Waiblingen

Der Traum vom Kleingarten in Waiblingen bleibt für viele Familien unerreichbar

Kleingärten
Da wollen viele rein: Eine Kleingarten-Anlage in Waiblingen. Hier: „Auf der Hulb“ des Vereins Gartenfreunde. © Gabriel Habermann

Eine kleine Wohnung mitten in Waiblingen, ohne Garten, Balkon oder Terrasse. Für Emilia Abouqora war das manchmal ganz schön anstrengend. „Unsere Rettung waren die Talaue oder Weinberge in der Umgebung“, so die Mutter. Als es mit Corona richtig losging, fand sie ein Gartenstück und kaufte es. „Das war unser größtes Glück in der Pandemiezeit.“ Emilia Abouqora ist sich sicher: Heute könnte sie sich diese kleine Zuflucht nicht mehr leisten. Die Nachfrage nach Kleingärten ist in Waiblingen stark gestiegen.

Viele, gerade Familien mit kleinen Kindern, machten sich während der Pandemie mit ihren Lockdowns auf die Suche nach einem Stückle oder einem kleinen Garten. Wer keinen finden konnte, blieb auf Parks oder Spielplätze angewiesen. Als Letztere coronabedingt geschlossen waren, „war das sehr herausfordernd für uns als Familie“, berichtet eine andere Waiblingerin. Elena Ehrmann ist deshalb froh, nach einem Umzug im vergangenen Herbst nun einen Garten nutzen zu können. „Man kann im Sommer ein Planschbecken aufstellen und ist generell flexibler in der Freizeitgestaltung. Garten bedeutet viel mehr Lebensqualität für uns.“

Während der Lockdowns hätten sie, besonders ihre Kinder, „so etwas auch dringend gebraucht“. Die Ehrmanns hatten Glück: Sie wüssten von befreundeten Familien, wie schwer es ist, etwas Passendes zu finden.

Stadt hat Warteliste schon aufgelöst - zu viele konnten nicht bedient werden

Auf der Warteliste für einen Kleingarten der Stadt Waiblingen standen allein in der Kernstadt „über Jahre hinweg mehr als 100 Interessenten, die nicht bedient werden konnten“, so die Verwaltung gegenüber unserer Redaktion. Die Warteliste sei dann aufgelöst worden, „da pro Jahr nur sehr wenige Grundstücke zur Neuverpachtung anstehen“.

Diese werden inzwischen ausgeschrieben, im Amtsblatt und auf der Internetseite der Stadt.

„Interesse ist seit Jahren sehr groß“

Wie viele Kleingärten und Stückle es in Waiblingen insgesamt gibt, kann die Stadt nicht beantworten. Sie selbst verfügt auf ihrer Markung inklusive der fünf Ortschaften aktuell über circa 175 gärtnerisch genutzte Grundstücke bzw. Parzellen, die sie selbst verpachtet, sowie über vier Kleingartenanlagen, die an den Verein Gartenfreunde Waiblingen verpachtet sind und durch seine Mitglieder betreut werden. Aktuell sind laut der Verwaltung nur neun Grundstücke nicht verpachtet.

Die Wahrscheinlichkeit, einen der wenigen Gärten zu ergattern, ist gering. Laut der Stadt liegt das gar nicht so sehr an Corona: „Das Interesse an entsprechenden Grundstücken ist seit Jahren sehr groß, die Nachfrage hat durch die Pandemie kaum zugenommen.“

Seit Corona: Gartenfreunde Waiblingen erhalten kaum noch Kündigungen

Die Gartenfreunde Waiblingen hingegen beobachten seit Corona-Beginn durchaus einen noch stärkeren Run auf ihre Anlagen. „Vor Corona hatten wir vielleicht zehn bis zwölf freie Gärten pro Jahr“, so die Vereinsvorsitzende Friederike Arras. 2022 sei das erste Jahr in ihrer Zeit als Zuständige, in dem zum Jahresende kein Garten frei wird. Es habe im laufenden Jahr noch keine Kündigung gegeben. Übergeben werden Gärten höchstens noch wegen einer Krankheit oder weil die bisherigen Pächter aus Waiblingen wegziehen.

Der Verein verpachtet etwa 100 Gärten, verteilt auf seine Anlagen Auf der Hulb, Pfingstwasen, Schänzle und Schafhofäcker. Während Pächter früher oft aus Altersgründen aufhörten, sei es inzwischen so, dass manche bis zuletzt daran festhalten wollen. „Den Garten gebe ich nicht auf, solange ich noch krabbeln kann“, fasst Friederike Arras den Sinneswandel zusammen.

Das liegt ihrer Meinung nach „sehr an den Erfahrungen durch die Lockdowns. Gerade für Leute, die in der Innenstadt wohnen“. Der Altersdurchschnitt der aktiven Pächter habe sich in den letzten drei Jahren sogar etwas nach oben verschoben, so die Vorsitzende. Ihr liebgewonnenes „Refugium“ wollen viele nun keineswegs verlieren, trotz der vielen Arbeit, die damit zusammenhängt.

Weitergabe von Gärten an Enkel: "Das hat es früher nicht gegeben"

Andere Kleingärtner geben ihre Parzelle nun in der Familie weiter. Die eigenen, inzwischen erwachsenen Kinder samt Enkeln haben Interesse. „Wer altersbedingt kürzertreten will, erhält Unterstützung von den Kindern“, sagt Arras. Teils übernehmen es direkt die Enkelkinder. „Das hat es früher gar nicht gegeben.“

Für den Verein ist es gut, wenn die Mitgliederschaft sich verjüngt – und wenn Waiblinger hineinwachsen, schon als Kinder bei Oma und Opa im Garten sind, dann wüssten sie später, was an Arbeit auf sie zukommt. Für die Gemeinschaft sei das positiv – für alle, die keinen familiären Draht in die Gartenanlagen haben, umso schwieriger und auch „schade“. Die Vorsitzende kann alle verstehen: Diejenigen, die die Gärten halten wollen. Und die, die sich so sehr einen wünschen. „Da sind immer zwei Herzen in der Brust.“

Wer Mitglied ist, erfährt früher von freien Gärten

Gerade ist Arras in Kontakt mit einer Familie mit vier Kindern, die in der Stadt lebt, beengt und ohne Balkon. „Sie warten schon seit Jahren“, sagt die Vorsitzende. „Ich würde so gerne was vermitteln, aber es geht nicht. Die Gärten kann man halt nicht aus dem Regal ziehen.“

Der Verein führt nur „indirekt“ eine Warteliste. Denn zum Zuge kommen nicht unbedingt diejenigen, die am längsten warten. Die Prioritäten müssten passen: Größe, Erreichbarkeit, etc. Wenn Gärten frei werden, werden sie zunächst unter den Mitgliedern ausgeschrieben. Wer also überhaupt mitbekommen will, dass mal wieder ein Garten zur Vergabe ansteht, kann in den Verein eintreten.

Einen Aufnahmestopp plant dieser laut Friederike Arras, die ihr Amt Ende August an ihren Nachfolger Gregor Motykiewiecz übergibt, nicht. Der Verein mache Interessierten aber schon von Anfang an klar, dass momentan keine Gärten frei sind.

Erst wenn die Mitglieder kein Interesse an einer Parzelle haben, wird diese auf der Internetseite ausgeschrieben - theoretisch. „Das wird in den nächsten zwei, drei Jahren nicht vorkommen, so wie ich das sehe“, sagt Arras. Das Angebot ist einfach zu gering, die Nachfrage hoch.

Die Stadt Waiblingen hält es aber nicht für sinnvoll, zusätzliche Gartenanlagen zu schaffen.

Eine kleine Wohnung mitten in Waiblingen, ohne Garten, Balkon oder Terrasse. Für Emilia Abouqora war das manchmal ganz schön anstrengend. „Unsere Rettung waren die Talaue oder Weinberge in der Umgebung“, so die Mutter. Als es mit Corona richtig losging, fand sie ein Gartenstück und kaufte es. „Das war unser größtes Glück in der Pandemiezeit.“ Emilia Abouqora ist sich sicher: Heute könnte sie sich diese kleine Zuflucht nicht mehr leisten. Die Nachfrage nach Kleingärten ist in Waiblingen stark

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