Waiblingen

Brauchen wir eigentlich Wahlplakate?

Wahlplakat
Zusammen hängen in der Waiblinger Devicesstraße und für den Bundestagswahlkampf: Auf Plakatwerbung verzichten weder die großen, noch die kleinen Parteien. © Schneider / ZVW

Waiblingen. Die FDP will wiederkommen. Und legt in diesem Wahlkampf unglaublichen Wert auf die Wahlplakate. Sie geht dabei besondere Wege: Sex-Appeal in Schwarz-Weiß. Und dann, am Rand der ganz großen Plakate, winzig klein ein ewig langer Riemen Text. Ist das gut? Sind Wahlplakate überhaupt für irgendetwas gut? Ja, sagen die lokalen Politiker. Naja, sagen die Kommunikationswissenschaftler aus Hohenheim.

Kein Mensch kann das vom Auto aus lesen. Niemand wird’s im Vorbeigehen entziffern. Man müsste sich schon direkt vor das FDP-Plakat stellen, Kopf im Nacken, und sich sehr, sehr viel Zeit nehmen. Das macht niemand. Kurz: Eigentlich ist völlig schnuppe, was da neben Christian Lindner steht. Doch: Die Kommunikationswissenschaftler der Uni Hohenheim betrachten die Idee mit einem Quäntchen Bewunderung. Der Text „wird zwar nicht gelesen. Aber das soll signalisieren: Wir haben viel zu sagen“, sagt Prof. Dr. Frank Brettschneider.

Hin und wieder in Fetzen, manchmal bemalt

Wahlplakate in Zeiten von Facebook, Twitter, Instagram – ein alter Hut? Beileibe nicht. Laternenmasten und Wände sind die behängten Beweise dafür. Hier tummeln sie sich alle: AfD, SPD, CDU, MLPD, ÖDP, Grüne, FDP und so weiter. Oft traut vereint über-, unter- und nebeneinander. Hin und wieder in Fetzen, manchmal bemalt. Keine der Kandidatinnen und keiner der Kandidaten, keine der Parteien, gleich welcher Couleur, sagen: Das boykottieren wir. Das Geld kann anderswo sinnvoller eingesetzt werden, helfen, gar retten.

Braun: "Die Präsenz wird erwartet"

„Komplett drauf verzichten? Nein!“, sagt Jürgen Braun von der AfD. „Außer es würden alle machen.“ Da reiht sie sich ein, die Partei, die alles anders machen will, in den Reigen derer, die schon lang die Politik betreiben. „Die Präsenz wird erwartet“, sagt Braun. Die Leute würden sich schon beschweren, weil die AfD ihre Plakate „gezielt“ später aufhängt, als die anderen das tun.

Offensichtlich gucken zumindest die Anhänger der Parteien doch, wer wo hängt. Und die anderen? Die Information komme mit den Wahlplakaten, sagt Andrea Sieber, die Bundestagskandidatin für die Grünen, „automatisch vorbei“. „Das Kopfplakat ist aus meiner Sicht die erste und einfachste Möglichkeit, sich bei den Bürgerinnen und Bürgern vorzustellen.“ Hier werde die „erste Sympathie-Entscheidung“ getroffen.

Studie: "Nervige Wahlkreis-Plakate"

Kommunikationswissenschaftler Brettschneider hat nach den Hohenheimer Studien einen anderen Eindruck. „Nervige Wahlkreis-Plakate“ lautet die Überschrift über die Erkenntnis: Die sogenannten „Kopfplakate“ mit Abbildung eines Kandidaten aus dem Wahlkreis, versehen mit Namen, Parteilogo und einem Slogan, würden „kaum wirken“. Früher oder später seien die Menschen davon sogar eher genervt. Eine bittere Aussage auch für Lisa Walter von der FDP, die „bewusst“ ihre „Kernanliegen“ auf den Plakaten benenne.

Keine Köpfe auf AfD-Plakaten

Pluspunkt für die AfD, die, wie Jürgen Braun sagt, „an Inhalten interessiert“ sei, eine „Abneigung gegen Personenkult“ habe und deshalb keine Köpfe, sondern inhaltliche Fragen plakatiert? Reine Themenplakate, haben die Hohenheimer Forscher herausgefunden, „wirken gar nicht – oder sogar abstoßend“.

Nur Slogans für die Spitzenkandidatinnen kommen an

Eine niederschmetternde wissenschaftliche Erkenntnis auch für die Linke, die wie die AfD nur mit Slogans arbeitet. Dennoch will der Waiblinger Spitzenkandidat Reinhard Neudorfer nicht auf Plakate verzichten, „schon gar nicht einseitig“. Denn dann, fürchtet er, spielten die bezahlten Anzeigen in den Zeitungen eine „noch größere Rolle“. Und damit seien die „konservativ-systemorientierten Parteien“ dann noch besser dran, „die ja im Gegensatz zu uns reichlich Gelder der Industrie bekommen“.

Tatsächlich kommen laut den Kommunikationswissenschaftlern nur die Slogans für die Spitzenkandidaten an: Porträt mit Thema oder besonderer Eigenschaft – die Plakate könnten „größere Wirkung“ entfalten. Angela Merkel etwa mit „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ – sie setze auf Vertrautes und Verlässlichkeit.

Pfeiffer: #jopf erregt Aufmerksamkeit

Und Joachim Pfeiffer? Er fällt zwar in die Kategorie „Wahlkreis-Kandidat“ ist aber doch deutlich bekannter und überregionaler aktiv als etwa Lisa Walter, Reinhard Neudorfer oder Sybille Mack von der SPD. Entfaltet sein Plakat jetzt „größere Wirkung“ oder fällt es noch in die Kategorie „nervig“?

„Noch nie seit meinem ersten Bundestagswahlkampf im Jahr 2002 hat ein Plakat so viel Aufmerksamkeit erregt, wie mein derzeitiges Plakat #jopf“ schreibt Pfeiffer. Dass #jopf gern und heftig bespöttelt wird, scheint dabei egal zu sein. Pfeiffer sagt: „Plakate wirken also!“

Bundestagswahl ein bisschen wie Weihnachten

Und wie wär’s, wenn die Sache mit der Wirkung eben doch so zwiespältig ist, ganz lautstark kein Plakat zu hängen? Quasi eine schreiende Lücke zu lassen? „Da bräuchten wir eine Kampagne dazu“, sagt AfD-Mann Jürgen Braun. Das hätte „vor Monaten“ verkündet werden müssen.

Tja, mit der Bundestagswahl ist’s halt ein bisschen wie mit Weihnachten: Man weiß nicht, was man kriegt. Und es kommt immer überraschend.