Waiblingen

Diakonie-Mitarbeiterin kritisiert die Schließung der „Bio-Kiste“ und die Leitung der Remstal-Werkstätten

SoeltnerBiokiste
Sieglinde Söltner spricht an ihrem Esstisch über ihre Arbeit. © Gaby Schneider

„Eine Insel der Glückseligen“ sei die Arbeit bei der Bio-Kiste für die Menschen mit Behinderung gewesen, sagt Sieglinde Söltner, die seit vielen Jahren als Gruppenleiterin für die Diakonie Stetten arbeitet. Doch vor wenigen Tagen wurde bekannt: Es ist endgültig Schluss für das Obst- und Gemüseprojekt. Geärgert hat sich die 64-Jährige aber vor allem über einen Satz von Geschäftsbereichsleiter Thomas Illigmann.

Sieglinde Söltner hat die Bio-Kiste vor 25 Jahren aufgebaut. Das von Menschen mit Behinderung angebaute Gemüse von der Hangweide in Kernen sollte in Bio-Qualität an die Menschen in der Region gehen, so die ursprüngliche Idee. Über Jahre haben Söltner und ihr Team die Abläufe optimiert, Menschen mit Behinderung betreut und eine Kundschaft aufgebaut.

Die Folgen des Hangweide-Verkaufs

Doch seit dem Verkauf der Hangweide, der schließlich 2019 abgeschlossen wurde, sind die eigenen Anbauflächen kleiner geworden. Man habe schließlich immer mehr Obst und Gemüse bei anderen Bauern zugekauft, erklärt Söltner. Wegen des Verkaufs musste die Gruppe außerdem 2017 in die Oppenländerstraße nach Waiblingen ziehen. Doch die Tätigkeit der Gruppe sei dieselbe geblieben. Die Arbeit ihrer Gruppe lief weiter. Zumindest bis die Corona-Krise und schließlich auch noch ein Wechsel an der Spitze der Remstal-Werkstätten kamen, wie Söltner erklärt. Kürzlich sei sie dann informiert worden: Bei der Bio-Kiste mit ihren 670 Abonnenten ist Schluss. Hintergrund sei eine wirtschaftliche Entscheidung.

Es ist vor allem ein Satz, den Söltner nicht stehenlassen will

Mit der Entscheidung hatte sie sich in den vergangenen Wochen bereits abgefunden, meint Söltner. Doch als sie vor wenigen Tagen einen Artikel derlas, in dem es um das Ende der Bio-Kiste ging, da habe sie entschieden, sich zum Thema öffentlich zu äußern. Vor allem eine Äußerung habe sie betroffen gemacht. Diese stammt von Thomas Illigmann, dem Geschäftsbereichsleiter der Remstal-Werkstätten. Er erklärt im Kontext der Schließung: „Mit der Arbeit mit Menschen mit Behinderung hatte dies nichts mehr zu tun.“ Wie Illigmann zu diesem Schluss komme, könne sie nicht nachvollziehen, sagt Söltner. „Das war immer eine sinnvolle Arbeit“, sagt sie.

Zuletzt arbeiteten zwölf Menschen mit Behinderung in Söltners Team. Sie haben beispielsweise Obst und Gemüse gewaschen, es verpackt und bei der Auslieferung geholfen. Je nach Fähigkeiten hätten die Menschen in ihrer Gruppe verschiedene Aufgaben bekommen. „Deshalb hat mich dieser Satz wirklich getroffen“, sagt sie. Außerdem habe das Projekt auch Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ermöglicht, ganz im Sinne von Inklusion.

Von christlichen Werten und wirtschaftlichen Entscheidungen

Das Gespräch mit Söltner findet bei ihr zu Hause in Grunbach statt. Die 64-Jährige sitzt am Küchentisch. Im Nachhinein sagt sie über die Arbeit: „Das war eine Insel der Glückseligen.“ Die Situation ausschließlich aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bewerten, das hält Söltner für falsch. Schließlich stehe die Diakonie auch für christliche Werte. Falsch am Vorgehen habe sie außerdem gefunden, dass sie in die Entscheidung nicht einbezogen wurde. Bei aller Kritik wird im Gespräch mit Söltner aber auch deutlich, dass sie keinen Kleinkrieg anzetteln möchte, sie schätzt ihren Arbeitsplatz. „Ich will niemand eine reindrücken“, sagt sie.

Wo arbeiten die Menschen mit Behinderung nun?

Die 64-Jährige ist in der Diakonie trotz Schließung der Bio-Kiste weiterhin angestellt. Einzelne der Menschen mit Behinderung aus dem Team arbeiten künftig in der Landschaftsgärtnerei der Diakonie mit, andere bekommen nun Arbeiten aus der Industrie zugeteilt. Für sie bleibt aber zumindest der Arbeitsort in der Oppenländerstraße der gleiche. Sieglinde Söltner befürchtet allerdings, dass die Diakonie sich von einzelnen Industrieunternehmen abhängig machen könnte. Zumal neben der Bio-Kiste auch andere eigene Projekte der Einrichtung, wie beispielsweise das Café Entrée in Fellbach und die Fundgrube-Läden, geschlossen wurden.

Illigmann fühlt sich falsch verstanden

Thomas Illigmann, der Geschäftsbereichsleiter der Remstal-Werkstätten, äußert sich zu der Kritik von Söltner. Er befürchtet, seine Aussage, die Bio-Kiste habe nichts mit der Arbeit mit Menschen mit Behinderung zu tun, sei missverstanden worden. Selbstverständlich sei es eine sinnvolle Arbeit gewesen, die von den Menschen mit Behinderung bei dem Projekt geleistet wurde. Allerdings sei von der ursprünglichen Idee, selbst Gemüse anzupflanzen und zu verkaufen, eben nicht mehr viel übrig geblieben, nachdem die Hangweide verkauf worden war. „Wenn sich Frau Söltner durch meine Aussage getroffen fühlt, dann tut mir das leid“, sagt Illigmann in ruhigem Ton.

Eine schwierige Entscheidung

Die Entscheidung sei ihm und den anderen zuständigen Führungskräften nicht leichtgefallen, betont der Geschäftsbereichsleiter. Außerdem habe er nicht gewusst, dass die Mitarbeiterin bei dem Entscheidungsprozess nicht eingebunden worden war. Über die verschiedenen zuständigen Gremien seien die Entscheidungen getroffen worden.

Hinter der Entscheidung, die Bio-Kiste und die anderen betroffenen Bereiche zu schließen, steht Illigmann nach wie vor. Hauptsächlich sei das Projekt Bio-Kiste deshalb beendet worden, weil der Gewinn des Bereiches zu niedrig gewesen sei. Letztlich leide das Arbeitsergebnis der gesamten Einrichtung darunter und damit die Löhne der beschäftigten Menschen mit Behinderung. Im Sommer war bekanntgeworden, dass die Löhne gekürzt werden müssen, mehrere Betroffene äußerten unserer Zeitung gegenüber ihr Entsetzen. Sie hätten von der Entscheidung aus der Zeitung erfahren müssen, so eine Kritik damals.

Illigmann verspricht höhere Löhne für die Menschen mit Behinderung

Der durchschnittliche Lohn liege derzeit bei etwa 200 Euro pro Person im Monat, erklärt Thomas Illigmann. Mit den beschlossenen Schließungen will er wieder für höhere Löhne sorgen, erklärt er das Vorgehen.

Neben der Verbesserung des Arbeitsergebnisses habe die Entscheidung aber beispielsweise auch mit den Betreuungsschlüsseln in der Einrichtung zu tun. Das neue Bundesteilhabegesetz gebe genau vor, wie viele Pädagogen auf eine bestimmte Anzahl an Menschen mit Behinderung kommen müssen. Auch an dieser Stelle habe man eine Optimierung vornehmen müssen, erklärt er.

Wie unabhängig ist die Diakonie?

Das Risiko, künftig stärker von der Industrie abhängig zu sein, das sehe er nicht. Schließlich arbeite die Diakonie mit verschiedenen Unternehmen zusammen.

Illigmann erklärte außerdem, dass Sieglinde Söltner trotz ihrer öffentlichen Kritik keine Konsequenzen, wie beispielsweise eine Abmahnung, drohten. Wie es für die nicht behinderten Angestellten in den geschlossenen Bereichen weitergehen wird, sollen außerdem bald stattfindende Personalentwicklungsgespräche zeigen, erklärt Thomas Illigmann.

„Eine Insel der Glückseligen“ sei die Arbeit bei der Bio-Kiste für die Menschen mit Behinderung gewesen, sagt Sieglinde Söltner, die seit vielen Jahren als Gruppenleiterin für die Diakonie Stetten arbeitet. Doch vor wenigen Tagen wurde bekannt: Es ist endgültig Schluss für das Obst- und Gemüseprojekt. Geärgert hat sich die 64-Jährige aber vor allem über einen Satz von Geschäftsbereichsleiter Thomas Illigmann.

Sieglinde Söltner hat die Bio-Kiste vor 25 Jahren aufgebaut. Das von

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