Waiblingen

Corona-Jugend: Die verpassten Jahre und ihre Folgen

Jugendlicher
Viele Jugendliche halten es zu Hause nicht aus und gehen auf die Straße. © Paolese - stock.adobe.com

Der Alltag hat nach dem gefühlten Ende der Corona-Pandemie wieder volle Fahrt aufgenommen. Aber nicht für alle: Das Leben mancher Jugendlicher, das noch gar nicht recht begonnen hat, ist während der Pandemie komplett ins Stocken geraten. So etwa für einen jungen Mann aus Waiblingen. Eines Tages stand er vor der Tür des „Clubs 106“ der mobilen Jugendarbeit in der Stuttgarter Straße, vom Drogenkonsum gezeichnet. Das Team der Sozialarbeiter kannte ihn schon aus der Zeit vor der Pandemie. Damals, das wussten sie, konsumierte er Cannabis. Doch insgesamt, so Katharina Güdemann, gehörte er „zu den Stabilen“. Gute Familienverhältnisse – und er hatte eine Freundin. Was bei jungen Männern oft das Signal sei, dass sie die Kurve gekriegt haben. Nachdem zwei Jahre kein Kontakt mehr bestand, hatte aber die Sucht überhandgenommen. „Alles außer Heroin“ habe er zwischenzeitlich konsumiert, und er trug sich mit Suizidgedanken.

Jugendtypische Lebenswelten sind weggefallen

Das ist nur ein krasses Einzelbeispiel dafür, wie die Corona-Pandemie das Leben junger Menschen verändert hat. Weggefallen sind „jugendspezifische Lebenswelten, strukturierende Angebote und Gelegenheiten, die in der Jugendphase selbstverständlich und von zentraler Bedeutung für die Identitätsentwicklung sind“, so die Analyse von Karl-Henning Reuter, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendförderung der Stadt Waiblingen.

Die Zahl der individuellen Beratungen hat im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 44 Prozent zugenommen. Das sind die schwierigen Fälle junger Leute, die intensive Begleitung brauchen. Das Sozialarbeiter-Team traf sich mit jungen Leuten zwischen 14 und 26 Jahren zu 616 solcher Termine, die jeweils 90 Minuten dauern. Von den 116 jungen Gesprächspartnern waren weniger als ein Viertel weiblich.

Beengte Wohnverhältnisse zwingen zur Flucht auf die Straße

Grundsätzlich haben die Jugendlichen ganz unterschiedlich auf die Corona-Beschränkungen reagiert. Die einen haben sich gewissenhaft an die Kontaktverbote gehalten, andere haben sich, möglichst an versteckten Orten, weiter getroffen. Jugendtypisches Verhalten – einerseits. Beengte Wohnverhältnisse erhöhten den Leidensdruck erheblich: Die Streetworker kennen Familien, die zu sechst in Zweizimmerwohnungen leben. Da hört sich das „Wir bleiben zu Hause“ des ersten Lockdowns doch recht weltfremd und naiv an.

Die Flucht auf die Straße wird zu einer nachvollziehbaren Reaktion. Mancher junge Mann häufte auf die Art Corona-Bußgelder in vierstelliger Höhe an.

Online-Schulunterricht – unter diesen Bedingungen kaum vorstellbar. Doch auch in größeren Wohnungen kamen nicht alle Schüler gut damit zurecht. Manche schwänzten und zogen schon morgens lieber einen Joint. So verlor sich die Struktur, und auch in Sachen Berufsorientierung herrschte Stillstand. Die Betriebe boten kaum noch Praktika an. Ämter wie das Jobcenter waren schwerer erreichbar, benötigte Therapieangebote konnten teilweise nicht wahrgenommen werden.

Geldmangel führt zu Konflikten

Unabhängig von Corona müssen etliche Jugendliche traumatische Erfahrungen bewältigen und bewegen sich dabei in prekären Verhältnissen. Einer musste mit ansehen, wie der Vater versuchte, die Mutter zu töten. Schon bevor der Vater in Haft kam, fehlte es ständig an Geld. In solchen Situationen lassen sich instabile junge Leute leicht verleiten, bei kleinen Diebstählen mitzumachen oder das wenige Geld hoffnungsvoll in einen Spielautomaten zu stecken. Geldmangel und die Frage, wann geliehenes Geld zurückgezahlt wird, führt unter Freunden öfters zu Konflikten.

Akzeptanz: Eine seltene Erfahrung

Das kleine Team der mobilen Jugendarbeit kümmert sich um die, die woanders durchs Netz fallen. Um die, die auch an den öffentlichen Plätzen, an denen sie sich treffen, oftmals nicht erwünscht sind. Die Sozialarbeiter um Katharina Güdemann bringen ihnen etwas entgegen, was sie sonst nicht so erfahren: Respekt und Akzeptanz. Ohne sich anzubiedern, gewinnen sie Vertrauen und haben schon viele in die richtige Spur gebracht. Die 35-Jährige staunt selbst, welches Maß an Resilienz junge Menschen, die traumatisierende Fluchtgeschichten und schlimmste Misshandlungen miterlebt haben, aufbauen können. So mancher, der die individuellen Beratungen im Club 106 in Anspruch nahm, hat inzwischen eine Ausbildung absolviert und im Berufsleben Fuß gefasst.

Zeller-Platz als Erfolg der Jugendarbeit

Dass die mobile Jugendarbeit von Erwachsenen gerade dann gerne gerufen wird, wenn Jugendliche an öffentlichen Plätzen als „störend“ empfunden werden, ist ein Teil der Geschichte. Wobei die Streetworker zwar vermitteln, aber auch einen „parteilichen“ Ansatz vertreten, wie Karl-Henning Reuter erklärt. Partei für die Jugendlichen. Dass der Elsbeth-und-Hermann-Zeller-Platz beim Familienzentrum Karo zwar weiter zu den beliebten Treffpunkten gehört, Konflikte aber weitgehend befriedet werden konnten, das sei ein klarer Erfolg der mobilen Jugendarbeit.

Der Alltag hat nach dem gefühlten Ende der Corona-Pandemie wieder volle Fahrt aufgenommen. Aber nicht für alle: Das Leben mancher Jugendlicher, das noch gar nicht recht begonnen hat, ist während der Pandemie komplett ins Stocken geraten. So etwa für einen jungen Mann aus Waiblingen. Eines Tages stand er vor der Tür des „Clubs 106“ der mobilen Jugendarbeit in der Stuttgarter Straße, vom Drogenkonsum gezeichnet. Das Team der Sozialarbeiter kannte ihn schon aus der Zeit vor der Pandemie.

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