Waiblingen

Die beliebtesten Schularten im Kreis

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Symbolbild. © Sarah Utz

Waiblingen/Schorndorf. Weniger Schüler an den allgemeinbildenden Gymnasien, mehr Schüler an den beruflichen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Schulstruktur im Rems-Murr-Kreis verschoben. Gemeinschaftsschulen gab es beispielsweise 2007 noch keine. Inzwischen werden sie von fast 3000 Kindern und Jugendlichen besucht. Insgesamt gingen die Schülerzahlen zurück.

Der Boom der beruflichen Gymnasien neigt sich seinem Ende zu. Die Schülerzahlen werden nicht weiter steigen, sagte Dr. Michael Vogt im Verwaltungs-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistages. Der Leiter des Amtes für Schulen, Bildung und Kultur präsentierte den Kreisräten den jährlichen Schulbericht. Aus seiner Sicht sind berufliche Gymnasien keine Konkurrenz zu den allgemeinbildenden G-8-Gymnasien, wie manche befürchten. Der Anteil der Schüler, die von einem allgemeinbildenden auf ein berufliches Gymnasium wechselt, ist auf 15 Prozent begrenzt. Der weit überwiegende Teil der Schüler kommt von Realschulen, wie es gedacht und erwünscht ist.

Die Schülerzahlen an den beruflichen Schulen ist in diesem Schuljahr 2017/18 um 1,2 Prozent unter das Allzeithoch von 2016/17 gesunken, als 11 233 Schüler gezählt wurden. In Waiblingen werden 3974 Schüler unterrichtet, in Schorndorf 3853 und in Backnang 3276.

Die Schülerzahlen an den Berufsschulzentren sind noch immer weit über der Prognose, die schon vor Jahren weniger als 10 000 Schüler vorausgesagt hatte. Einer der Gründe für die hohen Schülerzahlen ist die gute Wirtschaftslage, so dass die Ausbildung im dualen System boomt. Von zehn Berufsfeldern melden sieben steigende und nur drei sinkende Schülerzahlen.

Ein weiterer Grund für mehr Schüler sind die Migranten einschließlich der Flüchtlinge. Ihre Zahl an den beruflichen Schulen ist von 93 auf über 400 angestiegen. Der Rems-Murr-Kreis hat im Schuljahr 2014/14 begonnen, den Übergang von der Schule in den Beruf neu zu gestalten. Die als Warteschleifen verschrieenen Vorbereitungsjahre und Berufsfachschulen wurden durch die Ausbildungsvorbereitung dual, kurz AVdual, ersetzt.

AVdual hilft vor allem jungen Flüchtlingen

Jugendliche ohne Schulabschluss können einen Hauptschulabschluss nachholen und einen Einstieg in die berufliche Ausbildung schaffen. Schüler ohne Deutschkenntnisse besuchen zunächst das Vorbereitungsjahr Arbeit Beruf (VABO), an das sich das AVdual anschließt. Es mündet in den meisten Fällen in eine Ausbildung oder im Besuch einer weiterführenden Schule. Jeder zweite Flüchtling (51 Prozent) hatte nach dem AVdual eine Ausbildungsstelle, berichtete Michael Vogt, wie erfolgreich dieses Angebot gerade für diese jungen Leute ist.

Die beruflichen Schulen stehen vor enormen Herausforderungen, machte Stefan Weissert, der geschäftsführende Schulleiter der acht beruflichen Schulen, an einem Beispiel deutlich. Ein und dasselbe Kollegium unterrichtet auf der einen Seite traumatisierte Flüchtlinge und beschäftigt sich auf der anderen Seite mit Themen wie „Industrie 4.0“. Die Digitalisierung mache vor den beruflichen Schulen nicht halt. Die Schulen müssten künftig verstärkt auf externe Dienstleister zurückgreifen und sich mit den Firmen vernetzen.

Das Lernen wird individueller

Das hat aus pädagogischer Sicht Folgen für die Lernkultur. „Statt eines Frontalunterrichts stehen die Schüler im Mittelpunkt eines individualisierten Lernprozesses und finden das eigenen Lerntempo“, heißt es im Schulbericht. Das Ende der Kreidezeit sei eingeläutet und die Digitalisierungsoffensive habe begonnen. Die kaufmännische und gewerbliche Schule Backnang nehme an Tablet-Projekten des Landes teil. Derzeit gibt es an den Beruflichen Schulen rund 2100 PC, die im Durchschnitt viereinhalb Jahre alt sind, sowie weitere 550 Tablets. Um den Anforderungen an „Industrie 4.0“ gerecht zu werden, müssten an den gewerblichen Schulen die konventionellen Maschinen Zug um Zug durch „Robotik“ ausgetauscht werden. Dafür stehen pro Schule jährlich 300 000 Euro zur Verfügung.

Die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren des Rems-Murr-Kreises zählen 525 Schüler, 5,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Weitere 88 Kinder (plus 3,0 Prozent) besuchen einen der sieben Schulkindergärten. „Die Schulen sind voll“, beschrieb Silke Lang von der Fellbacher Fröbelschule im Schulausschuss die aktuelle Lage an den Sonderschulen. So mussten an der Fröbelschule in Schorndorf Container aufgestellt werden, um den Platzbedarf zu decken. Auch in Fellbach geht es eng zu. Es fehlen Ausweichräume. Auffällig sei, dass es immer mehr Kinder mit komplexen Sprachstörungen gebe sowie mehr schwer mehrfachbehinderte Kindern, die gewickelt, gefüttert und zum Teil mehrmals täglich umgelagert werden müssten.

Mehr Autisten und Schüler mit "herausforderndem Verhalten"

Auffällig sei auch der Anstieg von Autisten und von Kindern und Jugendlichen, die ein „herausforderndes Verhalten“ aufweisen, wie Verhaltensstörungen genannt werden.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Reinhold Szcuka wollte von Silke Lang wissen, ob sie Eltern zu einer Förderschule rate oder den Kindern Inklusion an einer Regelschule ans Herz lege. Die Antwort der Sonderschullehrerin war eindeutig. Für die meisten Kinder mit Behinderungen empfehle sich eine Förderschulde. Denn in den meisten Regelschulen gebe es nicht genügend Ressourcen für Inklusion.

Die Lehrer seien meist mit den behinderten Schülern allein und würden nur wenige Stunden in der Woche von Sonderpädagogen unterstützt.

Das Ulmer Modell

An der Gewerblichen Schule in Waiblingen gibt es künftig die Möglichkeit, eine berufspraktische Ausbildung in einem Betrieb im Rems-Murr-Kreis mit einer akademischen Ingenieursausbildung an der Hochschule Ulm zu verbinden. Die Absolventen erwerben nach viereinhalb Jahre zwei vollwertige Abschlüsse, den Bachelor und den IHK-Facharbeiterbrief.

An der Gewerblichen Schule Backnang können bereits angehende Kfz-Mechatroniker und Fachinformatiker einen Bachelorabschluss erwerben. Das ausbildungsbegleitende Studium wird von der Steinbeis Business Academy, einer privaten Hochschule, angeboten. Diese Möglichkeit wird als konsequente Fortsetzung der dualen Ausbildung auf akademischem Niveau angesehen.