Waiblingen

Die besten Weingüter im Rems-Murr-Kreis

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Symbolbild. © pixabay.com (CC0 Public Domain)
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Die Hommage der Aldinger-Söhne an Senior Gerhard Aldinger beim Weltklasse-Sekt Brut Nature.
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Weltklasse: Gerhard Aldinger (links) mit seinen Söhnen Hansjörg und Matthias.

Waiblingen. Wo „Vinum“ draufsteht, ist „Gault Millau“ drin. Fast die komplette Redaktion mit Herausgeber Joel B. Payne und Carsten S. Henn an der Spitze verließ den „Gault Millau“ und verantwortet jetzt den Weinführer „Vinum“. Auffällig ist, dass der neue „Gault Millau“ in der 2018er-Ausgabe die Weingüter im Remstal freundlicher beurteilt, als sie vom alten „Gault Millau“ eingeschätzt wurden und vom neuen „Vinum“ bewertet werden. 

Einen „Paukenschlag“ hat der Weinblog „Der Würtz“ den Verlagswechsel genannt. Dies schlägt sich auch in unserer jährlichen Übersicht „Die besten Weingüter im Remstal“ nieder. Statt in den beiden bisherigen Standardwerken für Weinkenner, dem Eichelmann und dem Gault Millau, zu blättern, nahmen wir uns nun dreier Bücher an und listen die Gesamtbewertungen in der nebenstehenden Tabelle auf. Darüber hinaus mischt ein vierter Weinführer, der „Falstaff Wein Guide“, mit. Der bietet allerdings keine Gesamtbewertung der Weingüter, kommt aber im Großen und Ganzen zu gleichen Urteilen, welche Weingüter zwischen Fellbach und Schorndorf zu den Besten der Guten gehören.

Das Geschäft mit Weinführern ist nicht einfach. Die Zielgruppe ist übersichtlich, nämlich die Winzer selbst. Zudem wächst die Konkurrenz durch Online-Weinführer, zumal die hochgelobten Weine oft schon ausverkauft sind, bis die Weinführer Ende des Jahres auf den Markt kommen.

Weinkritik ist ein schmaler Grat

Die Verkoster wandeln auf einem recht schmalen Grat. Auf der einen Seite droht der Absturz, sollten ihr Urteil nicht kritisch genug sein, um dem Leser Anhaltspunkte zu geben, welche Weingüter und Weine die hohen Preise wert sind. Auf der anderen Seite darf das Urteil auch nicht zu scharfrichterisch ausfallen. Moritz Haidle aus Stetten räumt unumwunden ein, dass auch er harte Urteile schätzt – wenn er nicht selbst betroffen ist. Als Betroffener sei es ihm lieber, wenn ein etwas misslungener Wein milde erst gar nicht erwähnt wird, statt als solcher bezeichnet zu werden.

Einig sind sich die Weinführer, was die Spitze der Weingüter im Remstal angeht. Eichelmann, Gault Millau und Vinum sehen Aldinger als Weltklasse-Weingut an. Für den Eichelmann gelten die Aldingers mit dem Weingut Dautel aus Bönnigheim sogar als die einzigen beiden Weltklasse-Weingüter in Württemberg. Auf den Fersen sind für den Eichelmann die Weingüter Schnaitmann aus Fellbach und Karl Haidle aus Stetten mit je viereinhalb Sternen.


Fellbach. Drei Weinführer, ein Urteil: Das Fellbacher Weingut Aldinger ist Weltklasse. Nur beim „Vinum“ fehlt ein halber Stern zum Glück. Matthias und Hansjörg Aldinger zeigen sich bescheiden: „Uns freut’s für Württemberg.“

Matthias und Hansjörg Aldinger haben sich jedenfalls gefreut, dass sie nach dem Eichelmann nun auch vom Gault Millau als „Weltklasse“ eingeschätzt werden – ohne diese Best-of-Listen zu überschätzen. „Das Weingut Aldinger, da gibt es kein Vertun, ist und bleibt in Württemberg Nummer eins“, schrieb der Gault Millau. Bei Aldingers respektiere man die Tradition, lasse sich aber deswegen nicht davon abhalten, nach Lust und Laune Neues auszuprobieren. Zum Beispiel nach über 500 Jahren Weinbautradition in der Familie es erstmals auch mit Sekt zu probieren. „So ist der 2010er Crémant Brut Nature nicht nur der bei weitem beste Sekt des Anbaugebietes, sondern konnte sich beim Bundesfinale gar an der Spitze aller deutschen Sekte platzieren“, würdigt „Vinum“ diese „großartige Leistung“. Für den Kellermeister Matthias Aldinger war es „etwas ganz Tolles, Wein zu veredeln“. Es bedürfe aber auch vieler Geduld, sagt er über die sieben Jahre, in denen so ein Sekt in der Flasche reift.

Schnaitmann ist den Aldingers dicht auf den Fersen

Dass Fellbach zu einem Zentrum der Kulinarik mit drei Sternerestaurants und der Weinkunst gereift ist, ist für Hansjörg Aldinger kein Zufall. Zum einen sei die Nähe zur Landeshauptstadt Stuttgart ein Trumpf bei der Vermarktung, zum anderen befruchten sich die Weinmacher gegenseitig – weniger als Konkurrenten denn als Kollegen, stellt Matthias Aldinger die Kollegialität mit seinem Nachbar Rainer Schnaitmann heraus, der den Aldingers mit seinen viereinhalb Sternen beziehungsweise vier Trauben dicht auf den Fersen ist.

Bei den Aldingers haben Spätburgunder eine hohe Wertschätzung. Für die Verkoster des Vinums eine fast zu hohe, wie sie bei der Preisgestaltung anmerken. Der beste Spätburgunder koste 42 Euro, der Lämmler Lemberger nur 34 Euro, obwohl dieser „der wohl beste Wein ist, der jemals in Deutschland aus dieser Sorte erzeugt wurde“. Hansjörg und Matthias Aldinger sind überzeugt, dass der Spätburgunder bestens zum württembergischen Klima und zu den Böden passt. Die Kunst sei, die Säure und Eleganz der Rebsorte zu erhalten, indem früh geerntet werde. In der „Königsdisziplin der Rotweinsorten“ müsse es der Kellermeister wie beim Spaghetti-Kochen halten – und den Wein al dente, also mit Biss, ausbauen.

Lemberger sind Alleinstellungsmerkmal

Der Gegenpol zum Spätburgunder ist der kräftigere Lemberger. „Ein Pluspunkt von Württemberg“, weil es den im Gegensatz zum Spätburgunder nicht überall auf der Welt gibt. Bei der Frage, ob der Lemberger Lemberger genannt werden soll oder „Blaufränkisch“, wie international üblich, schlagen bei Hansjörg Aldinger zwei Herzen in der Brust. Der württembergische „TL“ für Trollinger-Lemberger habe dem Ruf des Lembergers sicherlich geschadet, doch seien die hochgeschätzten Lemberger der Spitzenklasse eben auch ein Alleinstellungsmerkmal von Württemberg.

„In Großbritannien kennt man Württemberg gar nicht“

Die Aldingers sehen sich weniger als Vertreter des Anbaugebietes Remstal/Neckartal, denn als Vertreter von Württemberg. Der Region müsse gelingen, auch außerhalb ihrer Grenzen Anerkennung zu finden. „In Großbritannien kennt man Württemberg gar nicht.“ Um als Weingut im Export zu reüssieren, komme es auf den richtigen Händler an. „Die allerbeste Werbung ist, wenn wir in guten Restaurants auf der Weinkarte stehen.“ Den Kälteeinbruch im April 2017 haben die Aldingers einigermaßen glimpflich überstanden. Nicht zuletzt, weil das Weingut die Traditionen hochhält, wie zum Beispiel beim Rebschnitt Frostruten stehen zu lassen. „Früher waren sie auch nicht blöd“, sagt Hansjörg Aldinger. Der Klimawandel stellt den Weinbau vor Herausforderungen. Doch dies sei nichts Neues. Für Matthias Aldinger heißt die Lösung: „Instinkt, Glück und die richtige Entscheidung aus dem Bauch heraus.“

 

Eichelmann: Der Spätburgunder ist im Kommen

„Die Lemberger sind stark wie nie – und werden immer spannender“, schreibt der Eichelmann über das Weinland Württemberg – und erwähnt den Trollinger im Württemberg-Porträt mit keinem Wort. Im Kommen ist aus seiner Sicht der Spätburgunder. „Wie schon in den Vorjahren spielen Württembergs Winzer auch beim Riesling ganz oben mit. Beurer, Dautel und Schnaitmann sind da an erster Stelle zu nennen“, so der Eichelmann.

Gault Millau: Aufstieg in die Topliga

„Aufstieg in die Topliga“, überschreibt der Gault Millau sein Kapitel über die Weinregion Württemberg. Verantwortlich für die Region ist in der Redaktion seit dieser Ausgabe die Sommelière und Weinautorin Natalie Lumpp, die Anfang des Jahres die Weinproben beim Weintreff der Remstalroute in der Alten Kelter in Fellbach moderiert hat. Kaum eine andere Region sei so richtungsweise für große Rotweine wie Württemberg, schreibt der Gault Millau und bedauert, dass Württemberg noch immer unterschätzt werde: „Die Zukunft gehört dabei dem Lemberger.“ Die dunkelfarbigen, konzentrierten, würzigen, langlebigen Weine seien die perfekte Ergänzung zum subtilen, eleganten Spätburgunder. Eine enorme Entwicklung haben auch internationale Rebsorten wie Syrah, Cabernet Sauvignon oder Merlot, der in Württemberg überzeuge. Die Kellermeister im Ländle zeigen, warum er in Bordeaux die wichtigste Rebe sei und nicht nur ein netter Wein.

Vinum ohne Scheu vor Superlativen

Ein Fragezeichen setzt Vinum hinter den Merlot-Boom und spricht vom „Dornfelder 2.0“. Der Dornfelder sei in der Versenkung verschwunden, stellt Vinum ohne Bedauern über diese „ebenso lukrative wie belanglose“ Weinsorte fest. Kein einziger Dornfelder sei den Verkostern vorgestellt worden. „Dafür umso häufiger Merlots, die nun quasi als ,Dornfelder 2.0’ dieses Marktsegment übernehmen sollen.“ Der Merlot werde dank hohen Ertrags und kurzen Ausbaus als „Cash-Cow und trendiger Dornfelder-Ersatz“ genutzt. So schwachbrüstig erzeugten Merlots sei aber nur bedingt Erfolg beschieden, urteilen die Verkoster.

„Der beste Lemberger aller Zeiten“, schreibt „Vinum“ über die Weinregion Württemberg. Frank Kämmerer scheut den Superlativ nicht und nennt den Lemberger Gewinner des Jahrgangs 2015. 94 Parker-Punkte vergaben die Vinum-Verkoster einem Aldinger-Lemberger und damit die höchste Note, „die wir jemals für einen Wein der Sorte vergeben haben“.

Mit viereinhalb Sternen führt das Fellbacher Weingut Aldinger die Bestenliste von „Vinum“ an, gefolgt von Rainer Schnaitmann aus Fellbach und Graf Neippberg aus Schwaigern (vier Sterne). Mit dreieinhalb Punkten folgen unter anderen das Stettener Weingut Karl Haidle („Starke Kollektion“) und Albrecht Schwegler aus Korb. „Sehr gut“ (drei Sterne) sind auch Jürgen Ellwanger aus Winterbach und Jens Zimmerle aus Korb. Allesamt Betriebe, denen der Generationswechsel nicht geschadet hat, sondern der im Gegenteil für frischen Wind in den Kellern sorgte.

Weinführer sind hauptsächlich für Wengerter gemacht

Dass Weinjournalismus nicht zuletzt Feuilleton ist, unterstreicht Christine Krämer in ihrem Essay im Falstaff über Württemberg, das die Überschrift „Amalgam europäischer Weinkultur“ trägt. Der Einstieg in den Artikel lautet: „Über Württemberger Weine zu schreiben, während ich von meinem Schreibtisch aus auf die Seine in Paris blicke, ist gar nicht so einfach.“ Und der wenig erhellende Beitrag endet mit dem Satz: „Für die Zukunft scheint vieles möglich. Sogar, dass die Beliebtheit von Württembergs Weinen umgekehrt proportional zu der seiner Autorin steigt.“ Vermutlich.

Wenden wir uns also lieber der Zielgruppe der Weinführer zu, für die sie hauptsächlich gemacht werden. Den Winzern oder Wengertern, wie sie im Remstal genannt werden. Der Weinblog „Der Würtz“ schreibt, dass die Winzer die Bücher gerne und viel nutzen. „Insbesondere dann, wenn die Bewertungen dementsprechend ausfallen. Wenn nicht, dann nicht. Ein, nebenbei bemerkt, beliebtes und oft gesehenes Phänomen. In Winzerkreisen ist das Buch entweder unabdingbar und weltweit führend oder belanglos und grundsätzlich falsch.“ Wenn also das eine oder andere bekannte Weingut weder im Eichelmann, noch im Gault Millau oder Vinum vorkommt, liegt das nicht zuletzt daran, dass sich der Wengerter in die Schmollecke verzogen hat und keine Lust auf kritische Anmerkungen über seine Weinkunst lesen wollte.

Beim Eichelmann schaffte nur ein Betrieb den Neueinstieg

Nicht in der Schmollecke sind diejenigen Weingüter, die den Verkostern besonders auffallen. Auffällig ist die Traubenflut des neuen Gault-Millau-Teams, das großzügig sehr gute Erzeuger zu exzellenten Betrieben oder gute zu sehr guten Erzeugern hochstufte. Beim Eichelmann schaffte lediglich ein Betrieb den Neueinstieg, das Schorndorfer Weingut Frick. Als Newcomer hat der Eichelmann den Nebenerwerbswinzer und Quereinsteiger Oliver Frick entdeckt und ihm auf Anhieb eineinhalb Sterne gegeben. Zu seinem Debüt präsentiere der Projektleiter in der Autoindustrie „eine starke Kollektion mit einer klaren Handschrift“. Mit 0,8 Hektar zählt das Ökoweingut freilich zu den sehr kleinen Betrieben, bietet aber vom Riesling und Rosé über Trollinger und Lemberger bis Zweigelt die typisch württembergische Sortenwahl.

Eichelmann: Je zweieinhalb Sterne für Weingüter Gold und Johannes B.

Weitere vier Betriebe stuften die Eichelmänner höher, darunter das Weinstädter Weingut Knauß von drei auf vier Sterne: „Im Aufwind!“ heißt es über die Strümpfelbacher, bei denen ein Spätburgunder vom Nonnenberg mit 91 Punkten herausragte.

Je zweieinhalb Sterne erhielten die Weingüter Gold und Johannes B. „Unser Favorit unter den Roten ist der reintönige, zupackende Zweigelt“, schreibt der Eichelmann über die neue Kollektion von Leon Gold aus Gundelsbach. Die Weinberge von Johannes Bauerle reichen vom Rems- übers Neckartal bis zum Stromberg. So erfolgreich Vater Bauerle („Früchtle vom Schmidener Feld“) mit der Vermarktung seines Obstes und Gemüses war, so erfolgreich scheint der Sohn mit den Weinen zu werden.


Die Weinführer

Der Eichelmann 2018 hat eigenen Angaben zufolge 10 950 Weine von 940 Weingütern aus 13 Regionen verkostet. Das 1200-seitige Werk kostet 29,95 Euro. Nach der Auszeichnung einzelner Weingüter und Beschreibung der Regionen folgen Porträts der Weingüter samt Bewertung der Weine nach Parker-Punkten.

Der jetzt von Britta Wiegelmann herausgegebene Gault-Millau-Weinguide 2018 kostet 39,99 Euro. Auf 930 Seiten werden über 11 000 Weine der „1000 besten Weinerzeuger“ ausgewählt und bewertet. Darunter befinden sich fast 4000 Weine für unter zehn Euro. Lesestoff bieten Artikel wie „Wein alternativ“, „Glasweise genießen“ oder „Herkunft ist Trumpf“ über Trends und Moden in der Branche.

Neu auf dem Markt ist der Vinum- Weinguide Deutschland 2018. Es erscheint im Christian Verlag und wird Joel B. Payne und Carsten S. Henn herausgegeben, die zuvor den Gault-Millau-Weinguide verantworteten. „Was uns wichtig ist: Von den Winzern werden keine Verkostungsgebühren erhoben, die Aufnahme in den Vinum-Weinguide ist kostenlos.“ Bewertet werden 12 000 Weine von über 1000 Gütern. Der Vinum kostet 35 Euro (930 Seiten).

Mit 19,90 Euro ist der Falstaff nicht nur preisgünstigster, sondern auch dünnster Weinführer (640 Seiten) mit rund 3500 Weinempfehlungen von 450 Weingütern sowie 200 Gasthäusern in den Weinregionen.