Waiblingen

Der Statthalter der „Weisse Wölfe Terrorcrew“

Razzien bei Rechtsextremen
Die Tagesschau berichtet: „Im Juni 2012 rief die Weisse Wölfe Terrorcrew gemeinsam mit NPD und Kameradschaften zu einer Demonstration in Hamburg auf, zu der mehrere Hundert Neonazis aus ganz Deutschland kamen. Bereits in den Monaten zuvor gab es unangemeldete Aufmärsche.“ © dpa

Fellbach. Die Sicherheitsbehörden halten sich über die Hintergründe zum Verbot der Weisse-Wölfe-Terrorcrew weiterhin bedeckt. Zum einen will man die laufenden Ermittlungen nicht durch Info- und Fehlinfo-Störfeuer verkomplizieren. Zum anderen könnten zu genaue Angaben eventuelle Tippgeber und V-Leute in der Szene entlarven. Eine spekulative Spurensuche im Rems-Murr-Kreis.

Die Mitte März vom Bundesinnenminister verbotene und mit bundesweiten Razzien bedachte rechtsextremistische „Weisse Wölfe Terrorcrew“ (WWT) existierte im Rems-Murr-Kreis wohl nur auf dem Papier. Zumindest lautet so die Einschätzung von Szenekennern. Auch ein Objekt in Fellbach war am 16. März 2016 von Spezialkommandos der Polizei durchsucht worden. Der Bewohner des Objekts ist ein bekannter Rechtsextremer, nennen wir ihn Lukas J. (Name geändert), der offenbar gerne als WWT-Statthalter von Württemberg fungiert hätte, aber als solcher nie öffentlichkeitswirksam in Erscheinung getreten ist. Es bestanden Kontakte zur WWT in Nord- und Ostdeutschland, ohne dass aber bereits großartige Organisationsstrukturen aufgebaut worden wären.

Lukas J. wäre prädestiniert gewesen, als WWT-Statthalter zu fungieren. Er war ehemals NPD-Kreisvorsitzender Rems-Murr und kandidierte bei der Bundestagswahl im Jahre 2009 als 24-jähriger, in Weinstadt lebender Einzelhandelskaufmann für die NPD im Wahlkreis Heilbronn und errang dort 2,2 Prozent der Wähler-Erststimmen. Der Heilbronner Stimme erläuterte er seinerzeit den Schwerpunkt seines politischen Programms so: „Beschränkung der Sozialleistungen auf deutsche Familien.“ Auf die Frage, ob das nicht ausländerfeindlich und rassistisch sei, hat er ausweichend geantwortet, so die Heilbronner Stimme, und gesagt, er sei „halt inländerfreundlich“ und „ein völkisch Denkender“. Bei der Landtagswahl 2011 wiederum war Lukas J. laut Wahlliste weiterhin „Einzelhandelskaufmann, Weinstadt“, Ersatzbewerber im Ostalbkreis, Wahlkreis 65 Ehingen.

Im Mai 2009 wurde das Haus von Lukas J. von Antifaschisten heimgesucht. Wie die NPD auf ihrer Homepage berichtete, hinterließen die Antifas Farbschmierereien, entsorgten Müll im Treppenhaus und warfen Knallkörper; zudem sei die Nachbarschaft „mittels Flugblatt über ihren ‘kriminellen’ Nachbarn informiert“ worden. Im Antifa-Fachjargon heiße eine solche Aktion „Nazi-Outing“, so die NPD. Zum anderen nahm Lukas J. angeblich am 24. Juli 2010 an einem Grillfest der NPD Heilbronn teil, bei dem auch Sepp Biber auftrat. Biber, ein SS-Panzerdivisions-Veteran und einst Förderer der mittlerweile verbotenen Wiking-Jugend, hielt den Vortrag „Völkermord durch geplante Dummheit?“

„Bombenterror der Alliierten“

Zum Jahreswechsel 2011/2012 erschien im Enthüllungsportal nazi-leaks.net eine E-Mail-Korrespondenz des NPD-Kreisverbands Rems-Murr. In einer dieser Mails also, einer vom 31. 01. 2011, geht es um – alle Jahre wieder – die Busfahrt zum „Trauermarsch Dresden“, diesmal am 19. 02. 2011. Die Mail stammt mit „kameradschaftlichen Grüßen“ von der baden-württembergischen „Landesorganisationsleitung“: Lukas J., NPD-Kreisvorsitzender Rems-Murr, und Matthias B., NPD-Kreisvorsitzender Heilbronn. Die Anmeldung hatte laut Mail über die Heilbronner NPD zu erfolgen. Die Teilnahmegebühr für die Busfahrt in Höhe von 35 Euro war auf das Konto des Kreisverbandes Rems-Murr zu überweisen. Adressat der E-Mail war der hohe baden-württembergische NPD-Funktionär Alexander N. aus Crailsheim. In der Mail heißt es: „Nachdem der Marsch im letzten Jahr (2010, Anm. d. Red.) einmal mehr der Willkür des Systems ausgesetzt war, werden wir zeigen, daß wir uns das Gedenken an die Opfer der alliierten Bomberangriffe auf Dresden und viele andere deutsche Städte nicht verbieten lassen.“

Der „Trauermarsch“ 2011 klappte jedoch wieder nicht im Sinne der Neonazis – wie auch schon 2010 nicht. Mehrere Tausend Gegendemonstranten gingen in Dresden auf die Straße, blockierten erneut den Verlauf, friedlich, zum Teil aber auch gewalttätig. Laut MDR waren auf der Gegenseite „4000 Neonazis aus ganz Europa erwartet worden, rund 700 kamen zur Kundgebung am Hauptbahnhof, Hunderte weitere waren in der Stadt unterwegs“.

Von jeher häufig dabei bei „Trauermärschen“ in Dresden sind auch „Kameraden“ aus England, die im Sinne der deutsch-britischen Freundschaft eine ganz eigene Geschichtsauffassung, insbesondere vom Zweiten Weltkrieg, zu verbreiten pflegen. Das britische „Blood&Honour“-Magazin ist voll davon: Da taucht etwa Churchill als der eigentliche Kriegstreiber gegen das ach so friedfertige Nazi-Deutschland auf und natürlich Rudolf Hess als der Held deutsch-britischer Bemühungen um Frieden und gegen die fiese Weltverschwörung.

Für Lukas J. ist die Agitation gegen den „Bombenterror der Alliierten“ sehr wichtig. Nicht von ungefähr war er auch in den Teilnehmer-Reihen der Propaganda-Kundgebung am 20. Februar 2012 in Winnenden, die von den Autonomen Nationalisten Göppingen unter dem Motto „Gedenkt der Opfer von Dresden 1945“ organisiert worden ist. Mit im Bunde ein alter Bekannter von Lukas J., der ebenso als WWT-Sympathisant gilt: Joseph L. (Name geändert).

Der mutmaßliche WWT-Sympathisant

Joseph L. (Name geändert) gilt Szenekennern als Hardcore-Neonazi, aber im Gegensatz zum Organisationstalent Lukas J. als Fußsoldat. Auf der Kundgebung in Winnenden vom 20. Februar 2012 trat er mit kahlrasiertem Schädel und dunkler Bomberjacke mit weißer Rückenaufschrift „Blood Brothers Germany“ auf. Lukas J. war auch dabei bei der Neonazi-Sause auf dem Winterbacher Engelberg in der Nacht auf den 10. April 2011, der Nacht des Brandmordanschlags auf eine Gartenhütte.

Joseph L. verkehrte zudem in der einschlägig bekannten Neonazi-Kneipe Linde in Schorndorf-Weiler. 2010 beteiligte er sich an Übergriffen gegen Teilnehmer einer Mahnwache gegen die Aktivitäten in der Linde. Im Februar 2011 kam Joseph L. mit einem anderen Angreifer vor Gericht. Ihm wurden Beleidigung in mehreren Fällen und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz vorgeworfen. Die Strafe: fünf Monate Gefängnis ohne Bewährung.

Vielleicht hat Joseph L. ja aber mittlerweile eine weniger kritikwürdige Gemeinschaft gefunden. Auf seiner Facebook-Seite präsentiert er sich als Mitglied in „Ewiger Treue“ der „Schwarze Wölfe CK 77 Stuttgart“ (CK steht hier für Cannstatter Kurve) – ein laut Aussagen des Polizeipräsidiums Stuttgart unbedenklicher Fanclub des VfB, der vor allem aus Männern im Alter zwischen 40 und 60 bestehe und sehr freundschaftliche Beziehungen zu Fanclubs anderer Fußball-Bundesliga-Vereine pflege.