Waiblingen

Debatte um Corona bei Menschen mit Migrationshintergrund: Warum OB Hesky die Namen der Infizierten kennt

Migrationshintergund
Mit der Aussage, viele Corona-Infizierte hätten Migrationshintergrund, hat der OB kontroverse Reaktionen ausgelöst. © Adobestock/Monet

Ausdrücklich sollte es „keine Anklage sein, sondern ein Hilferuf“: Oberbürgermeister Andreas Hesky hat mit seiner Aussage, Menschen mit Migrationshintergrund seien überproportional von Corona-Infektionen betroffen, ein heikles Thema angesprochen. Haben andere Städte vergleichbare Beobachtungen gemacht? Eine Frage bewegte besonders viele: Darf Hesky die Namen der Betroffenen überhaupt einsehen?

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Oberbürgermeister Andreas Hesky Chef des Waiblinger Krisenstabs für außergewöhnliche Ereignisse. Zudem haben im Rems-Murr-Kreis die Städte und Gemeinden die Covid-Nachverfolgung in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt übernommen – weitestgehend mit ihrem eigenen Personal. Als OB und Chef des Krisenstabs fungiert Hesky also auch als oberster Chef des „Covid-Teams“.

So sehe er die Namen der Neuinfizierten täglich in seinem normalen Maileingang zum Zweck der Einsatzplanung und zur Identifikation möglicher Hotspots – nicht etwa aus Neugier. Seine Formulierung, er lasse sich die Namen „vorlegen“, sei allerdings „Käse“, räumt er ein. In manchen Fällen wie der Kita Obsthalde habe er wochenends auch selbst telefoniert und Betroffene über den positiven Test ihres Kindes informiert. Ein Verstoß gegen den Datenschutz, wie einige Facebook-Mitglieder mutmaßen, liege nicht vor.

Weniger gute Arbeits- und Wohnbedingungen als Grund?

Die Kommentare im sozialen Netzwerk waren zahlreich – und kontrovers. Scharfe Kritik war dabei, Pauschalisierungen und auch Unterstützung für den OB. Dieser stellt im Nachgang noch einmal klar: „Wer in meinen Ausführungen rechtes Gedankengut vermutet, liegt genauso daneben, wie diejenigen, die mir eine Stigmatisierung unterstellen.“ Auf Zuspruch von rechts lege er keinen Wert. In der Vergangenheit hat sich der Rathauschef als Verfechter von Integration und Willkommenskultur ausgezeichnet. Recht früh trat Waiblingen dem Bündnis „Sichere Häfen“ bei, wozu sich manch andere Stadt nicht durchringen konnte. Er erkenne jedoch eine „Auffälligkeit“ und frage sich nach den Gründen dafür. Diese suche er aber bei sich beziehungsweise den Stellen, die Infos veröffentlichen. Er habe nicht gefragt, warum es Migranten vermeintlich nicht verstünden, sondern „warum es uns nicht gelingt, gut zu informieren“.

Die Phase der Reiserückkehrer

Für Waiblingen beobachtet Hesky anhand der Namen, dass es sich bei Neuinfizierten oft um Menschen mit Migrationshintergrund handle, an manchen Tagen bis zu 80 oder 90 Prozent. Und die anderen Städte im Kreis? In Weinstadt gebe es dazu “keinerlei Detailauswertung“, sagt Oberbürgermeister Michael Scharmann. Lediglich in der Phase, in der viele Reiserückkehrer positiv getestet wurden, habe es den Anschein gemacht, dass ein beachtlicher Anteil der Reiserückkehrer vermutlich einen Migrationshintergrund gehabt habe. Ansonsten gebe es in Weinstadt Corona-Fälle in allen Altersgruppen und Ortsteilen ohne besondere Auffälligkeiten. In Winnenden vermutet die Stadtverwaltung einen erhöhten Anteil im Vergleich zur Gesamtbevölkerung und liefert einen Erklärungsansatz mit – „häufigere Reisetätigkeit in die Heimatländer und zum Teil weniger gute Arbeits - und Wohnbedingungen“.

„Grundsätzlich ist es sicher schwierig, anhand der Namen belastbare Rückschlüsse auf die Deutschkenntnisse der Betroffenen zu schließen“, so die Fellbacher OB Gabriele Zull. Die Namen ließen auf sehr verschiedene Wurzeln schließen. Teilweise seien die Familien schon seit Generationen in Fellbach. Knapp jeder vierte Fellbacher habe keinen deutschen Pass, knapp neun Prozent haben einen deutschen und einen anderen Pass. Viele Fellbacher haben auch Wurzeln in anderen Ländern, leben aber bereits seit Generationen hier – die Namen seien vielfach geblieben. Auch Backnang und Schorndorf erheben die Herkunft nicht. Freilich gibt keine der angefragten Städte an, die Namen überhaupt nicht zu kennen.

Griechische Gemeinde sieht kein Defizit

Die Stadt Waiblingen ruft ihren Integrationsrat und die Migrantenvereine auf, Corona-Informationen und Regeln als Multiplikatoren weiterzuverbreiten. Was zum Beispiel die griechische Gemeinde längst tut, wie deren Vorsitzende Eleni Rafailidou versichert. Der Vorstoß des Oberbürgermeisters sei gut gemeint – aber bei einigen nicht gut angekommen. Sowohl im Bürgerbüro der Gemeinde als auch in der griechisch-orthodoxen Nikolauskirche gälten strenge Hygienevorschriften, die korrekt eingehalten würden. Beim muttersprachlichen Unterricht haben die Waiblinger Griechen bewusst auf Präsenz-Unterricht verzichtet, damit möglichst nicht Schüler aus unterschiedlichen Schulen zusammenkommen. Insofern sei sie ein „bisschen traurig“, wenn hier ein Informationsdefizit vermutet werde.

Mit seiner Haltung steht der Waiblinger OB nicht alleine. Wie die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet, hat der Esslinger Landrat Heinz Eininger einen ganz ähnlichen Anlauf bei Integrationsbeauftragten und Vereinen unternommen.

Ausdrücklich sollte es „keine Anklage sein, sondern ein Hilferuf“: Oberbürgermeister Andreas Hesky hat mit seiner Aussage, Menschen mit Migrationshintergrund seien überproportional von Corona-Infektionen betroffen, ein heikles Thema angesprochen. Haben andere Städte vergleichbare Beobachtungen gemacht? Eine Frage bewegte besonders viele: Darf Hesky die Namen der Betroffenen überhaupt einsehen?

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Oberbürgermeister Andreas Hesky Chef des Waiblinger

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