Waiblingen

Die Augen vor der Wahrheit verschlossen

HAUSuGRUND Waiblingen hat Insolvenz angemeldet betroffene Gebäude unter anderem Salierstr. 51 - 61
Zahlreiche Wohnungseigentümergemeinschaften wurden um ihre Rücklagen gebracht. Jetzt verhandelt das Landgericht. © Büttner / ZVW

Stuttgart/Waiblingen. Umbuchungen, Abbuchungen, Rückbuchungen – die Ermittlungsergebnisse des Kriminalbeamten im Prozess um veruntreute Hausgelder zeigen, wie schwer es die Wohnungseigentümergemeinschaften hatten, ihren Waiblinger Hausverwalter Thomas Schreiber zu kontrollieren.

Der Fall, den der Beamte des Landeskriminalamts im April 2012 auf den Tisch bekommen hat, entwickelte sich rasch zu einer komplexen Puzzleaufgabe. Bis zum Abschluss seines Berichts vor drei Jahren haben ihm die Durchsicht unzähliger Kontoauszüge und Telefonate mit aufgebrachten Wohnungseigentümern eine Menge Geduld abgefordert. Zwei Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG), eine in Fellbach, die andere in Laufen am Neckar, hatten Strafanzeige gestellt. Ihnen waren Ungereimtheiten in den Abrechnungen ihrer Hausverwalterfirma „Haus und Grund Verwaltungs-GmbH“ in Waiblingen aufgefallen.

Dieses Unternehmen ist längst insolvent. Sein ehemaliger Geschäftsführer Thomas Schreiber (66) und sein Sohn M. (37) stehen seit dieser Woche vor der 13. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart. Am Freitag war der zweite Verhandlungstag. Der Senior soll Rücklagen in Höhe von insgesamt 1,7 Millionen Euro von etwa 70 Eigentümergemeinschaften veruntreut haben. Inwieweit der Junior in die Machenschaften seines Vaters involviert ist, will das Schöffengericht noch herausfinden.

Der Beamte konzentrierte sich nach seinen Angaben vor allem auf Buchungen, zu denen es keine Rechnungsnummer oder keinen Verwendungszweck gegeben habe. Davon gab es einige. Er stellte fest, dass gerade diese „ziemliche große Beträge“ aufwiesen. Derartige Summen wanderten zwischen den Konten der WEGs hin und her, landeten auf dem Konto von „Haus und Grund“, aber auch bei einer weiteren, inzwischen ebenfalls bankrotten Firma des Angeklagten. Geld aus den Rücklagen der Wohneigentümer ging aber zur Überraschung des Ermittlers ebenso auf das Privatkonto des Sohnes. „Die unzähligen Hin- und Herbuchungen sind dann irgendwann zum Selbstläufer geworden“, so der Beamte. Er studierte aber nicht nur die Konten, sondern befragte Beiräte nach Auffälligkeiten in der Zusammenarbeit mit ihrem Hausverwalter. Neben der Wohnungseigentümerversammlung und dem Hausverwalter sind sie das dritte Organ einer WEG. Die von der Versammlung gewählten Beiräte haben die Aufgabe, die Arbeit des Verwalters, insbesondere seine Abrechnungen und Kontoführung, zu kontrollieren. Angesichts der vom Angeklagten groß angelegten Täuschungsmanöver, zu denen auch gefälschte Kontoauszüge gehörten, schienen die Beiräte mit ihrer Aufgabe schlicht überfordert. Der Kripobeamte jedenfalls konnte von wenigen erhellenden Aussagen während seiner Ermittlungen berichten.

Der Angeklagte wiederholte am zweiten Verhandlungstag, dass er die Gelder tatsächlich hinterzogen habe, weil er immer wieder dringend Geld gebraucht habe, um seine zweite Firma über Wasser halten zu können. Diese war auf die Sanierung und Abdichtung von Flachdächern spezialisiert. Zum Geschäftsführer hatte Thomas Schreiber seinen Sohn gemacht. Sämtliche Täuschungsmanöver will der 66-Jährige aber ohne seinen Junior durchgezogen haben. „Ich bin allein verantwortlich. Da hat keiner mitgewirkt“, versicherte er.

Nur eine Marionette des Vaters? Der Richter bezweifelt das

Der Sohn beschrieb sich gegenüber dem Richter als einen reinen Handlanger, der im Grunde nicht gewusst habe, was er eigentliche tue, obwohl er Ausschreibungen in Millionenhöhe betreut habe. Er habe lediglich auf Anweisung seines Vaters gehandelt, ohne diese zu hinterfragen.

Der Richter allerdings bezweifelte, dass der 37-Jährige lediglich die Marionette im Betrugsspiel gewesen sei, und hakte nach, was er mit dem Geld der Wohneigentümer gemacht habe, das auf seinem Konto gelandet sei. Ob er damit nicht vielleicht auch eine private Hotelrechnung, eine Bestellung bei Amazon oder ein Brautkleid bezahlt habe, fragte der Richter. Mit einem kurzen Nein antwortete der Angeklagte. Das Geld will er nach Abzug seines Gehaltes ausschließlich dafür verwendet haben, Gläubiger zu befriedigen. Er räumte allerdings ein, im Jahr 2007 gemeinsam mit seinem Vater für 80 000 Euro ein Sportboot gekauft zu haben.

Dann konnte der Richter dem jüngeren Angeklagten doch noch eine Aussage abringen, die Juristen „geständige Einlassung“ nennen. Im Nachhinein, so gestand M. Schreiber ein, hätte er ahnen können, dass nicht alles mit rechten Dingen vorgegangen sein könne. Er habe die Augen vor der Wahrheit verschlossen, weil er sich gegenüber der Familie verpflichtet gefühlt habe. Über eine Kündigung habe er immer wieder nachgedacht, doch den Schritt zu vollziehen, habe er sich nicht getraut. Die Verhandlung wird noch mehrere Tage fortgesetzt.

Neues Gesetz

Das Bundeskabinett hat im Sommer den Gesetzentwurf zur Einführung einer Berufszulassungsregelung für Wohnungseigentumsverwalter beschlossen.

Sie sollen künftig einen Sachkundenachweis sowie Nachweise über ihre Zuverlässigkeit, geordnete Vermögensverhältnisse sowie eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung vorlegen müssen, bevor sie eine Gewerbeerlaubnis erhalten.