Waiblingen

Das Handy als Hilfszeuge

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Diese Art Handyfotos tragen vermutlich nicht nur Klärung eines Sachverhalts bei.Diese Art Handyfotos tragen vermutlich nicht nur Klärung eines Sachverhalts bei. © Chris Peters / Fotolia

Waiblingen. Nie war filmen so einfach wie heute. Das Smartphone macht’s möglich. Pech für Gauner: Aufmerksame Bürger fertigen hin und wieder Aufnahmen von mutmaßlichen Straftätern an. Manch ein Gauner ist schon auf diese Weise erwischt worden. Vermutlich haben Schüler am Donnerstag in Winnenden einen mutmaßlichen Ladendieb fotografiert. Die Schüler sollten sich bei der Polizei melden.

Ein Ladendetektiv und ein mutmaßlicher Dieb haben sich am Donnerstagnachmittag in Winnenden eine regelrechte Verfolgungsjagd geliefert (wir haben berichtet). Es kam zu einer Rangelei, beide Männer stürzten, und letztlich entkam der Gauner. Er wird dringend verdächtigt, zusammen mit einer Begleiterin in einem Drogeriemarkt in der Marktstraße Parfum gestohlen zu haben. Der Detektiv machte lautstark auf die Situation aufmerksam; laut Polizei dürften einige Schüler den Vorfall mitbekommen haben. Die Chance, dass sie das Handy gezückt haben, ist groß.

Spielen eine Rolle bei den Ermittlungen

Handyaufnahmen „spielen natürlich mittlerweile eine Rolle“ bei Ermittlungen, sagt Polizeisprecher Holger Bienert. Der jüngste Fall: Ende September hatten mehrere Männer einen 19-Jährigen in Winnenden im Holunderweg körperlich angegangen. Sie klauten dem jungen Mann den Geldbeutel. Zwei mutmaßliche Täter nahm die Polizei vor Ort fest, ein weiterer floh. Mittlerweile befinden sich zwei der drei Verdächtigen in U-Haft. Nicht allein wegen des Vorfalls in Winnenden – aber auch. Nun wird wegen Raubes gegen die Männer ermittelt. Handybilder spielten in diesem Fall eine Rolle. Die Tatverdächtigen waren laut Holger Bienert vor dem Vorfall in Winnenden in der S-Bahn negativ aufgefallen – was ein Zeuge filmte. Die Bilder dokumentieren „hochaggressives“ Verhalten der Männer. Solche Eindrücke fließen in die Beurteilung mit ein.

In einem anderen Fall, der bundesweit für Aufsehen sorgte, spielte eine Handyaufnahme die alles entscheidende Rolle: In Bochum hat der Lebensgefährte eines Vergewaltigungsopfers den mutmaßlichen Täter rein zufällig nahe dem Tatort gesehen. Das Phantombild im Kopf schloss er darauf, dass es sich um den Peiniger seiner Partnerin handeln könnte. Der Mann lieferte der Polizei jede Menge Fotos, welche die Polizei geradewegs zum Verdächtigen führten.

Mehrere Mädchen verfolgten Mitte November in Bad Olesloe die Spur eines Handydiebs mittels einer App. Der Mann hatte drei Handys aus einer Umkleidekabine gestohlen. In einem Lebensmittelgeschäft trafen alle aufeinander: Die Polizei, der Dieb und die Mädchen.

Strafbar: Unterlassene Hilfeleistung

Wer Zeuge einer Straftat wird und filmt, sollte die Bilder auf keinen Fall im Internet veröffentlichen, sei es auf Facebook oder sonstwo. Jeder Mensch besitzt ein Recht am eigenen Bild; insofern könnte dem Fotografen eine Anzeige drohen. Geht’s um Straftaten, greift – aber nur für Behörden – § 24 des Gesetzes betreffend das Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Photographie, kurz KunstUrhG: „Für Zwecke der Rechtspflege und der öffentlichen Sicherheit dürfen von den Behörden Bildnisse ohne Einwilligung des Berechtigten sowie des Abgebildeten oder seiner Angehörigen vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zur Schau gestellt werden.“

Wie immer in der Juristerei kommt es auf den Einzelfall an. §127 der Strafprozessordnung regelt, dass jedermann einen Täter, der auf frischer Tat ertappt wird, vorläufig festnehmen kann – „wenn er der Flucht verdächtig ist oder seine Identität nicht sofort festgestellt werden kann“. Ein Beweisfoto kann als ein Beitrag zur Festnahme betrachtet werden.

Alles hat zwei Seiten. Handyaufnahmen können die Ermittlungen der Polizei unterstützen – oder bei Unfällen oder an Brandorten allein der Gafferei dienen. Passive Zuschauer können sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen.

Mit Strafe muss rechnen, wer heimlich Bilder schießt von einer Person, die sich in ihrer Wohnung oder in einem vor Einblicken geschützten Raum befindet. Der Winnender Ladendie war in aller Öffentlichkeit auf der Flucht. Weshalb Handyzeugen sich ohne Sorge bei der Polizei melden können.