Waiblingen

Der Tornado-Versteher

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Andreas Friedrich ist der Tornadobeauftragte des Deutschen Wetterdienstes. © Deutscher Wetterdienst
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unwetter vom 4.7.2005 ueber schwaikheim fotografiert von Martin schima
Martin Schima hat diesen Tornado im Juli 2005 von Schwaikheim aus fotografiert. © martin schima

Waiblingen. Neulich nahm der „Rundschlag“ dieser Zeitung den Tornadobeauftragten des Deutschen Wetterdienstes aufs Korn. Ein Tornadobeauftragter? In Deutschland? Wozu? Andreas Friedrich nimmt Zweifel dieser Art mit Humor – und redet Tacheles. Von Sturmjägern, fliegenden Autos und tödlichen Geschossen erzählt der Experte.

20 bis 60 Tornados fegen jedes Jahr in Deutschland durch die Lande. Die Rede ist von nachgewiesenen Wetterphänomenen dieser Art. Andreas Friedrich kennt sie alle. „Das Extreme“ im Wettergeschehen „hat mich schon immer fasziniert“, erzählt der Diplom-Meteorologe. Immer mehr Wissen eignete er sich speziell über Tornados an – und so ernannte ihn sein Arbeitgeber, der Deutsche Wetterdienst (DWD), 2004 kurzerhand zum Tornadobeauftragten. Zuvor hatte ein Tornado in Sachsen-Anhalt Menschen verletzt und erhebliche Sachschäden angerichtet.

Kontakte im In- und Ausland

Der Job läuft nebenher; hauptberuflich arbeitet Andreas Friedrich als Pressesprecher beim DWD. Er sammelt sämtliche Informationen über Tornados und hält im In- und Ausland Kontakte zu Einrichtungen, die sich demselben Thema widmen. Sobald in den USA mal wieder ein Tornado wütet, steht er als Experte am laufenden Band vor Kameras.

Vorwarnzeiten von etwa 13 Minuten

Er hat noch nie einen Tornado gesehen. Nur am Bildschirm. Diese Drehkreisel sind über die gewöhnlichen Satelliten- und Radarsysteme nicht zu orten, erzählt der Fachmann. Und der Ort ihres Auftretens lässt sich nicht vorhersagen. In den USA erreichen Wetterexperten Vorwarnzeiten von etwa 13 Minuten, erzählt Friedrich. Im US-Bundesstaat Oklahoma, einer Tornado-Hochburg, kreischen im Fall der Fälle Sirenen, das wirkt am schnellsten.

Schutz in Kellern und Bunkern

„Tornadojäger“ fürchten die Kraft des Windes nicht; für ein spektakuläres Bild begeben sie sich in höchste Gefahr. Ein Tornado kann es auf mehr als 200 Stundenkilometer bringen, im Extremfall sogar 300. Ein starker Tornado wirbelt mit Leichtigkeit Autos kreuz und quer durch die Luft, Menschen sowieso. Bei einem Gewitter bietet ein Auto Schutz vor Blitzen. Droht ein Tornado, dient das Auto besser zum Flüchten. In Gebieten, die oft von diesem Phänomen heimgesucht werden, suchen die Menschen Schutz in Kellern und Bunkern. Gefährlich sind herumfliegende Gegenstände, die sich zu tödlichen Geschossen entwickeln. Mit solcher Wucht pfeffert der Tornado Sachen durch die Luft, dass diese selbst Garagentore durchschlagen können.

War’s wirklich ein Tornado? Oder waren es Fallwinde?

Nach derart dramatischen oder auch weniger zerstörerischen Tornado-Auftritten analysiert Friedrich das Geschehen am PC. „Wir brauchen Augenzeugen“, sagt er. Anhand etwa von Videoaufnahmen erkennt der Experte, ob wirklich ein Tornado am Werk war oder ob es sich „nur“ um Fallwinde gehandelt hat. Von einer „Windhose“ wird bei starkem Gewitter schnell gesprochen. Ein echter Tornado präsentiert sich als senkrechter Windwirbel, der sich bis hinunter zum Erdboden dreht.

Was Martin Schima am 4. Juli 2005 von Schwaikheim aus beobachten konnte – das war ein echter Tornado. Der Windwirbel trieb bei Winnenden sein Unwesen. Auf seiner Skala von null bis fünf erreichte dieses Exemplar die Stärke eins.

In verschiedenen Medienberichten ist auch fürs Jahr 2010 von Tornados im Rems-Murr-Kreis die Rede. Doch diese tauchen in Friedrichs Statistik nicht auf – nicht alles, was als Tornado bezeichnet wird, ist wirklich einer.

Tornados werden weniger, aber stärker

Gefühlt treten heute mehr Tornados auf als vor Jahren – dem ist aber gar nicht so. In den USA sei zurzeit noch keine Zunahme nachweisbar, erläutert Andreas Friedrich. Die Prognose klingt indes ziemlich eindeutig: Die Zahl der Tornados wird nicht zunehmen. Aber sie werden stärker.


 

Was ist ein Tornado?

„Ein Tornado ist eine Luftsäule mit Bodenkontakt, die um eine mehr oder weniger senkrecht orientierte Achse rotiert und sich unter einer cumuliformen Wolke befindet“ - so die offizielle Definition des Deutschen Wetterdienstes.

Ein Tornado kann entstehen, wenn starke Temperaturgegensätze herrschen und Luft aufsteigt. Unter bestimmten Umständen wird ein rotierender Aufwindschlauch erzeugt.

Das durch Tornados am meisten bekannt gewordene Gebiet ist die sogenannte Tornado-Alley im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten von Amerika. Dort trifft häufig trocken-kalte Luft aus dem Norden mit feucht-warmer Luft aus der Region des Golfes von Mexiko zusammen.

In Mitteleuropa sind solch extreme Luftmassenunterschiede seltener. Deswegen treten hier auch deutlich weniger Tornados auf als in den Vereinigten Staaten. Dennoch kommt das Wetterphänomen auch in ganz Europa vor, besonders im Sommer.

Als der Orkan Kyrill im Jahr 2007 durch die Lande fegte, bildeten sich insgesamt vier Tornados.

Meteorologisch geschulte Beobachter haben sich in Deutschland im Verein „Skywarn“ zusammengeschlossen. Auf die Arbeit dieser sogenannten „Spotter“ greifen gar die professionellen Wetterdienste zurück. Beobachtungen der ehrenamtlichen Warner können beispielsweise in eine Unwetterwarnung münden.

„Sturmjäger“ sind in den USA in sehr viel größerer Zahl unterwegs als hierzulande. Kracht’s am Himmel, sorgen Sturmjäger regelrecht für Staus auf den Straßen.