unterteilt wird jeweils in zwei Gruppen. Die Gruppe eins betrifft Führer von Fahrzeugen der Klassen A, A1, A2, B, BE, AM, L, T. In die Gruppe 2 fallen Fahrer von Fahrzeugen der Klassen C, C1, CE, C1E, D, D1, DE, D1E sowie die Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung.

Beispiele aus den Leitlinien sind:

  • „Wer epileptische Anfälle erleidet, ist nicht in der Lage, den Anforderungen zum Führen von Kraftfahrzeugen beider Gruppen gerecht zu werden, solange ein wesentliches Risiko von Anfallsrezidiven (wiederholtes Auftreten) besteht.“
  • „Wer unter einer extrapyramidalen (oder zerebellaren) Erkrankung leidet (zum Beispiel Parkinson), die zu einer herabgesetzten Leistungs- und Belastungsfähigkeit führt, ist nicht in der Lage, den gestellten Anforderungen zum Führen von Kraftfahrzeugen der Gruppe 2 gerecht zu werden.“ – „Die Fähigkeit, Kraftfahrzeuge der Gruppe 1 sicher zu führen, ist nur bei erfolgreicher Therapie oder in leichteren Fällen der Erkrankungen gegeben.“
  • „Ein kausaler Zusammenhang zwischen erhöhtem Blutdruck und Auftreten von Verkehrsunfällen ist nicht gesichert.“
  • „Bei Vorliegen von zerebralen Symptomen oder Sehstörungen im Rahmen einer arteriellen Hypertonie (Bluthochdruck) liegt für Fahrzeugführer beider Gruppen (auch unabhängig von den gemessenen Blutdruckwerten) keine Fahreignung vor.“
  • „Wer vom Alkohol abhängig ist, kann kein Kraftfahrzeug führen.“