Waiblingen

Dürre macht Landwirtschaft zu schaffen

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Drescher
Wie wird dieses Jahr die Wintergersten-Ernte ausfallen? Archivbild © Ralph Steinemann
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Helmut Bleher. © Privat

Waiblingen. Die dieses Jahr frühe Wärme trieb die Blüte. Die heftigen Frostnächte im April zerstörten sie und führten zu Millionenschäden im Obstbau und in den Weinbergen. Und nun also Dürre und Trockenheit – das bisschen Regen dieser Tage mal außen vor gelassen. Bald stehen Wintergerste und Winterweizen zur Ernte an. Die fehlenden Niederschläge werden wohl zu empfindlichen Verlusten führen. Auswirkungen des Klimawandels?

„Ja, es ist viel zu trocken für das Getreide“, sagt Helmut Bleher, Geschäftsführer des Bauernverbands Schwäbisch Hall Hohenlohe Rems. „Aber ich bin beim Thema Klimawandel immer vorsichtig.“ Es gebe wohl eine statistische Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur um ein bis zwei Grad, Deutschland und Baden-Württemberg erlebten jedoch gerade zyklische Wetterbewegungen, die es immer gegeben habe. „Mal war es zu nass, mal zu trocken, mal zu heiß, mal zu kalt.“

2016 gab es massive Probleme mit Pilzbefall

2016 zum Beispiel sei ein aus Sicht der Landwirtschaft zu feuchtes Jahr gewesen. „Wir hatten massive Probleme mit Pilzbefall beim Getreide und in den Weinbergen. Vor allem für die Biobetriebe war 2016 ein ganz schlechtes Jahr“, sagt Bleher. 2017 wiederum sei gut gestartet, die Getreidebestände sind gesund, aber es fehle eben nunmehr an Wasser. Das Klima sei im Grunde unkalkulierbar, ihm gefalle deshalb die Bauernregel: „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter – oder’s bleibt, wie es ist.“ Spaß beiseite, die einzige Bauernregel, die wohl gerade zutreffend sei: „Ist der Mai kühl und nass, füllt’s dem Bauer Scheuer und Fass.“ Also füllt’s dem Bauern heuer voraussichtlich nicht Scheuer und Fass.

Beim Winterweizen ist mit Verlusten zu rechnen

Die Wintergerste, die in den kommenden zehn Tagen reif wird, könnte noch passabel werden – sie wurde schon im September gesät, spielt aber im Rems-Murr-Kreis weniger eine Rolle als im Hohenlohischen, wo die Gerste als Schweinefutter gebraucht wird, sagt Bleher.

Dem im Rems-Murr-Kreis wichtigeren Winterweizen jedoch, der im Oktober gesät und voraussichtlich in dreieinhalb Wochen gemäht und gedroschen wird, fehlte genau in der „Kornfüllungsphase“ in den vergangenen Monaten die notwendige Flüssigkeit. Während der Wintergerste Niederschläge in den kommenden Juni- und Juli-Tagen noch helfen könnten, würden sich diese wohl beim Winterweizen nicht mehr erheblich positiv auswirken. „Beim Winterweizen ist mit empfindlichen Verlusten bei den Ernteerträgen zu rechnen. Die Körner werden verhältnismäßig klein und wenig mehlhaltig sein.“

Bierbrauer betroffen: Braugerste fällt mickriger aus

Die Verluste beim Winterweizen werden wohl auch die zu erwartenden leichten Preissteigerungen von prognostizierten 20 Euro pro Tonne (von 130 auf 150 Euro pro Tonne) nicht wettmachen. „Aber wir müssen abwarten. In drei bis vier Wochen wissen wir mehr.“

Auch der Zustand der Sommergetreide bereite der Bauernschaft Sorgen. So brauche die im März gesäte Sommergerste jetzt auf jeden Fall auch mal reichhaltige Niederschläge. Aufgrund ihrer kurzen Vegetationszeit kann sie, anders als die Wintergetreide, kein so umfassendes Wurzelwerk aufbauen. Die Bierbrauer werden das wohl auch zu spüren bekommen, wenn die Braugerste mickriger ausfällt.

Mais verkraftet das Wetter noch gut

Alles in allem kommt es nun zudem auf die Böden an. In der Gegend um Waiblingen, Leutenbach oder im Westen von Backnang gebe es für Getreide sehr guten lehmhaltigen Boden, der Wasser speichere. Ganz im Gegensatz zur Murrhardter Region oder auf dem Welzheimer Wald, wo durchlässige Sandböden überwögen, sagt Bleher.

Der Mais wiederum verkrafte die momentane Trockenheit. Noch. „Der Mais kann mit Wassermangel besser umgehen, braucht nur Anfang Mai genügend Wärme, und die hatte er. Wenn’s jetzt die nächsten Wochen noch regnet, kann er den Wassermangel wieder gut ausgleichen.“

Klimawandel und Nachhaltigkeit

Hat die momentane Dürre mit dem Klimawandel zu tun? „Ob eine direkte Kausalität besteht, kann ich nicht sagen“, sagt Laurens Krämer aus Owingen (Bodenseekreis), Agraringenieur und Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft, ländlicher Raum und Ernährung, eine LAG der Grünen. Er gebe hier allerdings seine persönliche Meinung wieder.

„Im Forst, zum Beispiel der Gemeinde Villingen-Schwenningen, werden schon seit einiger Zeit die Wälder von Fichte/Buche auf Tanne/Eiche umgebaut, weil Letztere geeignet sind, auch in wärmeren Klimata gute Ergebnisse zu liefern.“ Bekanntlich stamme das Prinzip „Nachhaltigkeit“ – der Begriff werde ja inzwischen von vielen und inflationär gebraucht – aus dem Waldbau und heiße, „dass dort nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten gedacht und der Klimawandel offenbar als möglich eingestuft wird“, so Krämer.

„Diese Denkart und Handlungsweise sollten sich Landwirte meiner Meinung nach gleichsam zu eigen machen, wenn sie eine langfristige Bodenfruchtbarkeit und damit eine nachhaltige Produktivität ihrer Böden erreichen wollen“, sagt Krämer.

Dass extreme Wetterereignisse zunehmen, sei bekannt. Die Rückversicherer berücksichtigten sie schon länger bei ihren Risikoprognosen. Die Landwirte seien gut beraten, sich darauf einzustellen. „Obsterzeuger zum Beispiel am Bodensee machen dies bereits, indem sie ihre Anlagen großflächig mit Hagelnetzen schützen.“

Er selbst sei noch kein „Klimawandelfachmann“, habe allerdings im Süden von Tansania (Makondeplateau) erlebt, wie eine im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit angeregte, ausgeprägte Kompostwirtschaft auf sandigen Böden zu einem deutlichen Aufbau von Humus geführt hat – was natürlich ein bekanntes Phänomen ist, so Krämer.

„Der hohe Humusgehalt wiederum steigerte die Wasserspeicherfähigkeit der ansonsten armen Böden signifikant. So konnten Perioden von starker Trockenheit dem Gemüsebau dort vergleichsweise wenig anhaben. Hierbei ging es nicht explizit um Ökolandbau, sondern um Strategien, auf extreme Wetterereignisse mit grundsätzlich veränderten Bewirtschaftungsmethoden zu reagieren.“