Waiblingen

Der Fall Deniz E.: Die Plädoyers

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Deniz E. im Stuttgarter Landgericht am ersten Tag der Verhandlung um seine „nachträgliche Sicherungsverwahrung“. © ZVW/Sarah Utz

Stuttgart/Kernen. Deniz E. gehöre in Sicherungsverwahrung, er sei weiterhin hochgefährlich, sagt der Oberstaatsanwalt – nein, findet die Verteidigerin, die strengen Voraussetzungen für eine derart seltene freiheitsentziehende Maßnahme seien nicht gegeben: die Plädoyers im Fall um Yvan Schneiders Mörder.

Es geht in diesem Verfahren nicht um Schuld, nicht um Sühne, nicht um Strafe: Schuld, Sühne, Strafe tun hier nichts zur Sache, dürfen nicht die geringste Rolle spielen. Dies muss sich glasklar machen, wer ermessen will, wie komplex der Fall um die „nachträgliche Sicherungsverwahrung“ von Yvan Schneiders Mörder Deniz E. ist.

Es geht einzig darum: Ist es zum Schutze der Gesellschaft, zur Abwehr akut drohender Lebensgefahr unerlässlich, den 29-Jährigen weiter geschlossen unterzubringen, obwohl er seine zehnjährige Jugendstrafe bereits komplett verbüßt hat?

Sicherheitsverwahrung nur unter strengsten Vorraussetzungen möglich

Solch eine Maßnahme war früher bei jungen, nach dem Jugendstrafrecht verurteilten Tätern wie Deniz E. überhaupt nicht möglich. Mittlerweile wurde das Gesetz zwar geändert – die nachträgliche Sicherungsverwahrung für Verurteilte, die zum Tatzeitpunkt noch heranwachsend waren, ist aber nur erlaubt unter strengsten Voraussetzungen. Eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Deniz E. nach einer Freilassung erneut Straftaten begehen dürfte, beispielsweise Körperverletzung oder Drogenhandel, reicht nicht. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er nach einer Freilassung erneut schwerste Gewaltstraftaten verüben könnte, reicht nicht. Nur wenn die hohe Wahrscheinlichkeit schwerster Gewalttaten besteht, ist die Verwahrung rechtens.

Als wäre es für ein Gericht nicht abgründig schwer genug, sich hier ein fundiertes Urteil zu bilden, sind auch noch zwei psychiatrische Gutachter zu verschiedenen Schlüssen gekommen, obwohl sie sich in vieler Hinsicht einig waren. Dass Deniz E. an einer gravierenden seelischen Störung mit dissozialen und narzisstischen Zügen leidet: unstrittig. Dass ihm eine ungünstige Kriminalprognose auszustellen ist, sprich, dass er in Freiheit wohl wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten wird: unstrittig. Aber hohe Wahrscheinlichkeit schwerster Taten? Ja, sagte der eine. Nein, der andere.

Empathieschwäche und narzisstische Kränkbarkeit

Beim Mord an Yvan Schneider, argumentiert Oberstaatsanwalt Albrecht Braun in seinem Plädoyer, wirkten mehrere Faktoren zusammen: E.s narzisstische Kränkbarkeit führte zu exzessivem Besitzdenken gegenüber seiner Freundin; seine massive „Empathieschwäche“ trieb ihn zu enthemmter Gewalt; sein manipulatives Geschick half ihm, „Bewunderer, Mitläufer, andere Gestörte“ um sich zu scharen und für die Tat und den anschließenden Vertuschungsversuch mit einzuspannen. Diese Konstellation aber sei „kein unwiederholbarer Konflikt“: Es sei „sehr wahrscheinlich“, dass E. künftig wieder in eine unheilvoll überhitzte Liebesbeziehung geraten, wieder seine Aggression gegen vermeintliche Nebenbuhler wenden, wieder Kumpels finden werde, die sich von ihm „steuern“ lassen.

Hinzu komme sein in der Haftzeit ungebrochener Drogenkonsum. Und in Sachen Persönlichkeitsreifung sei „kaum eine Entwicklung“ erkennbar. In der Sicherungsverwahrung ließe sich „nachholen“, was während der Haft „nicht gelungen“ sei: eine therapeutische Aufarbeitung. Deniz E. müsse lernen, sein „Frauenbild“ zu hinterfragen und mit Kränkungen und Aggressionen umzugehen. Sollte er diesen Weg gehen, stünde einer Entlassung nichts im Wege: Jährlich würde geprüft, ob Deniz E. noch als gefährlich einzustufen ist.

Ein Medikament als Argument

Das wichtigste Argument von E.s Anwältin Buket Yildiz-Özdemir ist die zehnjährige Haft: Zunächst habe es „keine Auffälligkeiten“ gegeben. Zunehmend aggressiv gegen Mobiliar, Fensterscheiben, Waschbecken sei Deniz E. erst geworden, als er in der Strafvollzugsanstalt Heimsheim das Medikament Medikinet in aberwitziger Überdosierung bekam. Das Mittel soll die Impulsivität dämpfen, kann aber, wenn es vierfach überhöht verabreicht wird, das genaue Gegenteil bewirken. Selbst in dieser Phase aber wurde der Häftling nie gewalttätig gegen Gefängnispersonal.

Mittlerweile ist er in Ravensburg untergebracht, erhält kein Medikinet mehr und verhalte sich seit Monaten „unproblematisch“. Aber was, wenn Deniz E. künftig wieder in eine fatale Beziehung gerät, einen potenziellen Rivalen ausmacht, über willfährige Freunde verfügt? Solch ein „Szenario“, bei dem sich erneut „unzählige negative Faktoren“ verketten, könne zwar „nicht gänzlich ausgeschlossen werden“, aber es gründe auf zu vielen „Hypothesen“, um die hohe Wahrscheinlichkeit schwerster Taten zu stützen. Im Übrigen habe Deniz E. durchaus „Reifungsstufen durchlaufen“ in den vergangenen Jahren. Den Mord bezeichne er selbst als „Schwachsinn“. Eine „Distanzierung von der Tat ist schon zu sehen“. (Urteilsverkündung am Mittwoch, 11.April.)

Abschiebung fraglich

Falls Deniz E. frei komme, werde er umgehend in die Türkei abgeschoben, davon gingen bislang viele aus, da ein rechtskräftiger Ausweisungsbeschluss ja seit Jahren vorliegt – nur: Ob Ankara dabei mitspielt, ist völlig offen. Deniz E. verfügt offenbar über keinen Ausweis – und die türkischen Behörden sind bislang nicht bereit, ihm Ersatzpapiere auszustellen.

https://www.zvw.de/inhalt.kernen-yvans-moerder-kommt-erstmal-nicht-frei.a4430918-449e-4e2f-b9e8-d4870d65ea23.html

 

Der Fall Yvan Schneider

Der damals 19-jährige Schüler und Handballer Yvan Schneider wurde am 21. August 2007 im Streuobstwiesengebiet nahe der Villa Rustica in Rommelshausen von einer 16-jährigen Bekannten unter einem Vorwand in einen Hinterhalt gelockt und brutal ermordet. Die 16-Jährige war in einer von Eifersucht und Besessenheit gekennzeichneten Beziehung zum Haupttäter Deniz E. (damals 18) gefangen. Deniz E. glaubte, dass die 16-Jährige mit Yvan Schneider eine intime Beziehung gehabt habe. Zusammen mit einem russlanddeutschen Freund (18) schlug Deniz E. unvermittelt mit dem Baseballschläger auf Yvan Schneider ein. Sie töteten ihn in einer wahren Gewaltorgie.

Am 27. August 2007 alarmierte die Bewohnerin eines Mehrfamilienhauses in Stuttgart-Gablenberg die Polizei, weil sie sich über den zunehmenden Verwesungsgeruch wunderte. Die Polizei fand in der verdreckten und verwahrlosten Wohnung im Untergeschoss die Blutspuren und Hinweise, dass eine Leiche zerstückelt und die Teile in Zement einbetoniert worden waren. Die Polizei nahm vier Tatverdächtige fest; aufgrund ihrer Hinweise entdeckten am 29. August 2007 Polizeihunde den Tatort in Rommelshausen. Am 30. August 2007 bargen Taucher die in Beton eingegossenen Leichenteile von Yvan Schneider aus dem Neckar.

Die Urteile vom März 2008: Zur Jugend-Höchststrafe, nämlich zehn Jahre Haft, hat das Landgericht den Haupttäter Deniz E. verurteilt.

Der russlanddeutsche Mitangeklagte bekam ebenso nach Jugendstrafrecht neun Jahre Haft.

Die 16-Jährige, die Yvan Schneider in den Hinterhalt gelockt hatte, wurde zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt – genauso wie ein weiterer Mitangeklagter, der bei der Strafvereitelung geholfen hatte.

Alle Mitangeklagten sind bereits auf freiem Fuße, bestätigt die Staatsanwaltschaft Stuttgart.