Waiblingen

Dönerbesuch endet vor Gericht

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Weil er drei Schüler mit einer abgeschlagenen Bierflasche attackiert hat, ist ein 21-jähriger Algerier zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Auch wenn er beteuerte, sich an nichts erinnern zu können, sah es das Jugendschöffengericht als erwiesen an, dass Neven Z. in drei Fällen der gefährlichen Körperverletzung schuldig ist.

Es war an einem Abend im Mai 2016. Eine Gruppe von Freunden, alles Waiblinger Schüler und Schülerinnen, wollte sich zum Döneressen in einem Imbiss in der Bahnhofstraße treffen. Als das erste Pärchen eintraf, sprach Neven Z. das Mädchen an. Weil ihr Freund von ihm wissen wollte, was er gesagt hatte, kam es zu einem Streit mit vielen Worten, die aber keiner der Beteiligten verstand: Neven Z. spricht fast kein Deutsch. Die Auseinandersetzung eskalierte, als die anderen Jungs der Clique dazukamen und sich Neven Z. offenbar bedroht fühlte. Er schlug eine Bierflasche kaputt, verletzte damit drei der Schüler an Hals, Kopf und Schläfe. Danach flüchtete er, rannte Richtung Bahnhof und konnte dort die Jungs abschütteln, die ihn verfolgten.

Staatsanwältin sah keine Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit

So weit die Fakten, die weder vom Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richter Martin Luippold noch von der Staatsanwältin oder dem Verteidiger in Frage gestellt wurde. Dennoch beurteilten Staatsanwältin und Verteidiger die Frage der Schuld sehr verschieden. „Er wollte die Personen gezielt verletzen“, stellte die Staatsanwältin fest. Weil sie auch keine Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit sah, plädierte sie wegen gefährlicher Körperverletzung in drei Fällen auf zwei Jahre und neun Monate Gefängnis ohne Bewährung.

„Ein Wort gab das andere“

„Völlig überzogen“ fand das der Verteidiger, der die Ursachen für die blutige Auseinandersetzung auf beiden Seiten ausmachte: „Wenn an diesem Abend nicht einige so viel Kraft gehabt hätten, wäre nichts weiter passiert“, meinte er. Der Freund habe sich genötigt gesehen, Neven Z. zur Rede zu stellen, „ein Wort gab das andere“. Der Angeklagte müsse auch erheblich betrunken gewesen sein. „Man schubste sich gegenseitig, eine Verständigung war fast nicht möglich.“ Dann seien die anderen dazugekommen, weshalb Z. nach Ansicht des Verteidigers überreagierte: „Der Angeklagte ist nicht im friedlichen Waiblingen aufgewachsen“, erinnerte er. „Er sah sich erheblichen körperlichen Gefahren ausgesetzt.“ Dass einer der Freunde versucht hatte, deeskalierend auf Neven Z. einzuwirken, und ihm die Flasche abnehmen wollte, bezeichnete der Verteidiger als höchst riskantes Verhalten. Nicht vorsätzlich, sondern im Rahmen der Abwehr habe Neven Z. die drei verletzt. „Der Angeklagte ist intellektuell nicht gerade auf einem hohen Niveau“, bescheinigte er seinem Mandanten. Er habe sich im Leben allein durchschlagen müssen.

Angeklagter möchte nicht zurück nach Algerien

Der 20-Jährige selbst trug trotz eines Übersetzers nicht viel bei zur Wahrheitsfindung. Aufgewachsen mit zehn Geschwistern in Algerien in ärmlichen Verhältnissen, verließ er eigenen Angaben zufolge mit elf die Schule und arbeitete von da an in der Autowerkstatt seines Bruders. Mit 15 Jahren verließ er das Land und kam über Tunesien, Marokko, Spanien, Frankreich und Österreich nach Deutschland. Dort strandete er in Mannheim, seit gut eineinhalb Jahren lebt er in Waiblingen. Über sein Asylverfahren ist noch nicht entschieden. „Ich habe kein sicheres Land, in das ich gehen könnte“, sagte er. In Algerien könne er nicht leben, dort habe er viele Geschwister, aber keine Rechte. „Ich kann nicht zurück, sonst bringe ich mich um.“ Ob er Kontakt mit seinen Eltern habe, will die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe wissen. „Ich rede nicht gern mit ihnen“, sagte er mit Tränen in den Augen. Seit er 17 ist, nimmt er ein Beruhigungsmittel, das er sich eigenen Angaben zufolge am Bahnhof kauft. Trinkt er Alkohol?, will der Richter wissen. „Wenn ich unter Druck bin oder Probleme habe.“

Situation wurde bedrohlich

„Der Sachverhalt wurde bestätigt, die Aggressivität ging vom Angeklagten aus“, sagte Richter Luippold. Aus Sicht des Angeklagten sei die Situation bedrohlich gewesen, er habe dann den Fehler gemacht, sich zu bewaffnen. Ob die Verletzungen gezielt waren, wage er aber zu bezweifeln. Bei der Tat war er Heranwachsender, aus Sicht der Vertreterin der Jugendgerichtshilfe sollte tendenziell in seinem Fall das Erwachsenenstrafrecht angewandt werden. Dem folgte auch das Jugendschöffengericht. Ganz eindeutig sei dies allerdings nicht, denn bei einer Fluchtgeschichte finde kein richtiger Reifeprozess statt, so Luippold. Mit den Mitteln des Jugendstrafrechts sei bei Z. aber nichts mehr zu erreichen.

Das Urteil von einem Jahr und sechs Monaten wird zur Bewährung ausgesetzt. Zudem muss er 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten und an einem Integrationskurs teilnehmen. Denn daran ließ Luippold keinen Zweifel: „Er muss sich deutlich mehr Mühe geben, sich zu integrieren.“