Waiblingen

Bundestagswahl: Wer fährt nach Berlin?

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Joachim Pfeiffer (CDU) hat gute Chancen, bei der Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis Waiblingen via Direktmandat das Ticket nach Berlin zu lösen. Auch Jürgen Braun (AfD) darf sich große Hoffnungen machen, dank eines guten Landeslistenplatzes. Für die Grünen tritt Andrea Sieber an, für die FDP Lisa Walter. Die Linke schickt – vielleicht – wieder Reinhard Neudorfer ins Rennen, die SPD hat noch niemanden. © Ramona Adolf

Waiblingen. Noch ist es weit bis zur Bundestagswahl im September 2017: Genau die richtige Zeit, um ein bisschen haltlos rumzuspekulieren – denn was wir heute schreiben, ist bis dahin sowieso Altpapier und längst wieder vergessen. Also los: Wer tritt an im Wahlkreis Waiblingen, wer hat Chancen, den Sprung nach Berlin zu schaffen?

Amtierender Platzhirsch: Joachim Pfeiffer, CDU

Zwei Möglichkeiten gibt es, um in den Bundestag einzuziehen: erstens via Direktmandat, also mit den meisten Stimmen aller Wahlkreiskandidaten; oder zweitens dank eines guten Platzes auf der Landesliste der Partei. „Erstens“ ist schnell abgehandelt: Für die CDU tritt im Wahlkreis Waiblingen wieder Joachim Pfeiffer an – die Parteifreunde haben ihn mit einer Zustimmungsquote von 98,5 Prozent nominiert. Und so wetterwendisch die politischen Zeiten momentan auch sind, so bedenklich traditionelle Wählerbindungen auch bröseln, so unberechenbar das Geschäft auch geworden ist: Wir verwetten zwar nicht unser Augenlicht, aber immerhin unsere Gleitsichtbrille, dass Pfeiffer 2017 das Direktmandat holt, wie schon 2002, 2005, 2009 und 2013.

Er darf wohl den Koffer packen: Jürgen Braun, AfD

Pfeiffer ist nicht unser einziger heißer Tipp. Sofern bis zur Wahl nicht noch irgendetwas ganz Unvorhergesehenes passiert und zum Beispiel die Flüsse aufwärts fließen und die Hasen Jäger schießen, wird auch Jürgen Braun, Wahlkreis-Kandidat der AfD, das Ticket nach Berlin lösen. Der Mann, der innerhalb seiner Partei zum gemäßigten Flügel gehört, belegt auf der Landesliste nämlich Platz sechs. Um zu ermessen, was für eine fulminant gute Position das ist, hilft ein kurzer Exkurs: Bei der Bundestagswahl 2013 holten in Baden-Württemberg die Grünen elf Prozent und ernteten dafür zehn Landeslisten-Mandate, die SPD ergatterte im Ländle 20,6 Prozent und 20 Sitze für ihre Südwest-Kandidaten. Überträgt man diese rechnerische Konstellation auf Braun, heißt das: Platz 6 dürfte ihm bereits reichen, wenn seine AfD in Baden-Württemberg nur auf matte sechs oder acht Prozent käme – derzeit aber liegt die Partei bei Wahlumfragen bundesweit zwischen 10 und 13 Prozent und holte bei der Landtagswahl 2016 gar 15 Prozent.

Außenseiterchancen: Andrea Sieber, Grüne

Für die Grünen tritt im Wahlkreis Waiblingen Andrea Sieber an. „Wir freuen uns außerordentlich, dass sie einen so aussichtsreichen Platz auf der Landesliste errungen hat“, texteten neulich Willi Halder und Petra Häffner in einer Pressemitteilung. Mit Verlaub, wir von der Zeitung hegen leise Zweifel an dieser euphorischen Einschätzung – Sieber hat nämlich die Nummer 17 ergattert. Sicher, bei der Landtagswahl 2011 holten die Grünen 24 Prozent, 2016 gar 30. Aber da schlug der Kretschmann-Faktor voll durch. Bei Bundestagswahlen herrschen andere Gesetze. 2013 kamen die Landes-Grünen nur auf elf Prozent und zehn Sitze, 2009 auf 13,9 Prozent und elf Sitze.

Mit 70 noch mal ran? Vielleicht Reinhard Neudorfer, Linke

Mehrmals bei Bundestagswahlen hat der unbeugsame Reinhard Neudorfer für die Linke im Wahlkreis Waiblingen den Kandidaten-Charakterkopf hingehalten, immer im sicheren Wissen, dass es für ihn persönlich nichts zu gewinnen gab. 2013 trat er altershalber nicht mehr an – und sagt nun: „Ich schließe nicht aus“, 2017 mit dann 70 Jahren doch noch mal in die Bütt zu steigen. Einer muss es ja tun. Neudorfer hätte „nichts dagegen, wenn mal jemand Jüngeres, vielleicht auch ‘ne Frau“ ranwill – nur hat offenbar noch niemand zugesagt. Nun gut, bis zur Nominierungsversammlung im Februar ist ja noch etwas Zeit. Wer auch immer den Job letztlich übernimmt – dass er oder sie mit einem der aussichtsreichen Landeslistenplätze eins bis fünf bedacht wird, „können Sie ausschließen“; etwas anderes zu behaupten, „wäre albern“.

Jung, weiblich, liberal: Lisa Walter, FDP

Lisa Walter aus Rudersberg, 29 Jahre jung, „die Lisa“, wie Parteifreunde sagen: Sie geht für die FDP im Wahlkreis Waiblingen ins Rennen. Gut möglich, dass ihr die Zukunft gehört – aber sicher nicht die allernächste. Denn selbst wenn die Liberalen diesmal wieder die Fünf-Prozent-Hürde überspringen sollten: Walter hat auf der Landesliste Platz 18. Für die gelernte Bankkauffrau birgt der Wahlkampf dennoch Chancen: sich zu profilieren, bekannter zu werden, parteiintern Ansehen zu gewinnen. Eine Perspektivbewerbung sozusagen.

So, das war’s. Das heißt: Halt, nein – wer kandidiert eigentlich für die Genossen? Das lesen Sie auf der nächsten Seite.


Die Waiblinger Sozialdemokraten, sie waren mal wer: 30 Jahre lang, von 1980 bis zu seinem Tod 2010, repräsentierte sie im Bundestag ein politischer Weltstar, Hermann Scheer, Ehrenprofessor der Tongji-Universität in Shanghai, Träger des Weltpreises für Solarenergie, des Weltpreises für Bio-Energie, des Weltpreises für Windenergie, des Alternativen Nobelpreises, des Buchpreises der Deutschen Umweltstiftung und so weiter und so fort. Die Realität im Jahre 2016 hört sich weniger kosmopolitisch an: Nein, einen Kandidatennamen für den Wahlkreis Waiblingen könne er aktuell noch nicht präsentieren, sagt der Kreisvorsitzende Jürgen Hestler.

Alexander Bauer, der sich 2013 versuchte, will 2017 nicht noch einen Schmerz erleiden, „Katrin Altpeter kandidiert auch nicht“. Der Job ist aber auch wirklich recht undankbar: Wer auch immer es macht im Wahlkreis Waiblingen, wird es schwer haben, „auf der Landesliste zu reüssieren“, die im März erstellt wird. Grund: Christian Lange, der im Nachbarwahlkreis Backnang/Gmünd kandidiert, wird wohl einen sicheren Listenplatz bekommen und wieder in den Bundestag einziehen – der Rems-Murr-Kreis ist damit sozusagen schon versorgt.

Einen zweiten guten Listenplatz für Waiblingen könnte allenfalls jemand mit ausgesprochen gutem Namen und großem parteiinternen Einfluss ergattern. Matthias Klopfer vielleicht? Dessen Dementi fällt glasklar aus: „Definitiv nicht. Es ist großartig, Oberbürgermeister in Schorndorf zu sein.“

Dann eben jemand von außen, eine Importlösung? Nils Schmid wäre theoretisch einer gewesen, der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident unter Kretschmann – dass Schmid nach der Landtagswahlschlappe einen Bundestagswahlkreis suchte, um sich von Stuttgart nach Berlin zu verändern, war kein Geheimnis. Allein, er ist mittlerweile schon in Nürtingen fündig geworden.

Wer böse ist, könnte ätzen: Für die SPD im Wahlkreis Waiblingen anzutreten, ist ein Himmelfahrtskommando – ein Haufen Arbeit und keine Chancen. Kreis-Chef Jürgen Hestler drückt es positiver aus: Das sei eine Aufgabe für jemanden „voller Idealismus“. Also am Ende womöglich eine Nachwuchskraft, aus Juso-Reihen, ein neues Gesicht? So jemand hätte nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen: die Dankbarkeit der Partei, wachsendes Renommee, politische Erfahrung. Eine Kandidatur als Investition in die Zukunft? Nun gut, man wird sehen. Er sei „zuversichtlich“, sagt Jürgen Hestler, dass er „bis Weihnachten“ einen Namen präsentieren könne.