Waiblingen

Das Einwohnermeldeamt für Bäume

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Sie sind verantwortlich für Tausende von Stadtbäumen in Waiblingen: Thorge Semder (links), Abteilungsleiter Grünflächen, und Roland Zink von der Städtischen Grün- und Baumpflege (Archivfoto). © ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen. Nicht nur jeder menschliche Einwohner in Waiblingen ist beim Rathaus gemeldet. Auch alle 17 000 öffentlichen Bäume, die in der Stadt Wurzeln geschlagen haben, sind genau erfasst – mit Adresse und Angaben zum Gesundheitszustand. Das digitale Baumkataster soll helfen, Schäden frühzeitig zu erkennen und Bäume zu retten.

Ob auf der Erleninsel oder auf dem Friedhof in Hohenacker: Bäume am Straßenrand und in Parks wachsen nicht anonym vor sich hin. Jeder hat eine feste Nummer und eine elektronische Karteikarte. Auf einem Luftbild ist der genaue Standort hinterlegt. In einem Turnus von anderthalb Jahren wird das Baumkataster von den externen Gutachtern der Firma Neidlein aktualisiert. Das heißt, nach und nach nehmen sie, mit dem Laptop in der Hand, jeden Baum in Augenschein. Die Beobachtungen wurden bisher in der Spezial-Software „Arboris“ erfasst, aktuell erfolgt ein Übergang in ein anderes System.

Auf der Suche nach den Bäumen der Zukunft

„Visual Tree Assessment“ nennt sich diese systematische Baumkontrolle auf Englisch, bei der anhand äußerer Symptome und Wuchsformen wie „Chinesenbart“ und „Abschiedskragen“ tief liegende Defekte erkannt werden. Die Gutachter deuten sozusagen die Körpersprache der Bäume und können daraus Rückschlüsse auf die Gesundheit der grünen Patienten ziehen. Ungleich aufwendiger wäre es, im doppelten Sinn des Wortes, Stichproben durchzuführen, Bäume also zu punktieren, um ins Innere zu blicken.

Ungewohnte Öffentlichkeit bekamen die Methoden der Baumkontrolle nach dem Altstadtfest 2012, als ein Sturm die Linde vor dem Restaurant Bachofer umknickte, wobei ein Festbesucher verletzt wurde. Wie sich zeigte, hatte der Baum im Wurzelstock einen Pilz. Im juristischen Nachspiel klärten Gutachter, dass der Befall von außen nicht erkennbar gewesen sei – und die Stadt war in Sachen Schadenersatz aus dem Schneider.

Bäume so lange als möglich erhalten

Juristisch relevante oder gar „politische“ Bäume, wie Thorge Semder und Roland Zink von der städtischen Abteilung Grünflächen und Friedhöfe sagen, gibt es immer wieder. Sei es, dass Bürger Lackschäden am Auto durch herabfallende Äste beklagen oder, je nach Jahreszeit, Laub oder Blütenstaub. Die Verantwortlichen für die Stadtbäume und das Baumkataster sehen ihre Aufgabe darin, Bäume so lange als möglich zu erhalten, sofern es die Verkehrssicherheit zulässt. „Wir sind Fürsprecher allen Grüns“, meint Roland Zink.

Selbst wenn der externe Baumkontrolleur konstatiert, dass ein Baum Schäden hat, bedeutet das noch nicht, dass er gefällt wird. Vorrang haben immer verschiedene Erhaltungsmaßnahmen vom gründlichen Schnitt über die Kronenstabilisierung mit Seilen bis zur Druckluft-Belüftung des Wurzelbodens, die wie eine Kur für gestresste Stadtbäume wirken kann.

Amberbäume oder Ginkgo statt Ahorn und Kastanien 

Zwar baut die Stadt Waiblingen bei der Baumerhaltung seit rund 20 Jahren auf die externe Firma, hat aber parallel die nötige Kompetenz im eigenen Haus aufgebaut. „Wir können alle Arbeiten selbst ausführen“, sagen Thorge Semder und Roland Zink.

Die Abteilung Grünflächen wirkt bei Bebauungsplänen mit und berät, welche Baumarten sich für bestimmte Standorte eignen. Eine Rolle spielt zunehmend auch der Klimawandel. Wie gut ein Baum Trockenheit und Hitze verkraftet, hänge in erster Linie von seiner Umgebung ab. Von dem zur Verfügung stehenden Wurzelraum, der Bodenversiegelung, der Beschattung und von der Wasserversorgung.

Aber es gibt Baumarten, die besonders massiv leiden, wie die Birken am Friedhof. Bei Neuanpflanzungen achten Rathaus-Fachleute in Städten und Gemeinden darauf, dass die Bäume widerstandsfähig sind. Getestet werden sie in dem langfristig angelegten Forschungsprojekt „Stadtgrün“. Statt auf Ahorn und Kastanien fällt die Wahl öfter auf Amberbäume oder Ginkgo.


Ältester Baum

Genau lässt sich das Alter von Bäumen anhand des bloßen Augenscheins nicht bestimmen. Also lässt sich auch die Frage, welcher wohl der älteste Baum der Stadt sei, nicht eindeutig beantworten. Eine aussichtsreiche Kandidatin könnte aber eine rund 250 Jahre alte Linde bei der Aussegnungshalle des Waiblinger Friedhofs sein.