Waiblingen

Der Aufstieg von Aeroxon: Wie der Fliegenfänger aus Waiblingen die Welt erobert

Aeroxon Wirtschaftsbeilage
Das zweite Standbein von Kaiser wird nach dem Aus der Bonbon-Produktion am Standort Waiblingen wichtiger denn je: Die Schädlingsbekämpfungsmittel der Marke Aeroxon, die es seit 1911 gibt. Sie werden nach wie vor in der Bahnhofstraße 35 produziert. © ZVW/Benjamin Büttner

Wenn die Firma Kaiser aus Waiblingen sich öffentlich dargestellt hat, dann war sie früher in erster Linie immer der Bonbon-Produzent. Die andere Marke, die Schädlingsbekämpfungsmittel der Marke Aeroxon, standen in der Außenwirkung eher an zweiter Stelle.

Geschäftsführer Thomas Updike, Urenkel des Firmengründers Theodor Kaiser (1862 bis 1930), erklärte dies kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion auch damit, dass es einfach leichter ist, sich als Bonbon-Produzent zu vermarkten. Nach dem Aus für die Bonbon-Produktion am Standort Waiblingen steht Aeroxon aber mehr denn je im Fokus – schließlich werden die Schädlingsbekämpfungsmittel weiter am Hauptsitz in der Bahnhofstraße 35 produziert.

Alles fängt mit dem Fliegenfänger an

Die Geschichte von Aeroxon geht nicht ganz so lange zurück wie jene von den Bonbons, deren Urrezeptur einst der Waiblinger Konditor Friedrich Gottlob Kayser (1824 bis 1904) entwickelt hat. Sein Sohn Theodor (1862 bis 1930) war es schließlich, der daraus die berühmten „Brust-Caramellen“ machte. Sie wurden 1889 im Remstalboten, einem Vorgängerblatt der Waiblinger Kreiszeitung, als Heilmittel für Husten, Heiserkeit, Brust- und Lungenkatarrhe gepriesen. 1902 ließ der Erfinder der Brust-Caramellen seinen Familiennamen wieder ändern – von Kayser zu Kaiser. Und sieben Jahre später entwickelte Theodor Kaiser zusammen mit einem befreundeten Chemiker etwas, was schließlich die Gründung der Marke Aeroxon auslöste: einen Fliegenfänger.

Spezieller Leim statt Giftpumpe

Das Besondere daran war, dass er aus einem speziellen Leim bestand, der sowohl gegen Hitze also auch gegen Kälte unempfindlich war. Das dünne Leimband wurde dabei mit einem Extrakt aus Honig, Harz, Ölen und Gummi bestrichen – anfangs noch in Heimarbeit. Theodor Kaiser kam auf die Idee, weil er etwas gegen die Fliegen in der eigenen Backstube unternehmen wollte. „Damals gab’s nur die Giftpumpe“, erläutert sein Urenkel Thomas Updike. 1909 wurden die ersten Fliegenfänger noch unter dem Namen „Aeroplan“ produziert – doch schon ein Jahr später gab es Probleme mit der Bezeichnung. Das lag an Einsprüchen anderer Firmen, unter anderem aus dem Fluggerätebau – und so entstand 1911 ein neuer Markenname: Aeroxon.

1930: Rund 124 Millionen verkaufte Fliegenfänger

Die Firma wächst und wird in ihrer Entwicklung auch nicht vom Ersten Weltkrieg ausgebremst. Anfang der 1920er Jahre gelangt das Stammwerk in der Bahnhofstraße in Waiblingen an seine Grenzen – weshalb im fränkischen Würzburg die „Aeroxon Fr. Kaiser GmbH Würzburg“ gegründet wird. Bald wird auch ins Ausland exportiert. Bis Ende der 1920er Jahre gibt es elf Auslandsbetriebe – und Kaiser kann 1930 mit der Marke Aeroxon eine neue Bestzahl verkünden: rund 124 Millionen verkaufte Fliegenfänger. Für seine Lebensleistung erhält Theodor Kaiser im selben Jahr die Ehrenbürgerwürde der Stadt Waiblingen – auch wird die frühere Staufenstraße nach ihm benannt.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzen sich auf dem Markt zunehmend Sprays durch, die das giftige Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan enthalten, besser bekannt unter seinem Kürzel DDT. In vielen Haushalten, sagt Geschäftsführer Thomas Updike, seien diese Produkte damals benutzt worden. „Alle Menschen haben sich da auf Dauer dem Giftnebel ausgesetzt.“

1985 gibt es für den Fliegenfänger das Umweltzeichen „Blauer Engel“

In der Bundesrepublik Deutschland wurde DDT schließlich 1972 verboten. Mit den Erfolgen der Umweltbewegung gelingt es Aeroxon schließlich in den 80ern, wieder wirtschaftlich stärker zu werden. Der klare Fokus auf möglichst umweltfreundliche Produkte wird dabei für den Kunden auch beim Kauf sichtbar: Von Ende August 1985 an erhalten der Fliegenfänger und der Stallfliegenfänger von Aeroxon den „Blauen Engel“ – seit mehr als 40 Jahren das Umweltzeichen der Bundesregierung, das Verbrauchern bei ihrer Kaufentscheidung helfen soll.

Überall erhältlich – ob bei DM, Rossmann oder im Supermarkt

Die Marke Aeroxon wird schließlich in Deutschland Marktführer für Schädlingsbekämpfung. Wer heute in Drogeriefilialen von Rossmann oder DM oder in Supermärkte geht, findet dort eine breite Palette von Aeroxon-Produkten. Die Philosophie des Waiblinger Unternehmens Kaiser ist weiterhin, möglichst ohne chemische Mittel auszukommen. Und falls diese doch notwendig sind, sollen sie mit einem Minimum an Wirkstoffen und einer sicheren Verpackung ausgestattet sein. Bei höherem Schädlingsbefall, etwa bei Ameisen, sagt Thomas Updike, gebe es sowieso nichts, was ohne Chemie auskomme.

Aeroxon: 2020 lag der Jahresumsatz bei 51,3 Millionen Euro

Das Unternehmen versuchte zudem stets, Vorreiter bei Trends zu sein. Von 1995 an verkaufte Aeroxon als eine der ersten Firmen eine Pheromonfalle gegen Lebensmittelmotten. Auch Corona konnte das Wachstum von Aeroxon bislang nicht stoppen. Im März 2021 vermeldete Aeroxon in einer Pressemitteilung, dass 2020 ein erfolgreiches Geschäftsjahr gewesen sei. Der Umsatz habe bei 51,3 Millionen Euro gelegen – das ist ein Zuwachs von 10,8 Prozent gegenüber 2019. Hier lag der Umsatz noch bei 46,3 Millionen Euro. 2016 waren es 34,9 Millionen Euro – die Zahlen zeigen also, dass die Firma auf Wachstumskurs ist.

Spende von medizinischen Geräten an das Olgahospital in Stuttgart

24 Prozent des Umsatzes von 2020 wurden im Export erzielt – vor allem auf dem europäischen Markt, aber auch in Kanada und Russland. Auf dem deutschen Markt der Haushaltsinsektizide hatte Aeroxon 2020 nach eigenen Angaben einen Anteil von 25,5 Prozent. Das Unternehmen zeigt dabei in der Region auch soziales Engagement. So spendete Aeroxon 2021 drei medizinische Geräte im Gesamtwert von 17.000 Euro an das Stuttgarter Olgahospital.

Viele Aeroxon-Produkte, die ohne Chemie auskommen, werden derzeit weiter in der Bahnhofstraße produziert. Die anderen werden im tschechischen Werk in Klatovy gefertigt. Thomas Updike hat im jüngsten Gespräch mit unserer Redaktion klargemacht, dass Aeroxon erst mal in der Bahnhofstraße bleibt. Langfristig soll jedoch ein neuer Standort in einem Industriegebiet gefunden werden.

Wenn die Firma Kaiser aus Waiblingen sich öffentlich dargestellt hat, dann war sie früher in erster Linie immer der Bonbon-Produzent. Die andere Marke, die Schädlingsbekämpfungsmittel der Marke Aeroxon, standen in der Außenwirkung eher an zweiter Stelle.

Geschäftsführer Thomas Updike, Urenkel des Firmengründers Theodor Kaiser (1862 bis 1930), erklärte dies kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion auch damit, dass es einfach leichter ist, sich als Bonbon-Produzent zu vermarkten. Nach

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