Waiblingen

Die Brückenbauer: Paten in der Flüchtlingsunterkunft

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Kahtan Almlhem (links) und die Brücke von Deir al Zour, oder: Basteln als Erinnerungsarbeit – der junge Mann hat in Waiblingen ein Stück zerstörte Heimat wieder aufgebaut im Miniaturformat. © Mathias Ellwanger
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Ihr Terminkalender ist immer voll: die ehrenamtliche Flüchtlingspatin Judith Lahm. © Büttner / ZVW
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Judith Lahms Sohn Ifen, zwei Jahre alt, vertieft ins Spiel mit dem syrischen Flüchtling Mayar Alkhaimi. © Büttner / ZVW
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Judith Lahms Sohn Ifen, zwei Jahre alt, vertieft ins Spiel mit dem syrischen Flüchtling Mayar Alkhaimi. © Mathias Ellwanger
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„Bitte, errichtet keine Wand zwischen euch und uns!“ Ahmad Alresh, Flüchtling aus Syrien. © Büttner / ZVW
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Flüchtlinge spielen mit Judith Lahms Sohn Ifen. © Mathias Ellwanger
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Flüchtlinge spielen mit Judith Lahms Sohn Ifen. © Mathias Ellwanger
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Flüchtlinge spielen mit Judith Lahms Sohn Ifen. © Mathias Ellwanger

Waiblingen. Sie warten auf ihre Papiere, vermissen ihre Heimat und bauen Brücken: Momentaufnahmen aus der Waiblinger Flüchtlings-Notunterkunft in der Berufschulturnhalle, ein halbes Jahr nach dem Einzug.

Am Euphrat - Die Suche nach der verlorenen Zeit

Kahtan Almlhem hat seine Heimat wiederaufgebaut, seine Kindheit vor der Auslöschung bewahrt und der Erinnerung an friedliche Zeiten ein Denkmal gesetzt: Er hat eine Brücke errichtet, hier in Waiblingen – die Brücke von Deir al Zour.

Deir al Zour im Osten Syriens liegt am Euphrat, jenem Fluss, der schon vor tausenden von Jahren die Lebensader von Hochkulturen war. In Deir al Zour gab es Museen, ein Kulturzentrum, eine Universität, Touristen, die zu den mesopotamischen Fundstätten der Gegend strömten, fruchtbare Böden, auf denen Getreide gedieh; und eine Hängebrücke.

Um 1930 spannten die Franzosen, die seinerzeit Syrien als Mandatsgebiet kontrollierten, dieses Monument aus straffen Stahltauen und steil aufragenden Stützpfeilern über den Euphrat. Zunächst passierten hier vor allem Autos und Viehkarren den Fluss; später, als ein modernerer Übergang errichtet wurde, entwickelte sich das alte Bauwerk zum Wahrzeichen, zur Sehenswürdigkeit. Fußgänger flanierten darauf umher.

Für Kahtan Almlhem wurde die Brücke zum Zauberort der Kindheit, an dem die Jungen Freundschaften besiegelten und Mutproben bestanden: Wenn im Frühjahr der Euphrat tiefe Wasser führte, hangelten die Kühnsten an den Tauen empor und sprangen in die geschwollene Flut. In den Euphrat greifen und im flüss’gen Element hin und wieder schweifen: Wonnereich ist das und löscht der Seele Brand. So schrieb Goethe im „West-östlichen Divan“.

Heute ist Deir al Zour Trümmerstätte und Beinhaus. Seit 2011 der Bürgerkrieg entbrannte, wüten Assads Truppen mit Scharfschützen und Panzerverbänden, die Terrormiliz IS sucht das Umland heim – sie soll einmal auf einen Schlag 600 Zivilisten gefangen genommen und systematisch umgebracht haben –, mittlerweile lädt auch die russische Luftwaffe ihre Bombenlast hier ab. Die Menschen fliehen oder sterben oder vegetieren dem Hungertod entgegen in der ausgezehrten Stadt. Und die Brücke von Deir al Zour? Ist zerstört.

Es sind Geschichten wie diese, die immer wieder wütend machen: weil Menschen, die aus höchster Not fliehen und ihre Heimat, ihre Herzensstätten hinter sich lassen mussten, oft als „Pack“ geschmäht werden, das uns auf der Tasche liege. Ganze Parteien gründen ihren Erfolg auf diese Achtlosigkeit und Menschenfeindlichkeit.

Kahtan Almlhem aber machte sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit: Er baute die Brücke von Deir al Zour wieder auf, in einem Werkraum der Waiblinger Berufsschule, aus Draht und Holz, als Erinnerungs-Miniatur.

Lebenshilfe - Judith Lahm, Patin

Ifen ist ein vielgeküsster Junge. Er tanzt auf dem Stockbett in Zimmer acht, zwischen Bauzäunen, einer mit Buntstiften gemalten syrischen Fahne, Erinnerungsfotos, auf den Boden gebreiteten Teppichen und Sitzpolstern, inmitten von Heimat-Surrogaten, die der Enge eine Schwundform von Wohnlichkeit spenden. Die Männer, die hier leben, spielen unermüdlich mit dem Zweijährigen; ein Kind kann wohl kaum mehr Zuwendung und Geduld erfahren als an diesem Ort, wo die Zeit still steht vor lauter Warten. Sie knuddeln und tätscheln ihn, winken und lachen, reden in Schnurrlauten.

Ifen ist der Sohn von Judith Lahm. Sie engagiert sich für die Männer als ehrenamtliche Patin. Der Bub, sagt sie und lacht, „wächst zweisprachig auf“. Sie blättert durch ihren Kalender, jede Seite ist beschrieben, an manchen Tagen drängen sich die Termine dicht: Behördengänge, Arztbesuche. Lahm hilft, Pässe zu beantragen, Informationen im Jobcenter einzuholen, Krankenversicherungen abzuschließen, Bank-Konten zu eröffnen. Dummschwätzer und Deppen würden Judith Lahm wohl als „Gutmenschen“ bezeichnen.

Immer mehr Leute aus der Notunterkunft erhalten jetzt ihr Bleiberecht, ein paar haben gar Wohnungen gefunden, aber einfach ist das nicht. „Wir suchen händeringend“, sagt Lahm. Sie hat schon „die tollsten Ausreden“ gehört und auch immer wieder klare Ansagen: „Nee, nee, wir vermieten nur an anständige Menschen.“

Mayar Alkhaimi – dichter Bart, sanfte Stimme, gutes Englisch, präzise Sätze voller Freundlichkeit – gehört zu den Glücklichen, die bereits den Weg aus der Halle gefunden haben. Er absolviert derzeit einen Integrationskurs. Es ist ihm wichtig, dass dies in der Zeitung steht: Die Menschen sind gut in Deutschland, „this is really the truth“. Und wenn Kahtan Almlhem, der Brückenbauer aus Deir al Zour, über Judith Lahm redet, wächst er sprachlich über sich hinaus, wirft alles in die Waagschale, deutsche Fetzen, englische Brocken, arabische Bekräftigungen, er wedelt mit Händen und Füßen, greift nach einem imaginären Telefonhörer, füllt imaginäre Formulare aus: „Judith gut, helfen, Telefon, hello, Rathaus, hello-hello, Doktor, Bank, alle! Papiere! Judith suchen immer Wohnung. Vielen Dank, Deutschland, vielen Dank, Judith!“

Der Mob - Eine Ellwanger Begegnung

Zwei Bewohner von Zimmer 16 sind dem Mob begegnet. Sie mussten nach Ellwangen in die Landeserstaufnahmestelle zu ihrem Bleiberechts-Interview. Es war Ende Januar, jene Zeit, als das russische Staatsfernsehen behauptete, Flüchtlinge hätten ein 13-jähriges Mädchen entführt und vergewaltigt. Das halt- und bodenlose Gerücht verbreitete sich hartnäckig boshaft; auch, als die Polizei klarstellte: Nichts ist dran.

Es war ein Sonntag-Nachmittag, die beiden Flüchtlinge aus Waiblingen gingen den Weg vom Ellwanger Bahnhof raus zu der ehemaligen Kaserne am Stadtrand. Vor dem Eingang der LEA gerieten sie in eine aufgeputschte Meute. Die örtlichen Zeitungen berichteten später: „Mehrere hundert Menschen trafen sich in Ellwangen, um gemeinsam zu demonstrieren. Bei der nach Polizeieinschätzung unorganisierten Kundgebung sprach ein örtlich bekannter NPD-Vertreter. Angemeldet war die Veranstaltung ersten Erkenntnissen nach nicht.“ Und: „Nach dem, was die Polizei bisher weiß, wurde der Aufruf wohl von Menschen mit russischer Herkunft initiiert.“ Die beiden Männer aus Waiblingen gerieten in den Pulk, „Fuck refugees“ gellte es ihnen entgegen, sie wurden herumgeschubst und bespuckt, ein Demonstrant schwang eine Flasche, als wolle er zuschlagen. Der Sicherheitsdienst der LEA schritt ein.

Und doch reden auch diese beiden freundlich von Deutschland. Ihren Zimmerpaten, der mit vollem Namen nicht in der Zeitung erscheinen will, nennen sie „Mister Ralf“ – er war mit ihnen beim Jobcenter, lud sie ein zum Fernsehturm-Ausflug und in die Fellbacher Traditions-Wirtschaft d’r Knaudl. Für die Männer in der Unterkunft ist Deutschland nicht die AfD, Deutschland ist ihnen kein Land der Verhetzten. Deutschland, das sind für sie Leute wie Judith Lahm oder Mister Ralf.

Nach Köln - Ahmad äußert eine Bitte

„Etwas hat sich verändert“, sagt Ahmad Alresh, „nach Köln wurde alles schwieriger. Ich kann es in den Augen der Menschen sehen. Wenn wir durch die Straßen gehen – vor Köln lächelten viele und sagten hallo. Heute spüre ich: Sie sehen mein dunkles Haar. Den Bart. Wenn mir auf dem Gehweg eine junge Frau entgegenkommt, wechselt sie die Straßenseite. Manche fliehen in ein Geschäft am Wegrand. Dabei ist es so: Wenn ich ein Kind auf der Straße sehe, erinnere ich mich an meinen Sohn und meine Tochter. Ich sehe mein Kind in dem Kind auf der Straße. Die Kinder lächeln, das tut gut.“ In seiner syrischen Heimat war Alresh Sportwissenschaftler, er unterrichtete angehende Lehrer. Was er zu erzählen hat, verdient es, länger zitiert zu werden, vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

„Wir haben unser Land wegen des Krieges verlassen, wir haben alles verlassen in Syrien, unsere Berufe, unsere Häuser, unsere Geschäfte. Unsere Familien. Sie hausen elend in Lagern in der Türkei und im Libanon. Wir wissen, es ist eine große Zahl an Flüchtlingen, der Druck ist sehr groß. Wir respektieren die Regierung, die Behörden, sie helfen uns. Sicher, manches dauert lange – aber wir respektieren das! Deutschland ist ein starkes Land, ein lebendiges Land, nach dem Zweiten Weltkrieg lag es am Boden, aber die Menschen hier haben es wieder aufgebaut, zur Nummer eins in der Welt. Ich möchte die Deutschen einladen in unsere Unterkunft. Wir hoffen, dass unsere Worte die Menschen erreichen! Wir wollen lernen, arbeiten, wir wollen Menschen begegnen. Jeden Freitag ist Asylcafé, es ist schön, dass Menschen kommen, aber es sind jeden Freitag dieselben Gesichter. Wir wünschen uns so sehr, mehr Menschen zu begegnen – wir wollen uns verständlich machen! Bitte, errichtet keine Wand zwischen euch und uns!“ Er möchte eine Brücke bauen und wünscht, dass wir hinübergehen.

Paten gesucht: Wer Interesse hat, sich als Patin oder Pate, gerne auch unterstützt von den bereits länger ehrenamtlich Tätigen, um eines der „Zimmer“ (es sind in Wahrheit Bauzaungevierte) und die dort Lebenden zu kümmern, kann sich melden unter asyl-wn@gmx.de oder freitags um 16 Uhr zum Kennenlernen das Asylcafé in der Mensa der Waiblinger Berufsschule besuchen.

Gleich in der Woche nach dem Einzug haben wir erstmals über die Waiblinger Notunterkunft berichtet und seither immer wieder. Wir werden das auch künftig beibehalten.

Hier die bisherigen Teile der preisgekrönten Reportage:

1) Alltag im Ausnahmezustand

2) Die Suche nach Frieden und Freiheit

3) Das Trauma Syriens

4) Tage des Abschieds, Tage der Begegnung

5) Asylunterkunft Waiblingen: Die Entwicklungen und Veränderungen

6) Paris geschieht jeden Tag

7) Die Zukunft hat begonnen