Waiblingen

Der letzte Bunker in Waiblingen: Erstmals Einblick in Anlage "Beim Wasserturm"

Atombunker
Atakan Talayhan von der Pro HV Hausverwaltung im Raumluftfilter-Raum des Waiblinger Bunkers. © Gabriel Habermann

Auf den ersten Blick eine ganze normale Tiefgarage. An diesem sonnigen Spätnachmittag ist es ruhig im Wohngebiet „Beim Wasserturm“. Ab und zu fährt ein Auto in die Garage, Kinder toben auf dem Spielplatz, eine Hausmeisterin sorgt mit ihrer Kehrmaschine für ordentliche, blütenfreie Gehsteige. Die Frau wundert sich, weshalb zwei Männer, einer der beiden mit einem Fotoapparat über der Schulter, vor der Tiefgarage stehen. Wir kommen ins Gespräch. Dass es sich bei dieser Garage um eine Schutzanlage handelt, davon hat die Frau nichts geahnt. Und dass diese Tiefgarage der letzte öffentliche Bunker in Waiblingen ist, erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Jeder Schritt in den Bunker ist ein Schritt in die Vergangenheit, eine gar nicht so ferne. In den 1980er Jahren, als die Wohnsiedlung gebaut wurde, gab es zwei Deutschlands - der „Eiserne Vorhang“ teilte die Welt und das Land in Ost und West. In der Bundesrepublik tobte die Diskussion über eine Nato-Nachrüstung: Nuklear bestückte Pershing-II-Mittelstreckenraketen sollten uns vor sowjetischen SS-20-Raketen schützen. Hätte die Abschreckung versagt, sollte ein etwa 30 Zentimeter dickes Stahltor die Menschen in diesem Bunker in Waiblingen vor radioaktiver Strahlung bewahren. „Strahlenschutz-Rolltor - Bedienungsanleitung“, informiert ein unscheinbares, schon leicht verwittertes Schild am eigentlichen Eingang der Schutzanlage.

Bunker wird nicht mehr instand gehalten

Einst hat es laut Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, unter deren Aufsicht die Schutzräume stehen, in Deutschland rund 2000 öffentliche Bunkeranlagen gegeben. Tiefgaragen wie die in Waiblingen und zwei weitere in Fellbach, Bahnhöfe oder Stollen. Inzwischen hat sich deren Zahl auf rund 600 verringert. Im Rems-Murr-Kreis sind von sechs öffentlichen Schutzräumen drei übrig geblieben. Die in Schorndorf, Fellbach und Rudersberg sind entwidmet. Ob die drei verbliebenen Bunker im Ernstfall Schutz böten, daran hat selbst die Bundesanstalt ihre Zweifel. Zu Recht.

Die Hausgemeinschaft bekommt zwar regelmäßig eine kleine Überweisung für den Unterhalt des Bunkers, erzählt Atakan Talayhan, Inhaber der Pro HV Hausverwaltung, die seit einem Jahr die Wohnanlage betreut. Doch instand gehalten werde der Bunker schon lange nicht mehr.

Hausmeister war selbst noch nie drin

Herr der Schutzanlage in Waiblingen ist Sebastino Marchese, seit einem Jahr der Hausmeister in der Wohnanlage. An seinem dicken Schlüsselbund hängt auch der Schlüssel zum Herz der Schutzanlage. Benutzt hatte er diesen vor dem Besuch der Presseleute noch nie. Das mit einer zerschlissenen Plane abgehängte Gittertor war für ihn von keinerlei Interesse - so wenig wie vermutlich für die meisten Benutzer der Tiefgarage, die tagein, tagaus achtlos daran vorbeifahren und -gehen.

Max Weyer hingegen weiß Bescheid. Er kennt alle Ecken der Tiefgarage - und des Bunkers. Der 85-Jährige war bis vor gut zehn Jahren hier der Hausmeister und hat sich eher zufällig zu uns gesellt - zu unserem Glück. Er war dabei gewesen, wenn die Leute des Amtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nach dem Rechten sahen, die Funktionsfähigkeit der Anlage überprüften und sie in Schuss hielten.

Max Weyer (85) kennt sich hier aus

Max Weyer hatte uns auch auf das Gittertor aufmerksam gemacht. „Der Schlüssel passt“, stellt Sebastino Marchese überrascht fest. Das Tor rollt zur Seite und gibt den Blick frei in den Maschinenraum des Bunkers. 13 Lüfter bilden die gewaltige Filteranlage, mit der die Menschen unten mit Luft versorgt werden sollten. Klebriger Staub der Autoabgase hat sich auf die Elektromotoren und die Rohre gelegt. Unter der Dreckschicht schimmert der Aufkleber des Herstellers durch: „Zivilschutz-Bescheinigung 11.04.85 - Anton Piller GmbH, Osterode am Harz“.

Max Weyer erinnert sich an die Taschenlampen und fragt sich, was wohl aus denen geworden ist. Sieben verstaubte Funzeln stehen unverrückt auf einer Werkbank und sind - mit der Steckdose verbunden - sogar leidlich funktionstüchtig. Wie aus der Zeit gefallen erscheint uns das halbe Dutzend mechanischer Schreibmaschinen, die zusammen mit den Filtern in einem Hinterraum aufbewahrt werden. Dieser Raum ist nur über eine kleine Luke zu erreichen, die mit einem dicken Stahltor verschlossen ist. Wozu dienten wohl die Schreibmaschinen? Vermutlich der unvermeidlichen Bürokratie, wenn Menschen, hermetisch von der radioaktiv verseuchten Außenwelt abgeschlossen, ihr Schicksal dokumentieren müssen.

Waschbecken statt Autos

Rätsel gibt uns das große Strahlenschutztor auf. Es ist ganz offensichtlich seit Jahrzehnten nicht mehr bewegt worden. Die Riffelbleche über dem Bodenkanal haben beim Überfahren immer geklappert, erinnert sich Max Weyer. Sie wurden eines Tages festgeschraubt - und das Strahlenschutztor somit seiner Funktion beraubt. Dabei wäre es so leicht, die Tiefgarage von der Außenwelt abzuschirmen, wie die Bedienungsanleitung beschreibt: „1. Riffelblechabdeckung auf Bodenkanal entfernen. 2. Bodenkanal-Gleitschienen sorgfältig reinigen und einfetten. 3. Ösenschrauben am Tor sowie Gegenwand eindrehen und fest anziehen ... 8. Sollten während des Lüftungsbetriebs (bei Raumüberdruck) Pfeifgeräusche auftreten, so sind die Schrauben nochmals nachzudrehen.“ Welche Schrauben? Max Weyer deutet auf das beigefarbene Schränkchen an der Wand der Hausmeister-Werkstatt mit der Aufschrift „Werkzeug für Strahlenschutztor u. Türe“.

Max Weyer entschlüsselt ein weiteres Rätsel. Sebastino Marchese hatte sich bereits gefragt, was es mit den verstaubten Blechen auf sich hat, die sich in einer hinteren Ecke der Werkstatt stapeln. Es handelt sich um Waschbecken, klärt Max Weyer auf und zeigt die dazugehörigen Wasserhähne und Abflüsse, die an einer der Wände montiert sind. Wo jetzt noch Autos parken, könnte eines Tages der Waschraum des Bunkers sein.

Mit dem Krieg in der Ukraine und den Bildern von Menschen, die in U-Bahnhöfen und Kellern Schutz vor Bomben und Raketen suchen, ist das Interesse am Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland erwacht. Und damit steigt der Druck auf die Politik, sich neuerlich Gedanken zu machen, wie die Bevölkerung vor Katastrophen geschützt werden kann. So war die Hochwasserkatastrophe an der Ahr der Anstoß, über ein funktionierendes Alarmsystem nachzudenken, zumal der erste nationale Warntag im Jahr 2020 spektakulär floppte.

Die geplante Warnkette über Smartphones und Medien erwies sich als störanfällig. Künftig sollen es also wieder die guten alten Sirenen richten. Wie die Bunker wurden sie seit 2007 eingemottet oder gar abmontiert. Der Bund hat ein neues Förderprogramm aufgelegt, von dem bisher jedoch nur die Hälfte der Kommunen im Rems-Murr-Kreis profitieren konnten.

Katastrophenschutz-Amt: „Solide Bausubstanz“ statt Bunker

Dass in nächster Zeit neue öffentliche Bunker gebaut oder bestehende Schutzanlagen saniert werden, ist eher unwahrscheinlich. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat das Kapitel abgehakt. „Unabhängig von der Frage nach der aktuellen Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von öffentlichen Schutzräumen verfügt die Bundesrepublik Deutschland heute flächendeckend über eine durchaus solide Bausubstanz“, heißt es auf der Website des BBK auf die Frage, wie sich die Bevölkerung im Kriegsfall schützen solle. Die ursprünglich öffentlichen Schutzraumanlagen befänden sich überwiegend in Privateigentum sowie im Eigentum von Kommunen.

Stadt Waiblingen hat kaum Informationen über Bunker

Die Stadt Waiblingen hat keinen Überblick über private und öffentliche Bunker im Stadtgebiet. „Leider können wir bei der Anfrage nicht viel weiterhelfen“, räumt Birgit David von der Pressestelle im Rathaus ein. „Vorhaben der Landesverteidigung“ bedürften keiner Baugenehmigung. „Das bedeutet, dass wir als Untere Baurechtsbehörde keine Informationen über Anlagen des Landes oder des Bundes haben. Ebenso gibt es keine Liste privater Bunkeranlagen in Waiblingen.“

Und auch die städtische „Abteilung Brand- und Bevölkerungsschutz“ hat Birgit David zufolge „hierzu keinerlei Unterlagen“: „Was wir aus Erzählungen kennen, ist, dass nach Ende des 'Kalten Krieges' die damals vorgehaltenen Bunkeranlagen (soweit vorhanden) aufgegeben wurden.“ Bis auf diese eine, den letzten Bunker „Beim Wasserturm“.

Auf den ersten Blick eine ganze normale Tiefgarage. An diesem sonnigen Spätnachmittag ist es ruhig im Wohngebiet „Beim Wasserturm“. Ab und zu fährt ein Auto in die Garage, Kinder toben auf dem Spielplatz, eine Hausmeisterin sorgt mit ihrer Kehrmaschine für ordentliche, blütenfreie Gehsteige. Die Frau wundert sich, weshalb zwei Männer, einer der beiden mit einem Fotoapparat über der Schulter, vor der Tiefgarage stehen. Wir kommen ins Gespräch. Dass es sich bei dieser Garage um eine

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