Waiblingen

Dankbar, doch die Scham bleibt

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Der Backwarenstand im Tafelladen ist sehr beliebt © Büttner / ZVW

Waiblingen. Sie ist keine, die sich beklagt. Als arm würde sie sich nie bezeichnen. „Ich hatte ein gutes Leben“, sagt Eva S.. 45 Jahre lang hat sie voll gearbeitet. Trotzdem bleiben ihr heute am Ende des Monats nach Abzug von Miete und Fixkosten gerade mal 350 Euro zum Leben. Ohne den Tafelladen würde Eva S. kaum über die Runden kommen. Sie ist dankbar. Doch die Scham, dort einkaufen zu müssen, bleibt.

Wenn Eva S. vor der Waiblinger Tafel darauf wartet, dass sich die Tür öffnet, hofft sie jedes Mal, dass sie keiner erkennt. „45 Jahre habe ich voll gearbeitet und gut verdient“, sinniert die alte Dame. „Man hat ein wahnsinniges Schamgefühl.“ Eigentlich habe sie in ihrem Leben ja so schwere Zeiten durchgemacht und sei so alt, dass sie drüberstehen müsste – „aber trotzdem ist man empfindlich.“

Kundin im Tafelladen? Unvorstellbar!

Dass sie im hohen Alter Kundin im Tafelladen werden würde, hätte sich Eva S. früher nicht vorstellen können. Geboren in Dresden, war sie als junge Frau in den Westen gekommen. Eine Lehre als Schreinerin hatte sie damals absolviert, den Gesellenbrief in der Tasche.

Doch im Westen fing sie zunächst in einem Krankenhaus als Stationshilfe an. Später fand sie Arbeit als Technische Zeichnerin. Sie kam nach Stuttgart, lernte ihren späteren Mann kennen und heiratete ihn mit 42 Jahren. Zusammen zogen sie nach Korb, wo sie lange Jahre sehr zufrieden lebten.

Nach Abzug der Miete bleiben 350 Euro zum Leben

Inzwischen ist Eva S. Rentnerin und seit langem auch Witwe. Kinder hat sie keine, auch keine Verwandten mehr. Irgendwann stellte sie sich deshalb die Frage, was geschehen soll, wenn sie mal Hilfe braucht. Durch einen glücklichen Umstand, wie sie es selber nennt, fand sie eine Wohnung in einer betreuten Wohnanlage. Das war Glück – einerseits -, aber auch der Anfang ihrer Probleme.

Denn Miete und Fixkosten schlagen in der Wohnanlage Monat für Monat mit insgesamt 1000 Euro schwer zu Buche. So dass am Ende nur noch 350 Euro zum Leben zur Verfügung stehen.

90 Euro pro Woche

Viel ist das nicht. Keine 90 Euro pro Woche für Essen und Trinken, Kleidung, Strom, Telefon, Versicherungen und die ÖPNV-Fahrkarte. Eva S. versorgt sich noch selbst, zum Einkaufen geht sie einmal in die Woche in den Tafelladen und kauft dort ein, was dort gerade so angeboten wird: vor allem Wurst und Fleisch, Pizza oder Zartbitter-Schokolade, wenn welche da ist.

Und die süßen Stückchen, über die sie sich ganz besonders freut. „Da bin ich richtig scharf drauf“, bekennt sie lachend. „Ich nehme so viele mit, wie ich bekomme, und friere sie ein. Dann habe ich immer was zum Kaffee.“ Die ehrenamtlichen Helfer bei der Tafel empfindet sie allesamt als bewundernswert freundlich und entgegenkommend.

Nicht immer sei das selbstverständlich, findet sie. Kleidung kauft sich die alte Dame nur noch selten. Mal ein Sonderangebot bei C&A oder bei Tchibo, manchmal auch in der Kleiderkammer im Untergeschoss des Tafelladens. „Da habe ich mir schon mal eine Hose und ein T-Shirt für zu Hause gekauft.“

„Ich beklage mich nicht“

Auch wenn sie sich jedes Mal ein klein wenig schämt, dort hinzugehen: Eva S. ist froh, dass es die Tafel gibt. „Ohne die Tafel müsste ich meine Versicherung stoppen oder auf die Fahrkarte verzichten“, weiß sie. Doch eng ist es schon jetzt. Viele Freunde hat die 85-Jährige nicht, doch sonntags macht sie zusammen mit anderen Frauen einen Spaziergang.

„Danach kehrt man ein, auch ich“, erzählt sie. Da sei es schon schlimm, immer das Billigste nehmen zu müssen. Zehn Euro seien nicht viel, bei vier Sonntagen kämen aber schon 40 Euro im Monat zusammen. „Ich überlege mir schon, ob ich überhaupt mitgehen soll. Alles muss man sich überlegen, das ist schrecklich.“

Doch dann überwiegt wieder ihr Gefühl der Dankbarkeit. Für die Wohnung, die ihr gut gefällt und in der sie sich wohlfühlt. Für die Möglichkeit, mit den Frauen laufen zu gehen. Kontakte zu haben, rauszukommen. „Nein“, sagt die alte Dame. „Ich beklage mich nicht.“

Jammern ist nicht ihr Ding

Eva S. ist eine kluge Frau, die mit wachen Augen in die Welt schaut. Gesundheitlich geht es ihr gut. Bis auf ein paar Wehwehchen, aber auch darüber jammert sie nicht, das ist nicht ihr Ding. Den Krieg hat sie mitgemacht, die DDR, schwere Zeiten erlebt. Aber traurig sei sie nicht. Mit ihrem Mann habe sie Reisen unternommen, von denen sie heute noch zehre.

Und auch wenn sie im Tafelladen einkaufen muss - arm findet sie sich nicht: „Weder finanziell noch menschlich“, sagt sie und ihre Augen leuchten: „Ich hatte ein interessantes, schweres, aber schönes Leben.“


Spenden erwünscht

  • In den kommenden Wochen stellen wir in unserer Serie weitere Mitarbeiter, Kunden und Angebote vor. Der Tafelladen in der Fronackerstraße steht Bedürftigen zum Einkaufen zur Verfügung. Öffnungszeiten sind montags, dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr.
  • Die Tafeln sind auf Spenden angewiesen. Der Hilfsverein des Zeitungsverlags hat die Tafeln in Waiblingen, Weinstadt, Winnenden, Schorndorf und Murrhardt vor kurzem mit jeweils 1000 Euro unterstützt.

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