Waiblingen

Corona vermasselt die Feierlichkeiten zu 125 Jahren CVJM Waiblingen: Vor welchem Problem der Verein außerdem steht - und wie viele Frauen es im Ex-Männerclub gibt

CVJM Waiblingen im Jahr 1895
Die Jugendabteilung des CVJM Waiblingen im Jahr 1920 – 25 Jahre nach der Gründung. © CVJM

Seine Geburtstagsfeier zum 125-jährigen Bestehen musste der CVJM wegen der Corona-Pandemie in den Kamin schreiben. Statt Festwochenende sei ein abgespeckter Gottesdienst das Höchste der Gefühle gewesen. Vier statt der vorgesehenen 150 Posaunenbläser versuchten, mit Chorälen trotzdem Feierstimmung aufkommen zu lassen.

„Feiern – ob und wie? Das war zu entscheiden, mit Weisheit und Umsicht in diesen ungewissen Tagen mit allen Schutzbestimmungen“, begrüßte CVJM-Vorstand Andrea Böhringer 90 Gottesdienstbesucher, die sich abstandhaltend in der Michaelskirche versammeln durften. „Die Besucher haben gewürdigt, dass wir aus der Reihe jener ausscheren, die alles komplett absagen“, berichtet Matthias Wagner, Pfarrer der Michaelskirche West. Eigentlich hätten 150 Bläser verschiedener CVJM-Posaunenchöre den Gottesdienst am Festtag musikalisch gestalten sollen. Doch die über Waiblingen hinausreichende Bezirksveranstaltung mit Workshops und Konzerten habe sich schon im Sommer erledigt gehabt. Als Nächstes mussten sie sich gedanklich vom geplanten Konzert mit dem Schwäbischen Posaunendienst des Evangelischen Jugendwerks verabschieden, für das Landesposaunenwart Hans-Ulrich Nonnenmann als Chorleiter zugesagt hatte.

Übrigblieb ein „Gottesdienst in Minimalst-Ausführung“, so Pfarrer Wagner, der den coronagemäßen, auf 40 Minuten gekürzten Gottesdienst gemeinsam mit Johannes Büchle vom Landesverband gestaltet hat. „Wir stellen fest, wie schnell Veränderungen geschehen, die wir kaum beeinflussen können“, so Andrea Böhringer in ihrem Grußwort. Jetzt mit Gelassenheit vorwärts zu schauen, falle nicht leicht – unabhängig von Corona. Die Arbeit der Laienbewegung sei in Veränderung begriffen, sie spüre die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder. „Viele junge Leute lassen sich schwer für eine dauerhafte Mitarbeit in einer regelmäßigen, wöchentlichen Gruppe, etwa als Jungscharleiter, gewinnen – da sind wir auf der Suche nach jungen Menschen“, so Andrea Böhringer.

Projekte wie die „Worship-Party“ zweimal jährlich, bei der kein Mangel an Mitarbeitern sei, freuen sich hingegen über regen Zulauf. Die Jugendlichen seien unverbindlicher, wollen spontan bleiben, nutzten eine größere Bandbreite an Angeboten. „Man sieht es an den Teilnehmenden beim offenen Spieleabend: mal kommen sie, mal nicht.“ Dennoch gebe es den harten Kern, ohne den eine Gruppe nicht funktioniert.

Ein bisschen was von diesem „Dennoch“ passe gut in die Zeit, in der Mut gefragt ist, sich immer wieder neu auf die Suche zu begeben. So wie Jesus die „liebevolle Sorge“ um ein verloren gegangenes Schaf antreibt, „dranzubleiben“, wie Pfarrer Wagner in seiner Predigt sagte. Das Gleichnis sei ein Aufruf, „dranzubleiben in eurem Gebet für die rechten Entscheidungen in diesen schwierigen Zeiten, für Geduld, Freude und Motivation.“

Chronik des CVJM Waiblingen: 1895 bis 2020

  • Vor 125 Jahren hat die Jugendorganisation „Christlicher Verein Junger Männer“ in Waiblingen Fuß gefasst. 41 süddeutsche Jünglingsvereine hatten sich bereits 1868 zu einem Bund zusammengeschlossen, darunter war der Waiblinger Jünglingsverein. Am 20. Januar 1869 wurde in Stuttgart der Süddeutsche Evangelische Jünglingsverein gegründet.
  • Die CVJM-Arbeit folgt der „Pariser Basis“ von 1855. Danach haben die „Christlichen Vereine Junger Männer den Zweck, solche jungen Männer miteinander zu verbinden, welche Jesus Christus nach der Heiligen Schrift als ihren Gott und Heiland anerkennen, in ihrem Glauben und Leben seine Jünger sein und gemeinsam danach trachten wollen, das Reich ihres Meisters unter jungen Männern auszubreiten“.
  • Die Präambel von 1855 sah keine Frauen vor. Heute vertritt der CVJM 64 Millionen Mitglieder in 120 Ländern - darunter sind laut Statistik des CVJM Deutschland 41 Prozent Frauen, deutschlandweit sind 47 Prozent der 310 000 Mitglieder weiblich. Im CVJM Waiblingen halten sich Männer und Frauen die Waage: Rund die Hälfte der 91 Mitglieder sind nach Auskunft von Vorstand Andrea Böhringer weiblich.
  • 114 Jahre nach der Gründung des CVJM starteten die ersten Mädchengruppen. Der Gesamtverband hat eine Zusatzerklärung aufgenommen und jeder Ortsverein musste darüber abstimmen, ob er sie aufnimmt in seine eigene Vereinssatzung. Der CVJM Waiblingen hat sie 1983 aufgenommen und es konnten sich fortan auch Mädchengruppen bilden. „Es gab davor schon Mädchengruppen im Verein, aber noch nicht unter offizieller Flagge“, informiert Andrea Böhringer.
  • 1987 fusionierte der CVJM mit der evangelischen Gemeindejugend, damals kam es zur Namensänderung und zur Geburtsstunde des „Christlichen Vereins Junger Menschen“.
  • 1959 verzeichnete die Volleyballgruppe große Erfolge: Süddeutscher Volleyballmeister und dritter Platz bei den deutschen Meisterschaften. „Die internationale Sportarbeit des CVJM war sehr wichtig nach dem Krieg, gerade deutsche Mannschaften und auch die Waiblinger brachten ein Zeichen des guten und versöhnenden Geistes mit“, sagte Andrea Böhringer, Vorstand des CVJM Waiblingen.
  • Vom Kirchentag 2017 brachten sie persönliche Grüße des Bundespräsidenten aus Wittenberg mit ins Remstal: So sei Frank-Walter Steinmeier nach dem Abschlussgottesdienst mit 5000 Bläsern an der Gruppe aus Waiblinger Posaunenchorbläsern vorbeigelaufen. Sie saßen beim Picknick auf der Festwiese. Es war eine fröhliche Stimmung. Ein Bläser des Posaunenchors rief ihm ausgelassen zu: „Herr Bundespräsident, der CVJM Waiblingen grüßt sie“. Darauf der Bundespräsident: „Sagen sie liebe Grüße an ganz Waiblingen.“

Jubiläums-Ausblick 2021: „125+1“

Die 125-Jahr-Feier soll musikalisch, sportlich und gesellig nachgeholt werden – vielleicht im kommenden Jahr. Die ersten Planungen für das Jubiläum „125+1“ sind angelaufen. Das könnte es geben:

  • 21. März: Festtag in der Jugendkirche: Gottesdienst mit Dekan Timmo Hertneck; CVJM-Posaunenchor unter der Leitung von Andreas Richter; Jugendband mit Jugendreferent Daniel Paul; Grußworte: Oberbürgermeister Andreas Hesky, Vassili Konstantinidis (CVJM-Gesamtverband in Kassel), Bernd Bischoff (Christliche Pfadfinder Waiblingen), Tobias Herman (Evangelisches Jugendwerk Bezirk Waiblingen); Ausstellung zur Vereinsgeschichte mit Interviews
  • 15. Mai: Sporttag: „CVJM Quattro-Ball-Turnier“ in den vier Ballsportarten Volleyball, Handball, Fußball und Indiaka mit acht Mannschaften aus verschiedenen CVJMs und Kirchengemeinden.
  • 16. Mai: Familientag: mit „Mr. Joy“
  • In Planung, Termine aber noch offen: Bläserworkshops mit Andreas Richter; Zwei Konzerte mit dem Schwäbischen Posaunendienst des EJW.

Seine Geburtstagsfeier zum 125-jährigen Bestehen musste der CVJM wegen der Corona-Pandemie in den Kamin schreiben. Statt Festwochenende sei ein abgespeckter Gottesdienst das Höchste der Gefühle gewesen. Vier statt der vorgesehenen 150 Posaunenbläser versuchten, mit Chorälen trotzdem Feierstimmung aufkommen zu lassen.

„Feiern – ob und wie? Das war zu entscheiden, mit Weisheit und Umsicht in diesen ungewissen Tagen mit allen Schutzbestimmungen“, begrüßte CVJM-Vorstand Andrea Böhringer

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