Waiblingen

Der tieftraurige Weihnachtsmann

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Die wahre Bestimmung des Schoko-Weihnachtsmannes ist, unterm Weihnachtsbaum zu stehen. © Ramona Adolf

Schorndorf. Was ist die wahre Bestimmung eines Schoko-Weihnachtsmanns? Seine wahre Bestimmung ist es, unter dem Weihnachtsbaum zu stehen. Egal, wie lange er danach noch lebt, wie schnell ihm von Kinderhänden die bunte Silberfolie vom Leib gerissen und dann der Kopf abgebissen wird. Einmal, so die Bestimmung des Schoko-Weihnachtsmannes, einmal wenigstens muss er die Lichter sehen. Nicht alle schaffen das!

Und die, die’s nicht geschafft haben, liegen dann in der Woche nach Weihnachten schnöde ausgemustert in irgendwelchen Körben in den Supermärkten herum. Traurig schauen sie dich an. Wie nach Luft japsende Fische im Eimer von Anglern. Ihnen ward kein Glück beschieden. Kein gierig strahlendes Kindergesicht hat je ihren Blick erwidert. Niemand hat sie rechtzeitig aus dem Regal gezogen und ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt. Nein! Übriggebliebene sind sie. Zum Schnäppchen degradiert: „Weihnachtsware zum halben Preis“.

Der Weihnachtsmann als melancholischer Konsum-Clown

Und welch Strapazen sie über sich ergehen lassen mussten: Schon im Sommer sind sie in den Schokoladenfabriken gegossen worden, wurden dann lange gekühlt und so frisch gehalten für ihren wundersamen Auftritt. Und nachdem die Weihnachtsvorhut der Spekulatius und Lebkuchen bereits Ende August als würzige Animierdamen des Xmas-Markts auf den Verkaufsstrich geschickt wurden und die Produktpalette adventistisch erweiterten, wurden auch die Weihnachtsmänner als ebenfalls vorgezogene Nachhut zu Ködern einer den Umsatz anheizenden Feier-Stimmung ausgeworfen, einer Stimmung, die, weil so in die Länge gezogen, gar nicht einzutreten vermag. Die freudige Verausgabung des Schenkens wurde zur trostlosen Erschöpfung des Kaufens deformiert; der Weihnachtsmann zum melancholischen Clown des Konsums.

"Wir haben darauf keinen Einfluss"

Doch, halt! Wir wollen nicht ungerecht sein. Bei Aldi lungern nur noch Zimtsterne und Ministollen in den Drahtkörben zu herabgesetzten Preisen herum. Und auch bei Lidl sind allein noch Lebkuchenherzen und Marzipanbrot zu minus 52 Prozent in den Pappregalen kurz vor der Kasse zu haben. Hat man also gut mit der Nachfrage kalkuliert? Der Geschäftsführer der Lidl-Filiale in Schorndorf möchte nichts sagen, wittert Verschwörung und verweist auf die Pressestelle des Konzerns, bei der man alles über die Einkaufsstrategien erfahren könne. „Wir haben darauf keinen Einfluss.“

"Gut für die orthodoxen Christen"

Aber Michael Schiele, der Geschäftsführer eines Schorndorfer Kaufland-Marktes, hat aus langjähriger Erfahrung wohl nicht viel falsch gemacht. Die Weihnachtsreste bilden in seiner Filiale nur mehr ein kleines Verkaufstürmchen. Das wird zum halben Preis schnell einstürzen. Und Schiele hat auch Humor. „Gut für die orthodoxen Christen“, meint er sanftmütig, bei denen die Feiertage wie Weihnachten und Ostern doch immer zwei Wochen später anfallen.

Auch die Osterhasen sind längst gegossen und wollen geopfert sein

Aber auch liebgewonnene Kollegen, die zugeben, gerne mal Weihnachtsmänner zu schlachten, und denen man derlei nie zugetraut hätte, gestehen, dass sie mit deren Kauf kaltblütig warten, bis die süßen Hüllen ohne Inhalt für lau zu haben sind.

Schweizer Firma erstattet die verlorene Hälfte

Herabgesetzt? Bei einem befreundeten Lebensmittelhändler erfahren wir, dass eine renommierte Schweizer Firma den Verkäufern die verlorene Hälfte erstattet. „Bei den Umsätzen, die wir haben“, findet der hart arbeitende Mann das nur gerecht. Verächtlich blickt er indes auf die blauen Weihnachtsmänner einer Firma, die den Rabatt nicht auszugleichen bereit ist.

Ein Lob auf die Trümmer!

Die Weihnachtsmänner – egal welcher Firma – können nichts dafür. Und was unterscheidet sie nun wirklich von einer simplen Tafel Schokolade gleichen Gewichts, außer ihrem rauschebärtigen Äußeren?

Geben Sie es zu! Es ist die Zerstörungslust, die man ungestraft an ihnen auslassen kann. Nichts ist so befriedigend wie der grausame Anblick der Schoko-Scherben eines Weihnachtsmannes angesichts des zwangsverordneten Friedens einer anstrengenden Familien-Harmonie am Heiligen Abend. Ein Lob auf die Trümmer! Da passt die Faust auf’s Auge. Kinder wissen das. Schoko-Weihnachtsmänner sind also – so oder so – die eigentlichen Märtyrer des Christfestes.

Und während man sie sich langsam auf der Zunge zergehen lässt, sind auch die Osterhasen schon längst gegossen und hoppeln langsam ihrem Opfergang entgegen.

Im Mai!

In Deutschland werden jährlich etwa 150 Millionen Schokoladenweihnachtsmänner hergestellt. Davon geht etwa ein Drittel in den Export. Die Produktion beginnt bereits Anfang Mai.