Waiblingen

Das Remsufer beim Säuturm

1/4
0b076184-5089-4bd7-8298-1b2597011dae.jpg_0
Die Weingärtner Vorstadt heute, Standort von Galerie, Kunstschule und Eva-Mayr-Stihl-Stiftung. © Benjamin Buettner
2/4
28eaf7a7-dde5-4f1f-9c6c-e35619bb3675.jpg_1
Das Remsufer mit Federvieh und Bootsanlegestelle. © Wied
3/4
60060a79-3dad-4d43-88f5-4efcac7799eb.jpg_2
Bei Hochwasser. © Brandstetter
4/4
5c94845a-541f-4152-9ffb-3ce8392fe252.jpg_3
Unser Rätselbild Nummer vier. Hinten die Häckermühle. © Sammlung Schwarzmaier

Waiblingen. Selbst für echte Waiblingen-Kenner war das vierte Zeitreise-Rätsel eine richtig harte Nuss. Wo das Federvieh spazieren ging, befindet sich heute die Verwaltung der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung in der Weingärtner Vorstadt. Beim quer stehenden Gebäude im Hintergrund handelt es sich um die Häckermühle.

Das historische Bild aus der Sammlung Rummel entstand aus Richtung des im Volksmund „Säuturm“ genannten Beinsteiner Torturms mit Blick zur Weingärtner Vorstadt. Die rechte Häuserreihe fiel der Remsbegradigung zum Opfer. Viel später erst, im Jahr 2006, wurde zuletzt die Häckermühle abgerissen um Platz zu machen für die Kunstschule, die Galerie Stihl und das Restaurant Disegno, das in seiner architektonischen Form an die Häckermühle erinnern soll. Im Bildvordergrund befanden sich lange Zeit Parkplätze. Jetzt befindet sich dort, wo auf dem Foto die Hühner gackern, das Verwaltungsgebäude der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung.

Baumaterial aus der Rems und Tummelplatz für Biberratten

Schräg gegenüber die „Gastwirtschaft mit tierischem Namen“: der Silberne Hecht. Um ihn, besser gesagt um die einst dazu gehörende Bäckerei, ranken sich Erinnerungen der Leser und Rätsel-Teilnehmer. Alle erwähnen den „Chinesenbäck“. Horst Stanzl erklärt, warum: „Er hatte den Spitznamen wegen seiner Schlitzaugen. Wir mussten bei Gebrauch dieses Spitznamens schnellstens in den nahegelegenen Mauergang flüchten.“ Unweit des Silbernen Hechts befand sich noch die berühmt-berüchtigte Schwemme „Backbord“. „An der Häckermühle gingen wir ungern vorbei“, erzählt Horst Stanzl weiter, „da auf dem Treppenaufgang immer ein riesiger Hund saß“. Wenn das Wasser des Mühlkanals abgelassen wurde, sichteten die Kinder im Schlick etliches Kriegsgerät wie Patronen, Gewehre und Handgranaten. Zwar wurde er verspottet, doch die Ware des Bäcks wussten die Kinder in ganz Waiblingen zu schätzen, wie Ingeborg Kuppinger berichtet. Besonders die „Schäumle“, die sie dort nach dem Krieg ohne Lebensmittelmarken bekamen.

Erinnerungen an die Bewohner der Weingärtner Vorstadt

Und natürlich erinnern sich die Zeitungsleser an Bewohner der Weingärtner Vorstadt. So etwa Dieter Schweizer: „Im linken Häuschen wohnte die Familie Lachenmaier, bei der ich immer das in unserem Garten gepflanzte Weißkraut einhobeln lassen musste.“ Elisabeth Siemers, Jahrgang 1941 erwähnt von der anderen Straßenseite eine Frau Fischer mit Tochter Hermine. Siegfried Jenne zählt die Namen Sachsenmaier, Heinrich und Lang auf – Letzterer wurde auch „Sand-Lang“ genannt. „In der Rems gab es beim Säuturm Sandbänke“, schreibt Elisabeth Siemers weiter. „Mit einem Kahn wurde der Flusssand ans Ufer gebracht und zum Trocknen an der Vorstadt ausgelegt.“ Noch genauer schilderte Irmtraut Seidel seine Arbeitsweise in einem 1996 in der Heimatvereins-Bücherreihe „Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart“ erschienenen Aufsatz: „Er ließ Sand und Kies über erst grobe, dann immer feiner werdende Gitter rieseln, Schaufel für Schaufel. So gewann er handverlesenes Baumaterial.“ Irmtraut Seidel erwähnt übrigens auch das Federvieh, das hier ungehindert ans Ufer watscheln konnte. Darüber war ein „Malerwinkel und bevorzugter Fotografenstandort“. Ein dort entstandenes Bild steuert Roland Wied zum Zeitreise-Rätsel bei.

Arrestzellen im Säuturm

Im Säuturm waren noch lange Zeit die Arrestzellen der Stadt, so Elisabeth Siemers weiter. „Wir Kinder guckten immer, ob jemand hinter den vergitterten Fenstern herausschaute.“ . Von der Remsbrücke aus beobachteten sie außerdem Nutrias (Biberratten) im Fluss. Auf der anderen Seite des Säuturms wohnte der „Säger-Fritz“,der mit seiner fahrbaren Säge zu den Leuten fuhr und das Holz seiner Kunden sägte und sich dabei auch schon einige Finger abgesägt hatte.

Einen Dank gilt’s noch loszuwerden durch den Waiblinger Architekten Hans Schänzel: Anfang der fünfziger Jahre hatte die Familie von ihren Baumstückle im Riebeisen und Käppele im Herbst immer reiche Apfelernte. Die Mostäpfel waren damals durchaus was wert, und mit seiner Oma zog der Bub den schweren Handwagen zur Ablieferung in die Schmidener Straße. Die Weingärtner Vorstadt schafften sie aber nicht hoch. Etwa am Fotografenstandort kamen spielenden Kinder und halfen bis hoch zu Kolonialwaren Klingler. Ein paar Zehnerle zur Belohnung hatte die Oma in der Schurztasche, die Kinder kannten das Spiel und halfen gerne. „Falls unter den Lesern jemand dabei war, vielen Dank im Nachhinein!“

Alle Teile der Zeitreise durch Waiblingen mit Vorher-Nachher-Bildern finden Sie unter www.zvw.de/zeitreise