Waiblingen

Das Konjunkturklima im Rems-Murr-Kreis ist und bleibt frostig

Symbolfotoarbeitsmarkt
Noch vermeiden die meisten Unternehmen, Mitarbeiter zu entlassen. Aber offene Stellen sind Mangelware. Foto: © Gaby Schneider

So schlecht war die Stimmung in den Chefetagen der Rems-Murr-Firmen zuletzt im Frühsommer 2009. Das Konjunkturklima ist frostig – und die Aussichten auf eine wirtschaftliche Erholung sind gering. Die Geschäfte der regionalen Wirtschaft sind in Folge der Corona-Pandemie branchenübergreifend massiv eingebrochen, heißt es im aktuellen IHK-Konjunkturbericht. Die Industrie- und Handelskammer hatte im Juni rund 330 Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung im Rems-Murr-Kreis befragt. Mehr als zwei Drittel der Betriebe im Kreis sind mit ihrer aktuellen Geschäftslage unzufrieden.

Wie viele Optimisten und wie viele Pessimisten gibt es in der Wirtschaft?

Die negativen Meldungen ziehen sich durch alle Branchen und spiegeln sich auch in den Erwartungen für die kommenden zwölf Monate wider, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Die heimische Wirtschaft zeigt sich demnach skeptisch im Hinblick auf eine rasche Erholung. Nur 18 Prozent rechnen mit einer Verbesserung der Geschäfte in den kommenden zwölf Monaten, 44 Prozent befürchten eine weitere Verschlechterung. Ihre aktuelle Geschäftslage bewerten nur noch knapp 20 Prozent aller befragten Unternehmen als „gut“, 34 Prozent als „befriedigend“ und 46 Prozent als „schlecht“.

„Die Corona bedingte Talfahrt der Weltwirtschaft macht den exportstarken Unternehmen im Rems-Murr-Kreis schwer zu schaffen“, wird der Präsident der IHK-Bezirkskammer Claus Paal zititert: „Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen befürchten, dass sich die Exportchancen in den kommenden Monaten weiter eintrüben werden.“

Legen die Unternehmen ihre Investitionspläne auf Eis?

Die düsteren Absatzaussichten bremsen folglich die Investitionspläne der Unternehmen. So plane nur noch gut ein Drittel der Betriebe mit Investitionen in der nächsten Zeit. Auch der private Konsum sei noch längst nicht auf Vorkrisenniveau, die Angst vor Einkommenseinbußen und Jobverlust dürften hier stark dämpfend wirken. Dennoch erkennt Paal einen Hoffnungsschimmer für die zweite Jahreshälfte. „Vorausgesetzt uns zwingt keine zweite Corona-Welle zu einem erneuten weitreichenden Shutdown, gehe ich von einer Wirtschaftserholung in der zweiten Jahreshälfte aus“. Mit einer Rückkehr zur betrieblichen Normalität rechnet allerdings auch Paal frühestens im Laufe des nächsten Jahres.

Wann ist die Talfahrt beendet?

Unsicherheit herrscht in den Unternehmen darüber, ob die konjunkturelle Talsohle bereits erreicht ist oder nicht. Dies hängt maßgeblich auch davon ab, wie sich die Gesundheitslage in Deutschland und weltweit in den kommenden Monaten entwickelt. „In den meisten Ländern Europas und weiten Teilen Asiens scheint die Pandemie langsam unter Kontrolle zu sein. In wichtigen Schwellenländern wie Brasilien und Indien sowie den Vereinigten Staaten hingegen konnte die Ausdehnung des Coronavirus bislang noch nicht aufgehalten werden. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Exportwirtschaft“, erläutert IHK-Geschäftsführer Markus Beier die Befragungsergebnisse. Deutlich gesunken seien deshalb auch die Exporterwartungen im Vergleich zur Umfrage am Jahresanfang. Von den exportierenden Unternehmen rechneten aktuell lediglich 21,9 Prozent mit einer steigenden Tendenz, so Beier. Auch der bereits vor Corona spürbare Strukturwandel insbesondere in der Automobilindustrie belaste die Betriebe.

Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Arbeitsplätze aus?

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise machen sich auch auf dem regionalen Arbeitsmarkt bemerkbar. 40 Prozent der befragten Betriebe planen personelle Einsparungen vorzunehmen und den Personalbestand entsprechend der Wirtschaftslage anzupassen. Die Arbeitslosigkeit ist gegenüber dem Juli des Vorjahres um mehr als die Hälfte auf über 11 000 Personen gestiegen.

Laut IHK zeigen sich 52 Prozent der Unternehmen derzeit entschlossen, ihre Stammbelegschaften so lange wie möglich zu halten. Hierzu werde in erheblichem Umfang Kurzarbeit eingesetzt. Von den rund 140 000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen im Kreis wurde für rund 64 000 Kurzarbeit angemeldet.

In welchen Branchen wird überall kurzgearbeitet?

Seit März sind bei der Waiblinger Arbeitsagentur 4573 Anzeigen für konjunkturelles Kurzarbeitergeld eingegangen. Im Juni selbst waren es nur noch 123 Anzeigen, hat die Agentur für Arbeit jüngst mitgeteilt. Die meisten Anzeigen auf Kurzarbeit waren aus dem Bereich Handel, Instandhaltung und Reparatur von KFZ (795 Betriebe), gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe (759) und dem Gastgewerbe (544). Die meisten Angestellten sind im verarbeitenden Gewerbe (23 196 Menschen), Handel, Instandhaltung und Reparatur von KFZ (11 422), Immobilien, freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen (4103) betroffen. Im Gastgewerbe sind es 3578 Menschen.

Wie ist die Stimmung in den einzelnen Branchen?

Der Blick in einzelne Branchen zeigt darüber hinaus, dass die aktuelle Wirtschaftskrise wenige Gewinner und viele Verlierer zum Vorschein bringt.

Industrie: Sowohl die aktuelle als auch die künftige Geschäftslage in der Industrie wird derzeit sehr schlecht beurteilt. Nur noch magere 14 Prozent der Unternehmen bezeichnen ihre Geschäftslage als gut. Zuversicht gibt lediglich, dass immerhin 25 Prozent der Betriebe eine Verbesserung in den kommenden zwölf Monaten erwarten.

Bau: Eine der wenigen Ausnahmen dürfte der Bausektor sein, doch auch hier drohen sinkende Einnahmen im öffentlichen und privaten Bereich zu einer Verlangsamung der allgemeinen Bau- und Renovierungstätigkeiten zu führen. „Wir appellieren deshalb an die Kommunen, jetzt nicht angesichts drohender Steuerrückgänge vorschnell auf die Investitionsbremse zu treten, sondern an ihren geplanten Investitionen festzuhalten. Alles andere würde die Krisenfolgen noch stärker auch in den Bausektor, aber auch ins Handwerk tragen. Bund und Land stellen den Kommunen in erheblichem Maße die finanziellen Mittel zur Verfügung, um die Einnahmeausfälle kurzfristig zu kompensieren“, so IHK-Präsident Paal.

Handel: Die Lage im Groß-Handel stellt sich äußerst problematisch dar und ist noch schlechter als in der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise. Insgesamt schwer erwischt hat die aktuelle Wirtschaftskrise den stationären Einzelhandel. Die meisten Einzelhandelssparten mussten in den vergangenen Monaten ihre Ladengeschäfte für Wochen schließen, was vielen unwiederbringliche Umsatzverluste einbrachte, die auch nur begrenzt durch staatliche Förderhilfen aufzufangen sind. Lediglich Bau- und Gartenmärkte sowie Lebensmittelhändler erfreuten sich einer ungebrochenen Nachfrage und dürfen sich zu den Gewinnern zählen. Zuwächse und damit einen weiteren Schub erlebt der Onlinehandel, wohingegen von den Betrieben im Dienstleistungssektor derzeit mehrheitlich negative Rückmeldungen zu vernehmen sind.