Waiblingen

Busfahrer – ein Job für Ukraine-Flüchtlinge? OVR und Fischle sind skeptisch

Inteview mit OVR-Geschäftsführer Horst Windeisen
Horst Windeisen, Geschäftsführer des Waiblinger Busunternehmens OVR, fand die Idee, Ukrainer verstärkt als Busfahrer einzusetzen, zunächst gut – doch nach Prüfung der möglichen Umsetzung sieht er einige Schwierigkeiten. © ZVW/Gabriel Habermann

Deutschlandweit herrscht in der Busbranche Fahrermangel. Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen sprach erst Anfang 2022 davon, dass rund 36.000 Fahrer in den nächsten zehn Jahren fehlen werden. Flüchtlinge aus der Ukraine, die wegen Putins Angriffskrieg ihre Heimat verlassen mussten, könnten diese Lücken theoretisch füllen – doch eine Nachfrage beim Waiblinger Unternehmen Omnibus-Verkehr Ruoff GmbH (OVR) und bei der Fischle Regionalverkehr Stuttgart GmbH & Co. KG zeigt, dass es in der Praxis doch einige Hürden gibt.

Frauenanteil bei den Busfahrern liegt bei OVR bei sechs Prozent

OVR-Geschäftsführer Horst Windeisen hatte zunächst auch die Idee, Ukrainer als Fahrer zu gewinnen. „Wir haben das intern schon durchdiskutiert.“ Das Ganze wurde aber wieder verworfen – aus mehreren Gründen. Zum einen wird der Job des Busfahrers seit jeher größtenteils von Männern ausgeübt – was laut Horst Windeisen dazu führt, dass sich viel weniger Frauen bewerben.

Der OVR-Geschäftsführer würde sich zwar mehr Busfahrerinnen wünschen, aber im eigenen Unternehmen liegt der Anteil derzeit nach seinen Angaben gerade mal bei sechs Prozent – und das sei für seine Branche bereits eher hoch. Die Geflüchteten, die derzeit aus der Ukraine kommen, sind aber vor allem Frauen und Kinder. Die Männer bleiben in der Regel im Land, melden sich als freiwillige Kämpfer im Krieg gegen die russischen Angreifer. Horst Windeisen glaubt deshalb nicht, dass das Interesse bei den Flüchtlingen aus der Ukraine hoch ist, Busfahrer zu werden.

Qualifikationsanforderungen an Busfahrer: 140 Unterrichtseinheiten

Dazu kommen die formal höheren Qualifikationsanforderungen an Busfahrer in Deutschland. Der Fachbegriff dafür lautet laut Horst Windeisen Schlüsselzahl 95. Dieser Eintrag im Führerschein berechtigt zum gewerblichen Fahren im Güter- oder Personenverkehr – und man erhält ihn mit der erfolgreich bestandenen beschleunigten Grundqualifikation. Insgesamt 140 Unterrichtseinheiten der theoretischen und praktischen Ausbildung sind hier fällig, inklusive schriftlicher Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) – und alle fünf Jahre müssen Fahrer mindestens 35 Stunden Weiterbildung absolvieren. Die Ausbildung müsse dabei vom Unternehmen bezahlt werden – und das lohnt sich laut Horst Windeisen für die Firma nur, wenn man überzeugt sei, dass der Fahrer langfristig bleiben will.

Landkreis verlangt bei Vergaben, dass die Busfahrer ein bestimmtes Sprachniveau beherrschen

Dazu kommt das Problem mit der deutschen Sprache. Horst Windeisen könnte sich zwar noch vorstellen, die möglichen Interessenten aus der Ukraine nicht auf Deutsch zu prüfen, sondern hier beispielsweise Tests auf Russisch anzubieten – immerhin spricht der Großteil der Ukrainer Russisch. Allerdings ist ein Problem damit nicht aus der Welt: Bei Vergaben von Landkreisen für Buslinien steht in den Kriterien oft drin, dass die Unternehmen verpflichtet sind, Fahrer mit gewissen Sprachkenntnissen zu beschäftigen – und das, sagt Horst Windeisen, sei im Rems-Murr-Kreis auch der Fall. Der OVR-Geschäftsführer kann das nachvollziehen, schließlich sollen Busfahrer auf Fragen von Fahrgästen auch auf Deutsch Auskunft geben können.

240 Busfahrer hat das Waiblinger Busunternehmen OVR

OVR mit seinen 240 Busfahrern an acht Standorten spürt den deutschlandweiten Busfahrermangel nach eigenen Angaben nicht so stark. Noch, sagt Horst Windeisen, müsse er die Fahrer nicht händeringend suchen, aber er gibt zugleich zu, dass es die Branche insgesamt schwer hat. „Ich möchte nicht bestreiten, dass es einen Fahrermangel gibt.“ Warum OVR unter diesem noch nicht wirklich leide, erklärt sich Horst Windeisen damit, dass sein Unternehmen verlässliche Dienstpläne biete und einen Betriebsrat habe. „Wir haben bei den Interessenten einen ganz guten Namen.“

Ralf Steinmetz, Geschäftsführer der Fischle Regionalverkehr Stuttgart GmbH & Co. KG mit Hauptsitz in Esslingen, teilt mit, dass sein Busunternehmen im Moment den Fahrerbedarf noch weitgehend abdeckt. Fischle ist Mieter auf dem Gelände des OVR-Betriebs in Beinstein. „Wir bekommen regelmäßig Bewerbungen und können Abgänge noch kompensieren“, betont Ralf Steinmetz. Dieser Umstand dürfte nach seiner Einschätzung aber zu einem wesentlichen Anteil der aktuellen Corona-Lage geschuldet sein. Das Reisebusgeschäft habe noch lange nicht den Umfang von vor Corona erreicht und die ursprünglich im Reiseverkehr eingesetzten Fahrer stünden somit noch im Linienverkehr zur Verfügung. „Sobald das Reisebusgeschäft wieder Fahrt aufnimmt, werden einige Fahrer wieder lieber Reise fahren wollen.“

Fischle-Geschäftsführer Ralf Steinmetz:  „Unser Fahrpersonal ist im Schnitt Mitte 50“

Das viel größere Problem ist nach Ansicht des Geschäftsführers jedoch die demografische Altersstruktur. „Unser Fahrpersonal ist im Schnitt Mitte 50“. Spätestens in zehn Jahren werde sich da ein riesiges Problem auftun, weil so viele jüngere Fahrer nicht nachkämen. „Dann ist auch eine Verkehrswende stark gefährdet“, findet Ralf Steinmetz. Schließlich kann die von der Landespolitik gewünschte Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs kaum gelingen, wenn bei den Linienbussen die Fahrer fehlen.

Mindestens Deutschkenntnisse auf dem Sprachniveau B 2

Auf die Frage, ob es klug wäre, den Geflüchteten aus der Ukraine die Chance zu geben, als Busfahrer zu arbeiten beziehungsweise eine Ausbildung als Busfahrer zu machen, antwortet Ralf Steinmetz, dass jeder Migrant, der auf dem Arbeitsmarkt und insbesondere im Transportgewerbe integriert werden könne, ein Gewinn sei. „Das gilt auch für die Ukrainer.“ Allerdings gebe es dafür zwei Hürden, die zunächst überwunden werden müssten – in erster Linie die Sprache. Gute Deutschkenntnisse, mindestens auf dem Sprachniveau B 2, seien Voraussetzung für eine Beschäftigung als Busfahrer. „Und dann müssen sie noch den Busführerschein erwerben.“ Letzteres dauert mindestens drei Monate und kostet mittlerweile über 12.000 Euro.

Ralf Steinmetz verweist aber auch auf bislang gute Erfahrung mit Flüchtlingen. „An einem anderen unserer Standorte haben wir sehr gute Erfahrungen mit Migranten gemacht. Dort haben wir seit längerer Zeit mehrere Syrer und Iraner beschäftigt, die seitdem einen hervorragenden Job machen.“ Der Fischle-Geschäftsführer betont aber, dass sein Unternehmen am Standort Waiblingen im Moment keinen Bedarf an neuen Fahrern hat. „In Schorndorf könnten wir zwei bis drei Fahrer gebrauchen.“ Wer die zuvor genannten Voraussetzungen erfülle, sei jederzeit willkommen und könne kurzfristig beginnen.

Die explodierenden Spritpreise machen OVR mehr zu schaffen

OVR-Geschäftsführer Horst Windeisen verweist indes darauf, dass es in seiner Branche aktuell Sorgen gibt, die drängender sind als der Fahrermangel. Die explodierenden Spritpreise machen dem Waiblinger Busunternehmen gerade sehr zu schaffen. Schließlich bestehen laut Windeisen 20 Prozent der Gesamtkosten aus den Ausgaben für Diesel. Wenn nun die Dieselpreise explodieren, könne man sich vorstellen, was das bedeute. Man stehe deshalb aktuell in Verhandlungen mit dem Verkehrsminister und dem Landkreis. Dazu kommt, dass die Branche durch die wegen Corona gesunkenen Fahrgastzahlen sowieso gebeutelt ist.

Deutschlandweit herrscht in der Busbranche Fahrermangel. Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen sprach erst Anfang 2022 davon, dass rund 36.000 Fahrer in den nächsten zehn Jahren fehlen werden. Flüchtlinge aus der Ukraine, die wegen Putins Angriffskrieg ihre Heimat verlassen mussten, könnten diese Lücken theoretisch füllen – doch eine Nachfrage beim Waiblinger Unternehmen Omnibus-Verkehr Ruoff GmbH (OVR) und bei der Fischle Regionalverkehr Stuttgart GmbH & Co. KG zeigt, dass es

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