Waiblingen

„Deutschland hat mir die Hand gereicht“

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Kameliya Georgieva (Mitte) diskutiert bei der Sommerakademie in Salem über aktuelle Fragen aus Politik und Wissenschaft. © TiL

Waiblingen. Gerade kehrt die 18-jährige Waiblingerin Kameliya Georgieva von der Sommerakademie am traditionsreichen Schloss Salem zurück. Es war die Krönung einer jahrelangen Förderung durch die Initiative „Talent im Land“. Sie hilft begabten Schülern, die wegen ihrer sozialen Herkunft Hürden zu überwinden haben.

Video: Kameliya Georgieva erhält das "Talent im Land"-Stipendium

Ihre Voraussetzungen waren nicht die besten. 2001 kamen Kameliya Georgievas Eltern aus Bulgarien nach Deutschland. Eine Green Card für die IT-Spezialisten machte es lange vor dem Inkrafttreten der vollen Arbeitnehmer-Freizügigkeit für Bulgaren und Rumänen in der EU möglich. Deutsch konnten die Eltern zunächst nicht. Nach fünf Jahren, so der Plan, wollten sie wieder zurück. Für die Kinder war der Start als Nicht-Muttersprachler eine stetige Herausforderung. Kameliya Georgieva: „Meine Mutter sagte immer, es ist wie ein Marathonlauf, und ihr müsst schneller rennen als die anderen.“ So zielstrebig zu sein, fiel dem Mädchen nicht schwer, sie war immer bis in die Haarspitzen motiviert: „Für mich war es ein Geschenk, hier zur Schule gehen zu dürfen.“ Heute hat die Abiturientin, die am Salier-Gymnasium mit einer glatten 1,0 abschloss und als Migrantenkind den Scheffelpreis für hervorragende Leistungen in Deutsch erhielt, glänzende Perspektiven. Seit einem Forschungspraktikum am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg weiß sie: „Mein Entschluss steht fest, ich werde Medizin studieren und will Kinderärztin werden.“

Beim Ankommen in Waiblingen halfen die Nachbarn in der Korber Straße. „Die sind heute wie Großeltern für mich.“ In der siebten Klasse wurde Kameliya Georgieva von Lehrern auf das Stipendienprogramm „Talent im Land“ der Robert-Bosch-Stiftung und der Baden-Württemberg-Stiftung für begabte junge Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft Hürden zu überwinden haben, aufmerksam gemacht. „Ohne das Stipendium wäre ich heute eine andere“, ist die 18-Jährige überzeugt. 150 Euro monatlich bekommen die „Talent im Land“-Schüler. Was Kameliya Georgieva aber noch mehr begeisterte: ein umfassendes Bildungsangebot mit Seminaren wie zuletzt der Sommerakademie in Überlingen. Unter dem Motto „Mobilität & Veränderung – was uns bewegt und in Bewegung setzt“ erkundeten sie im International College der Schulen Schloss Salem bei Workshops unter Anleitung von Wissenschaftlern aus Wirtschaft, Jura, Kunst, Psychologie, Architektur, Medizin und Robotik. So setzte sie sich mit neuen Wohn- und Lebenswelten auseinander, mit globalen Warenströmen oder der (hoffentlich) „smarten“ und umweltfreundlichen Zukunft des Autos. Solche Seminare gaben zusätzlichen Ansporn zum Lernen. Und ganz nebenbei entstanden enge Freundschaften mit jungen Leuten aus der ganzen Welt.

Als Achtklässlerin ein Netzwerk für Schüler-Nachhilfe gegründet

Nicht zu unterschätzen sind laut Kameliya Georgieva die ideellen Werte, welche die Stipendiaten mitnehmen. „Noten waren mir nie das Wichtigste, ich will etwas für die Gemeinschaft bewegen.“ Auch als Dank dafür, dass ihr Deutschland „die Hand gereicht“ habe. So hat sie eine Menge an sozialem Engagement vorzuweisen: Drei Jahre wirkte sie am Salier-Gymnasium als Schülersprecherin, organisierte zum Beispiel Spendenläufe für ein Waisenhaus in Burundi. Schon als Schülerin der achten Klasse stellte sie auf eigene Initiative das Projekt „Schüler helfen Schülern“ am Salier-Gymnasium auf die Beine. Dabei organisierte sie mit anderen ehrenamtlich engagierten Schülern Nachhilfe für Jüngere. Und zwar gezielt für Schülern, die es sich finanziell nicht leisten konnten, einen Nachhilfelehrer zu bezahlen. Vor einem Jahr führte sie mit dem Literatur- und Theaterkurs des Salier-Gymnasiums das von den Schülerinnen selbst verfasste Stück „Estragonstraße 5 b“ mit zeitkritischen Episoden auf. Mit der Schulschach-AG eilte sie von Erfolg zu Erfolg.

Auch Hochkaräter aus der Landespolitik kamen auf Schloss Salem, um über das Thema „Flüchtlinge in Deutschland – gekommen, um zu bleiben? Ehrenamtliches Engagement trifft politische Machbarkeit“ zu diskutieren: Landtagspräsidentin Muhterem Aras und der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, beide Mitglieder der Grünen. Außerdem Bruno Gross, Tübinger Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes. Kameliya Georgieva selbst versteht sich als „politisch, aber überparteilich“. Bei einem Projekt zur Vorbereitung des Pariser Klimagipfels 2015 etwa entwickelte sie mit anderen Jugendlichen einen Katalog von Forderungen an die UNO für Umwelt und Nachhaltigkeit.

Info

Mit Talent im Land setzen sich die Robert-Bosch-Stiftung und die Baden-Württemberg-Stiftung für gerechte Bildungschancen ein.

Über 450 Alumni (Ehemalige) gingen aus dem Programm hervor. Eine davon ist Kameliya Georgieva, die nun jüngere Stipendiaten berät.