Waiblingen

Das größte Klassenzimmer

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Christian Bischoff: 5000 Schülerinnen und Schüler hängen an seinen Lippen. © Uwe Roth

Stuttgart/Waiblingen. Es ist das größte Klassenzimmer ever: 5000 Schülerinnen und Schüler aus dem Rems-Murr-Kreis hören am Donnerstag in der Schleyerhalle mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit dem Motivationstrainer Christian Bischoff zu. Die Kreissparkasse Waiblingen hat den 40-Jährigen zur Veranstaltung „Mach dein Ding!“ eingeladen.

Am Vormittag strömen junge Leute zur Stuttgarts größten Veranstaltungshalle - so zahlreich, als stehe dort eine angesagte Band vor ihrem Auftritt. Bei näherem Hinschauen erkennt man, dass die Grüppchen aus Kindern und Jugendlichen, die sich auf die Hanns-Martin-Schleyer-Halle zubewegen, von Erwachsenen zusammengehalten und gelenkt werden. Es sind die Lehrer, die ihre Schulklassen in Sonderzügen und insgesamt 30 Bussen aus allen Teilen des Rems-Murr-Kreises hierher in die Mercedesstraße begleitet haben. Eingeladen sind Schüler ab der siebten Klassen bis hinein in die Berufsschulen.

Angekündigt ist ein bekannter Motivationstrainer, der laut seiner Webseite weltweit schon über 300 000 Menschen zu mehr Selbstvertrauen verholfen hat. Christian Bischoff hat für 90 Minuten einen Lehrauftrag, den die Pädagogen täglich umzusetzen haben: Schüler bei der Stange zu halten; ihnen zu vermitteln, warum es nicht das Schlechteste ist, beim Unterricht mitzumachen und - ja, der Spruch hat immer noch seine Gültigkeit - gebetsmühlenartig zu erklären, warum man letztlich nicht für die Schule lernt, sondern fürs Leben.

Zwei Stunden Frontalunterricht –ohne Pause

Lehrer, die vor der Veranstaltung Zweifel daran gehegt haben, dass ein einzelner Mensch ohne jegliche pädagogische Ausbildung und ohne disziplinarischen Einfluss auf die Notengebung vor etwa 5000 Schülern zwei Schulstunden ohne Pause Frontalunterricht machen kann, ohne im Chaosgeschrei unterzugehen, werden sehr schnell eines Besseren belehrt. Der ehemalige Bundesliga-Basketballtrainer kann das. Ihm gehört die volle Aufmerksamkeit des jungen Publikums, egal ob es vor, während oder nach der Pubertät steht.

Wird die Stimmung im Saal aufgrund seiner Motivationsübungen etwas zu ausgelassen, was bei 5000 Stimmen eine erhebliche Geräuschkulisse hergibt, hat er so seine unauffälligen Tricks, die Konzentration in kürzester Zeit wieder herzustellen. Die Klatschübung: Bischoff gibt eine Zahl vor, wie oft in die Hände geklatscht werden soll. Beispielsweise vier: Auf sein Kommando geht’s los, eins, zwei, drei, vier. Nur wenige klatschen unaufmerksam weiter. Sind es mehr, deren Klatschen sich verselbstständigt, weiß der Trainer, er muss noch ein wenig mehr tun, um seine Zuhörer wieder zu sich zu bringen. Lehrer notieren sich diesen Trick im Kopf.

Der Trainer benötigt auf der großen Bühne der Schleyerhalle nicht viel, um sein Programm durchzuziehen. Die Requisiten sind im Wesentlichen seine Arme und Beine, die selten ruhig sind, sowie ein roter Eimer. Es ist sein sinnbildliches Gefäß für Selbstvertrauen. Täglich muss der Eimer gefüllt werden mit positiven Ermunterungen: „Ich glaub an mich“ oder „ich schaff das!“ Er weiß, dass der Drang, den Eimer zu leeren, groß sein kann: „Das kann ich nicht“ oder „ich mag mich nicht.“ Die Aufgabe sei, „die positiven Stimmen im Kopf so laut werden zu lassen, dass man die negativen nicht mehr hört.“ Bischoff denkt immer an das Miteinander: „Du kannst auch den Eimer des anderen füllen.“

Seine drei Sätze für mehr Selbstvertrauen lauten: „Ich bin gut, so wie ich bin“, „ich glaub an mich, ich krieg das hin“ und „ich mag mich.“ Der Trainer schafft es, dass sich die jungen Menschen in der riesigen Halle gegenseitig beklatschen („Ihr könnt euch heute so viel Energie geben“), dass sie sich lange tief in die Augen schauen (bis bei Manchen die Tränen kullern), dass sie sich auf die Schultern klopfen, in den Arm nehmen und sagen, „du bist gut, so wie du bist.“ Das machen die Mädels mit Begeisterung, und auch die Jungs scheuen sich nicht, uncool zu sein und Gefühle zu zeigen.

„Jeden Tag etwas dafür tun, dass man sein Ziel erreicht“

Christian Bischoff zählt viele Motivationsphrasen im Laufe der 90 Minuten auf. Zu denen gehört ein weiterer zentraler Satz: „Folge deinem Herzen.“ Außerhalb der Schleyerhalle verliert er irgendwie seine Wirkung. Aber so wie ihn der Trainer an seine Zuhörer weitergibt, scheint viel Wahres dran zu sein. „Folge deinem Herzen.“ Gut, sagt Bischoff, „zu Jungs kann man auch sagen, folge deinem Bauchgefühl“. Das höre sich weniger gefühlsduselig an, komme aber aufs Gleiche raus. Am Ende hat er noch einen sehr praktischen Tipp: Zu den täglichen Hausaufgaben solle man mit einem gewissen zeitlichen Abstand zehn Minuten dranhängen, in denen man konzentriert arbeitet. Zehn Minuten, nicht mehr und nicht weniger, aber täglich (außer sonntags). „Jeden Tag etwas dafür tun, dass man sein Ziel erreicht“, lautet der dazugehörige Spruch. Für den Trainer ist das die praktische Umsetzung von Disziplin. Wer keine Ziele habe, dem falle Disziplin schwer. Mit dieser Erkenntnis schickt der Motivationstrainer die 5000 Schülerinnen und Schüler an ihre im Rems-Murr-Kreis verteilten Schulbänke zurück.

Mach dein Ding

Frank Ruppmann und Steffie Krug von der Kreissparkasse Waiblingen haben das Event in der Schleyerhalle ein Jahr lang vorbereitet. Zum Motto der Veranstaltung haben sie eine Internetseite eingerichtet: www.ich-mach-mein-ding.de. Aus diesem Motto soll eine Marke der Kreissparkasse werden.

Zentraler Punkt auf der Startseite ist ein Talent- und Berufstest. Die Sparkasse will, so Ruppman, jungen Menschen den Übergang von Schule in den Beruf beziehungsweise Studium erleichtern. Das Internetportal setzt vor allem auf Videoclips. Junge Menschen, die schon ihren Weg gefunden haben, sollen darüber ihre Erfahrungen weitergeben.