Waiblingen

Datenschützer stoppt E-Rezept: Das sagt Ärztin Dr. Anke Menikheim aus Waiblingen

Dr. Anke Menikheim
Dr. Anke Menikheim hat zwei Hausarztpraxen. © ZVW/Gabriel Habermann

Die Digitalisierung in Deutschland geht nur schleppend voran – und das zeigt sich auch beim elektronischen Rezept vom Arzt. Dr. Anke Menikheim, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Praxen in Kleinheppach und in Waiblingen-Bittenfeld, ist schon seit vielen Monaten technisch in der Lage, E-Rezepte auszustellen – doch sie darf es noch nicht. Weiter muss sie ihren Patienten den klassischen rosa Zettel mitgeben, auf dem die verschriebenen Medikamente stehen.

Das E-Rezept sollte vieles leichter machen

Dabei soll das E-Rezept in Deutschland vieles künftig leichter machen. Patienten könnten sich damit etwa den Gang zum Arzt sparen, wenn sie ein Folgerezept benötigen. Wir fragten Dr. Anke Menikheim, wie sie mit dem Thema mittlerweile umgeht – und welche Kosten für ihre Praxen mit dem E-Rezept verbunden sind.

Apotheken mussten bereits zum 1. September 2022 technisch bereit sein, E-Rezepte anzunehmen. In der Praxis kommen aber keine Patienten mit E-Rezept, weil Ärzte in Baden-Württemberg dieses noch nicht ausstellen dürfen. Technisch haben Sie in Ihrer Praxis in Bittenfeld und Ihrer Praxis in Kleinheppach schon alles so umgestellt, so dass Sie E-Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente ausstellen könnten. Wann dürfen Sie endlich loslegen?

Wir dürfen dann loslegen, wenn die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg die Ampel auf Grün stellt. Aktuell steht weder fest, zu welchem Zeitpunkt das passieren wird, noch ab wann das E-Rezept verpflichtend ist.

Die Einführung des E-Rezepts wurde ja erst mal gestoppt und es wurde festgelegt, dass eine Pflicht dazu erst kommen soll, wenn es mit der elektronischen Gesundheitskarte vorangeht. Wie ist Ihr aktueller Stand dazu?

Ja, das stimmt, das Bundesgesundheitsministerium hatte die Einführung im Januar 2022 gestoppt. Anschließend fand eine verlängerte Testphase statt, die Prozesse und Strukturen belastbar evaluieren sollte. Der Plan war dann, die flächendeckende Einführung schrittweise zu vollziehen. Diese Einführung ist aktuell allerdings tatsächlich gescheitert. Der Grund dafür ist die Entscheidung des Bundesdatenschutzbeauftragten gegen die Einlösung von E-Rezepten.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte erteilte der elektronischen Gesundheitskarte in der jetzigen Form eine klare Ablehnung. Dies bedeutet laut Gematik, der nationalen Agentur für digitale Medizin, eine zusätzliche Verzögerung bis Mitte 2023, damit die Datenschutzkonformität eingebaut werden kann. Es ist zu hören dass die Gematik zudem weitere, niedrigschwelligere Übermittlungswege prüfe. An der Stelle kann ich nur in Erinnerung rufen, dass der eigentliche Königsweg bei der digitalen E-Rezept-Übermittlung die Gematik-App ist.

Allerdings ist der Zugang zur Gematik-App durch eine sehr komplexe Technologie nur wenigen Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung möglich. Ob und wann hier eine Light-Version der App kommt, bleibt ebenfalls fraglich. Im Moment ist man also einmal mehr in der Warteschleife.

Was ärgert Sie bei dem Thema?

Mich ärgern tagtäglich viele Dinge rund um den Praxisalltag. Wir hatten viele Themen rund um Corona. Ich erinnere nur an die fehlenden Impfstoffe, die ständig wechselnden Maßnahmen et cetera. Das E-Rezept beschleunigt meinen Puls daher nur bedingt. Formalistisches Denken und Handeln im Gesundheitsbereich sind allgegenwärtig. Aus diesem Grund scheuen sich im Übrigen schon viele Mediziner, sich niederzulassen.

Welche Versäumnisse sehen Sie in Sachen E-Rezept bei den niedergelassenen Ärzten?

Ob und inwiefern den Fachschaften Versäumnisse vorgeworfen werden können, kann ich nicht beurteilen. An dieser Stelle muss ich auf die Gesellschafterstruktur der Gematik verweisen. Neben dem Bundesgesundheitsministerium sind dort alle Spitzenverbände der Branche beteiligt. Vertreter der gewählten Niedergelassenen sitzen ja in diesen Verbänden wie zum Beispiel in der Bundesärztekammer oder dem Bundesverband der Kassenärztlichen Vereinigung, die ja die Interessen der rund 181.000 freiberuflichen, in Praxen ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten wahrnimmt. Vielleicht hätten freie Interessenvertretungen wie zum Beispiel der Mediverbund hier stärker wirken sollen, aber hinterher ist man immer klüger.

Welche Kosten sind eigentlich für Sie als niedergelassene Ärztin mit dem E-Rezept verbunden?

Durch den Umzug in Bittenfeld vom Haldenweg in den Feldblick und der neuen Niederlassung in Kleinheppach haben wir die Technik modernisiert und sämtliche notwendige Hard- und Softwarekomponenten rund um das Thema E-Health angeschafft. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um moderne E-Health-Terminals, wovon eines schon circa 800 Euro kostet. Zusätzlich schafften wir die gerätespezifischen „Security-Module“-Cards für additive circa 80 Euro an, einen passenden Drucker und so weiter. Des Weiteren ist ein Zusatzmodul des Softwareanbieters, das implementiert werden muss, notwendig, wobei einmalige sowie monatliche Folgekosten entstehen. Man darf auch nicht vergessen, dass schnelle Internetleitungen benötigt werden, am besten Glasfaser, was natürlich auch wieder teurer ist. Der Faktor Digitalisierung und IT ist ohnehin ein Ausgabenposten, der jährlich zunimmt.

Was sollte die Politik beim E-Rezept tun, damit es endlich vorwärtsgeht?

Tatsächlich glaube ich, dass die Politik speziell in diesem Fall nichts beschleunigen kann. Digitalisierung ist ein sehr komplexes Thema. Deutschland liegt laut Statista auf Platz 13 in der EU und weltweit meine ich unterhalb der Top 50. Das heißt, dass wir generell ein infrastrukturelles Problem diesbezüglich haben und nicht im Speziellen in der Medizin. Dies bedeutet, damit es vorwärtsgeht, muss Politik sich grundlegend neben den extrem wichtigen aktuellen Brandthemen Klima und Friedenssicherung endlich auch auf den Themenkomplex Digitalisierung fokussieren.

Die Digitalisierung in Deutschland geht nur schleppend voran – und das zeigt sich auch beim elektronischen Rezept vom Arzt. Dr. Anke Menikheim, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Praxen in Kleinheppach und in Waiblingen-Bittenfeld, ist schon seit vielen Monaten technisch in der Lage, E-Rezepte auszustellen – doch sie darf es noch nicht. Weiter muss sie ihren Patienten den klassischen rosa Zettel mitgeben, auf dem die verschriebenen Medikamente stehen.

Das E-Rezept sollte vieles

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