Waiblingen

Das Ende einer Notunterkunft

Sigel
Blick in die Unterkunft: Landrat Richard Sigel (rechts) und Melih Göksu, Mitarbeiter des „Fachbereichs Koordination und Planung Flüchtlinge“ im Landratsamt. © ZVW

Waiblingen. Ein Jahr lang gab die Waiblinger Berufschulturnhalle Flüchtlingen ein erstes Dach über dem Kopf. Derzeit wird die Notunterkunft abgewickelt. Ein letzter Besuch: Notizen zu Menschen und Zuständen.

Herr Kasim ist gegen den Strom gereist: zurück ins Inferno, das andere voller Todesangst zu fliehen suchen; zurück in die Stadt, die ihm Heimat war, bevor sie zur Schädelstätte wurde; zurück nach Aleppo.

Im September 2015 kam er nach Waiblingen in die Notunterkunft Steinbeisstraße, ein leiser, höflicher Mann mittleren Alters. In Syrien hatten ihn Terroristen entführt, gefoltert und Lösegeld erpresst. Zunächst alleine Sicherheit finden, dann die Familie nachholen, sie retten aus dem Blut und den Trümmern von Aleppo: Das war sein Plan. Er schlug sich durch nach Deutschland.

Freiwillig zurück in die Hölle von Aleppo

Irgendwann erhielt er amtliche Auskunft: Es könnte klappen mit dem Familiennachzug. Im Frühjahr 2017. Oder im Sommer oder im Herbst. Vielleicht. Nächtens in der Fremde fand er keinen Schlaf, Schreckensbilder spukten in ihm. Wenn er mit seiner Frau telefonierte, verstand er ihre Stimme kaum – der Lärm der in Aleppo detonierenden Bomben interpunktierte das Gespräch. Er fühlte sich verloren im Gelobten Land. Herr Kasim lebt jetzt wieder bei Frau und Kindern, ein Freiwilliger in der Hölle.

22 Männer wohnen derzeit noch in der Waiblinger Berufschulturnhalle. Dies war, bei aller Beengung, mal ein Ort, an dem das Leben pulsierte und Hoffnungen pochten. Heute: ein Ort der Erschöpfung. Still ist es geworden hier. Die Letzten, die noch nicht in Anschlussunterbringungen umquartiert wurden, schlurfen müde an einem vorbei.

Video: Die Waiblinger Flüchtlingsunterkünfte werden aufgelöst.

Der Landrat schaut vorbei und kommt ins Grübeln

Neulich war Landrat Richard Sigel hier, um zu sehen, wie der Umzug läuft. „Mir fiel auf, dass teilweise der Zustand der Halle nicht so war, wie man sich das wünschen würde. Das schwäbische Verständnis von Stubenreinheit ist ein anderes“: Schmutzkrusten auf den Herden im Küchencontainer; Abfall und Gerümpel in den Ecken; die nicht mehr gebrauchten Betten eher ineinander verkeilt als sauber gestapelt. Sigel rang mit sich, ob er das der Zeitung zeigen sollte, er weiß ja, manche Leute lauern nur auf eine Gelegenheit, hämen zu können: Da sieht man’s mal wieder, ein Pack.

Sigel will nicht anprangern, aber „es treibt mich um. Wie kann man da nachsteuern?“ Wie schaffen wir es künftig, „denen, die dauerhaft bleiben wollen, unsere Spielregeln nahezubringen?“

130 Leute lebten hier mal, je acht in einem 32 Quadratmeter großen Bauzaungeviert aufeinanderhockend. Zu viele zu lange zu eng: Wie soll das funktionieren?

Frust und Enttäuschung

„Es funktionierte eigentlich ganz gut“, sagt Carolin Spitznagel, Sozialarbeiterin in der Halle. Bis irgendwann die Ersten auszogen, in bessere Unterkünfte. Die Zurückbleibenden waren „beunruhigt, aufgewühlt, unzufrieden“, die Enttäuschungen häuften sich. Wenn Spitznagel potenzielle Vermieter anrief, lief das Gespräch oft ähnlich; zunächst recht freundlich, und dann: Ach so, für einen Flüchtling rufen Sie an? Meine Wohnung ist, fällt mir grade ein, leider doch nicht mehr zu haben.

Wenn Flüchtlinge schriftlich auf Chiffre-Anzeigen antworteten, bekamen sie irritierende Briefe: Sie kriegen die Wohnung! Ich kann Sie zwar nicht persönlich treffen, ich bin gerade in Urlaub – aber wenn Sie die Miete für ein Jahr vorab überweisen, schicke ich Ihnen den Schlüssel . . . Betrüger witterten einen neuen Markt.

So wuchs der Frust in der Halle, niemand fühlte sich mehr recht zuständig für irgendwas, keiner stellte sich dem Verfall mehr entgegen, jeder dachte bloß noch verdrossen: Warum ich? Und wozu überhaupt?

Das Leben in der Halle

Nicht weit von der Halle hat die Sozialarbeiterin Muhabbet Ciftci die Lehren aus alldem schon gezogen: Sie betreut als Beschäftigte der Caritas das Waiblinger Marienheim. 297 Menschen leben hier. Anfangs gab es Spannungen, „klar. Verschiedene Herkunftsländer, verschiedene Weltanschauungen. Mittlerweile läuft’s einfach voll gut.“ Sie klopft auf Holz und lacht.

Wie kann man so was wie eine Hausordnung durchsetzen? Wenn wir zu Sanktionen greifen – ist das rechtlich überhaupt abgesichert? Diese Fragen hat mittlerweile das sogenannte „Asylpaket II“ der Bundesregierung beantwortet, es schuf neue Möglichkeiten, die im Marienheim genutzt werden. Es gibt dort einen Putzdienst. Wer nicht mithilft, wird abgemahnt. Wer sich weiter entzieht, dem können die Geldleistungen um 20 Prozent gekürzt werden. Muhabbet Ciftci hat diese Keule noch nicht auspacken müssen – schon die Drohung hilft. Neulich erwischte sie Männer, die im Eingangsbereich verbotenerweise rauchten. „Ich musste einen Brüller loslassen.“ Das reichte.

Bilder von Krieg und Frieden

Die Zeit des Übergangs endet, die letzte Stunde der Provisorien hat geschlagen. Manche, die im September 2015 nach Waiblingen kamen, sind den ersten Mühen des Ankommens längst entwachsen. Einer macht gerade eine Ausbildung zum Fachinformatiker bei der Stadt Waiblingen. Und der Student Hussein Jaafar aus Aleppo zeigte neulich in einer Waiblinger Ausstellung Bilder syrischer Künstler, Bilder von Not und Krieg, Träumen und Friedenssehnsucht. Die Besucher spendeten rund 2000 Euro, Jaafar reichte das Geld weiter an „Ärzte ohne Grenzen“.

Dies ist das ganze Panorama ein Jahr später: Manche machen ihr Glück, andere kämpfen, schwimmen und suchen; und Herr Kasim wohnt wieder unterm Bombenhimmel, zwischen ausgebeinten Ruinen, die wir nur aus den Nachrichten kennen: Abstrakt anmutende Luftaufnahmen zeigen grafische Muster der Zerstörung aus einer unendlich fernen Welt.

Der Zeitplan

Noch im Lauf des Novembers sollen die letzten Flüchtlinge aus der Turnhalle ausziehen und in Anschlussunterkünften in Waiblingen untergebracht werden. Danach wird die Halle zurückverwandelt: Möbel ausräumen, Holzböden aus-, Bauzaunquartiere abbauen, das Gebäude putzen, Schäden reparieren. Im Frühjahr 2017 wird hier wohl wieder Schulsport stattfinden.