Waiblingen

Der Tag nach dem Nein zum Skywalk

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Architekten-Modell des geplanten Stegs auf den Sieben Linden. © Leonie Kuhn
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Gegner des „Schlaich-Stegs“ auf einer Infoveranstaltung im April. (Archivbild.) © Leonie Kuhn

Kernen. Einen Tag nach der Abstimmung scheiden sich in Kernen die Geister: Die einen sind der Meinung, Stetten habe eine große Chance vertan, die anderen sind froh, dass der geplante Schlaich-Steg nicht gebaut wird. Einige sagen, die Abstimmung sei ein verdienter Denkzettel für Gemeinderat und Verwaltung. Doch alle sind sich einig: Es muss nun gemeinsam weitergehen.

Bei der Verwaltung herrscht am Tag nach der großen Abstimmung fast ein wenig Katerstimmung. Bauamtsleiter Horst Schaal gibt seine Enttäuschung zu: „Wir hätten mit dem Steg wirklich ein Alleinstellungsmerkmal gehabt.“ Aber das Konzept habe ganz klar den Standort Sieben Linden beinhaltet. „Dass da nun ein Mosaikstein rausgebrochen ist, tut weh“, ergänzt er. Er habe sich für die Sache verkämpft, ebenso wie das Team des Planungsbüros sehr viel Herzblut hineingesteckt. Eine so deutliche Absage an den Schlaich-Steg hatte er nicht erwartet: „Im Vorfeld hatten wir ein ganz gutes Gefühl.“ Allerdings habe er auch eine gewisse Oberflächlichkeit festgestellt. Diese Einschätzung teilt auch Bürgermeister Stefan Altenberger. „Die Leute haben sich nicht wirklich dafür interessiert, wie filigran und mit welch kleinem Eingriff in die Natur dieser Steg zu realisieren wäre“, sagt er. Vielmehr sei die Stimmung von vornherein gewesen: „Wir wollen das nicht.“

„Das Ergebnis ist eine Ohrfeige“

Als eine vertane Chance für Stetten bezeichnen die Fraktionsvorsitzenden Andreas Wersch (CDU), Hans Dietzel (UFW) und Hans-Peter Kirgis (SPD) die Ablehnung des Aussichtssteges. Die Entscheidung der Bürger wolle man aber selbstverständlich akzeptieren. Allerdings: „Ich weiß nicht, ob in der Diskussion wirklich immer die Sachargumente im Vordergrund standen“, sagt Wersch. Auch Erich Ehrlich von der SPD-Fraktion ist skeptisch. Plötzlich seien die Sieben Linden zu einem wichtigen Naturdenkmal hochstilisiert worden. „Da haben früher auch schon Feuerwerke oder Hocketse stattgefunden, das hat auch niemanden interessiert.“

Dass es bei der Abstimmung nicht nur um den Steg gegangen sein könnte, ist auch im Lager der Gegner eine verbreitete Meinung – allerdings wird dieser Umstand hier positiv gewertet. „Das Ergebnis ist eine Ohrfeige für das Vorgehen des Kernener Gemeinderats, ein Denkzettel“, ist Christof Leibbrand (OGL) überzeugt. Der Kontakt zur Bevölkerung sei abgerissen, die großen Fraktionen benähmen sich allzu oft „wie die Könige“. Da sei es nur natürlich, dass der Wähler irgendwann sage: „So geht’s nicht weiter.“ Diese „Machtfrage“ sieht auch die PFB-Fraktion im Kern der Abstimmung. Nun müsse in Gemeinderat und Verwaltung ein Nachdenken einsetzen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Diskussion soll wieder sachlich werden

Ganz so drastisch formuliert es Andrea Höchstädter vom BUND nicht, doch auch sie gibt zu: „Die Entscheidung war sicherlich eine Mischung aus Steg und Basisdemokratie.“ Wichtig sei, dass die Entscheidung von den Bürgern getroffen worden ist – dass diese so deutlich ausgefallen ist, wertet sie positiv. Jetzt müsse wieder auf der Sachebene diskutiert werden: „Wir müssen ja in Kernen miteinander weiterleben und ich möchte auch jemandem, der den Steg gerne gehabt hätte, zur Begrüßung weiterhin die Hand schütteln können“, so Höchstädter. Und es sei nun an der Zeit, sich mit den anderen Gartenschauprojekten, wie beispielsweise der Sanierung der Yburg und ihrer Umgebung, zu beschäftigen.

In diesem Punkt sind sich alle einig: Die Entscheidung ist getroffen, nun muss es weitergehen. „Wir werden jetzt mal ein paar Tage durchschnaufen, dann machen wir weiter“, sagt Bauamtsleiter Schaal. In Rommelshausen sei ja bereits einiges gebaut worden, Stetten habe bis zur Gartenschau noch Nachholbedarf. Neben der Sanierung der Klosterstraße und des Burgsteigs stünden nun Gespräche mit der Diakonie über die Neugestaltung des Schlossparks an. „Auch wenn’s momentan noch schwerfällt, wir lassen uns nicht entmutigen“, betont er.

Klare Sache

Die Entscheidung fiel in allen zwölf Wahllokalen klar gegen den Steg aus – in Stetten deutlicher als in Rommelshausen.

Das nötige Quorum von 20 Prozent der Stimmberechtigten haben die Steggegner um mehr als 1000 Stimmen überschritten. In Rommelshausen allein wäre es allerdings nicht erreicht worden.

 


Kommentar von Jutta Pöschko-Kopp

Die Kernener haben abgestimmt, und überraschend klar ist ihr Votum gegen den Aussichtssteg an den Sieben Linden ausgefallen. Das muss jetzt respektiert werden – auch wenn oder gerade weil die Debatte um die umstrittene Aussichtsplattform in den vergangenen Monaten hoch emotional geführt worden ist.

Klar: Für die dezidierten Gegner eines Projekts ist es immer leichter, mobilzumachen, als für dessen Befürworter – vor allem wenn das Projekt bereits in trockenen Tüchern zu sein scheint. Doch in Kernen zeigt nicht zuletzt die überraschend hohe Wahlbeteiligung: Hier ging es um mehr als ein Bauwerk. Es ging um mehr als die vergleichsweise geringen Kosten von 50 000 Euro, die am Ende an der Gemeinde hängengeblieben wären. Und es ging auch um mehr als den Eingriff in die Natur, gegen den zumindest das Landratsamt keine Bedenken angemeldet hatte.

Pannen und Befangenheiten

Tatsächlich war der Entscheidungsprozess im Gemeinderat von Pannen und Befangenheiten geprägt, die bei vielen Kernenern ein Gschmäckle hinterlassen haben – und das sogar bei Menschen, denen ein Projekt, das zunächst unter dem unsäglichen Begriff „Skywalk“ firmierte, sonst wohl ziemlich schnuppe gewesen wäre. Ob der filigrane Steg am Ende wohl tatsächlich Massen von Besuchern und damit Müll und Lärm in die stille Landschaft an den Sieben Linden gebracht hätte? Geschenkt. Zu viele Bürger waren wegen des Beschlusses des Gemeinderats am Ende misstrauisch und unzufrieden. Beim Bürgerentscheid haben sie das eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. Doch jetzt ist Zeit, die Gräben zu schließen. Den Aussichtssteg schön zu finden, macht noch niemanden zum Umweltschwein, wer den Steg ablehnt, muss kein notorischer Neinsager sein.

Jetzt ist Zeit für Neues. Bis zur Gartenschau bleibt noch viel zu tun.