Waiblingen

Das Dilemma mit den Bahnsteighöhen

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Am Winnender Bahnhof braucht’s einen großen Schritt nach oben, um aus den neuen Talent-2-Zügen rauszukommen. © Habermann / ZVW
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Haußmann und die Bahnsteige
Am Bahnhof Schorndorf gibt’s schon unterschiedliche Bahnsteig-Niveaus, doch die Zugkonstruktionen verlangen noch mehr Varianten. Wird diese Flexibilität vom Bund akzeptiert werden? © ALEXANDRA PALMIZI

Waiblingen. Die Farce um die Bahnsteighöhen geht weiter: In der Verkehrsministertagung gab’s kein Ergebnis zum Dilemma rund um die Zentimeter, die beschwerlich und gefährlich sind. Und so kämpft FDP-Mann Jochen Haußmann weiter Seite an Seite mit dem Grünen Winfried Hermann gegen Normen, die in Kreis und Land keiner will.

Das muss der politisch interessierte Mensch genießen: Jochen Haußmann, FDP-Landtagsabgeordneter aus Rommelshausen, teilt ausdrücklich die Meinung des sehr grünen, sehr kernigen, längst aber im Pragmatismus angekommenen Verkehrsministers Winfried Hermann. Es geht um Zentimeter.

Sieben Bahnhöfe im Kreis haben den perfekten Abstand

Diese Zentimeter hätten das Zeug zum Schenkelklopfer – wenn sie nicht so beinbrecherisch ärgerlich wären. Um das Dilemma zu illustrieren, nimmt Jochen Hausmann gern den Schorndorfer Bahnhof. Hier nämlich gibt’s neben vielen uralten Bahnsteigen mit 38 Zentimetern Bahnsteighöhe schon einen S-Bahn-Steig mit barrierefreien 96 Zentimetern Kantenhöhe.

Wer hier mit dem Rollstuhl, dem Kinderwagen oder mit einem Fahrrad die Schwelle überwinden will, hat’s da ganz bequem.

Sieben Bahnhöfe im Kreis haben diesen für die S-Bahn perfekten Abstand zwischen Bahnsteigkante und „Schienenoberkante“, wie sich der Beginn der Messstrecke nennt. Diese Bahnsteige seien, sagt Haußmann, eine „genehmigte Ausnahme“, für die es auch Finanzierungsvereinbarungen gibt.

Die finanziell vom Bund unterstützte Norm liegt bei 76 Zentimetern.

Doch eigentlich sieht der Bund diese Höhe nicht gern. Die gewünschte und finanziell unterstützte Norm liegt bei 76 Zentimetern. Diese haben auch mal perfekt gepasst, damals, als die alten S-Bahnen noch fuhren. Einige S-Bahnhöfe im Kreis wurden daher auch auf diese Höhe aufgestockt. Schwaikheim zum Beispiel. Oder Geradstetten. Oder Nellmersbach. Doch die neuen S-Bahnen sind höher. Schon ist’s nichts mehr mit der gewünschten Barrierefreiheit: S-Bahn-Fahrer müssen ganz schön tief oder hoch – je nach Richtung – steigen.

Die geforderten 76 Zentimeter haben aber noch einen anderen Grund als die längst aus dem Verkehr gezogenen Alt-S-Bahnen: IC- und ICE-Züge brauchen eine solche Höhe, damit man ohne großen Schritt raus- oder reinkommt. Auch europäische Nachbarländer im Osten haben diese 76 Zentimeter als Bahnsteig-Norm. Bayern richtet sich deshalb daran aus. Damit ein grenzüberschreitender Zugverkehr ohne Stolperfalle vonstattengehen kann.

Blöd nur, dass an den allermeisten Bahnhöfen im Kreis, die die 76 Zentimeter einhalten, erstens Bayern und die östlichen EU-Nachbarn sehr fern sind und zweitens niemals, wirklich nie ein ICE hält. Und auch ICs sind ausgesprochen rar.

Schorndorf, der Anschauungsbahnhof, hat bislang die 76 Zentimeter nicht in Angriff genommen. Man will abwarten mit dem Umbau der alten 38-Zentimeter-Bahnsteige, denn es kommt alles noch viel besser: Auf der Murr-Strecke fahren sie schon, die schicken Talent-2-Züge. Demnächst werden sie auch auf der Rems-Schiene unterwegs sein.

Sie sind teuer, sie sind nagelneu und werden uns mindestens 20 Jahre lang bewegen. Diese Züge brauchen eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern. Jochen Haußmann hat in Waiblingen, wo die Bahnsteighöhen bei 76 und 96 Zentimetern liegen, beobachtet, wie ein Talent-2-Fahrgast den Schritt beim Aussteigen nicht hoch genug machte, an der Bahnsteigkante in der offenen Tür hängen blieb und hinausstürzte. Ähnliches könnte in Winnenden, Backnang und dann, wenn die Rems-Schiene auch befahren wird, in Schorndorf, Urbach und Plüderhausen passieren.

Ach, übrigens, die europäischen Nachbarn in Richtung Süden, also zum Beispiel Österreich und die Schweiz, präferieren eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern.

Nix Handfestes beim Streit mit dem Bund

Am Donnerstag, 19. April, war große Verkehrsministerkonferenz in Nürnberg. Auf der Tagesordnung so wichtige und klingende Themen wie „Umsetzungsstrategie von automatisiertem und vernetztem Fahren und autonomem Fahren“ oder „Luftreinhaltung – Nationales Forum Diesel und Maßnahmenpaket der Bundesregierung für Modellstädte zur Luftreinhaltung“. Aber auch, ganz lapidar und unter Top 5.6: „Bahnsteighöhen“.

Vor allem, so ist’s aus der Konferenz zu hören, stritt man sich wegen Rasern und Dieselmotoren. Die Bahnsteighöhen? Nix Handfestes beim Streit mit dem Bund.

Dabei will Winfried Hermann es einfach nicht hinnehmen, dass Geld vom Bund nur dann fließt, wenn Bahnsteige für die meisten Bahnhöfe, Fahrgelegenheiten und Bedürfnisse unpassend umgebaut werden. Und da ist Jochen Haußmann ganz bei ihm.

Das Verkehrsministerium in Stuttgart hat eine kunterbunte Landkarte entworfen. Darauf alle baden-württembergischen Schienenstränge mit je einer Farbe in einem Punkt für alle aktuellen Bahnsteighöhen, je einer Farbe in einer Linie für alle Zielhöhen und noch anderen kleinen grafisch dargestellten Finessen. Der Wunsch: Die uralten 38 Zentimeter sind passé und werden modernisiert. Aber keineswegs auf grundsätzliche 76 Zentimeter.

Warten auf den Durchbruch der Vernunft am Bahnsteig

Wo der Bahnhof groß genug ist und ausreichend Schienenstränge anbieten kann, sollte vielmehr, je nach Zugvariante, die passende Höhe angeboten werden: 96 Zentimeter für die S-Bahnen, 55 Zentimeter für die Talent-2-Züge, 76 Zentimeter für die ICs.

Das allerdings ist ziemlich üppig und so gut wie nirgends zu verwirklichen. Darum könnte es auch „Hybrid-Bahnsteige“ geben, also Bahnsteige, die zwei Höhen anbieten. Sind die Züge kurz und die Bahnsteige lang genug, halten die Züge dort, wo’s passt. Klappt das nicht, müssen Menschen, für die große Schritte problematisch sind, an die richtige Bahnsteigstelle gehen.

Das ist alles auch nicht perfekt. Aber doch deutlich besser, weniger aufwendig, schneller und kostengünstiger. Hermann und Haußmann warten noch auf den Durchbruch der Vernunft am Bahnsteig.


Rommelshausen

  • Jochen Haußmanns spezielle Herzensangelegenheit, der S-Bahnhof in Rommelshausen, hat schon viele Zeitungsspalten gefüllt. Und es geht tatsächlich noch weiter.
  • Am 6. April erhielt Haußmann ein Schreiben der Deutschen Bahn. Darin der Zeitplan für den barrierefreien Ausbau der Bahnsteige. Man habe sich auf eine Erhöhung auf 96 Zentimeter über die gesamte Länge geeinigt. Derzeit befinde sich der Finanzierungsvertrag in Abstimmung.
  • Wenn das geschafft ist, wird’s ungefähr zwei Jahre brauchen, um zu planen und zu genehmigen.
  • Dann folgt, bei gesicherter Finanzierung, eine circa neunmonatige Ausschreibungs- und Bauvorbereitungsphase.
  • Der Baubeginn „wird für das erste Halbjahr 2021 angestrebt“.