Waiblingen

Die Eigentumsquote sinkt

wohnungsbau
Die Baukräne drehen sich vielerorts, wie in den Blütenäckern in Waiblingen. Doch Wohnungen sind für viele Bürger unerschwinglich. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Mehr als jeder zweite Haushalt im Rems-Murr-Kreis lebt in den eigenen vier Wänden. Die Eigentumsquote liegt mit 56 Prozent über dem Bundesdurchschnitt (45 Prozent). Doch der Traum von einer Eigentumswohnung oder einem Eigenheim ist für die meisten Bürger längst unerschwinglich geworden.

Das Pestel-Institut spricht bereits bei den Menschen zwischen 25 und 40 von einer „Verlierer-Generation“. Sie können sich Eigentum nicht mehr leisten – im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern. Vom Einfamilienhaus bis zur Eigentumswohnung – im Rems-Murr-Kreis gibt es rund 105 700 Wohnungen, für die keine Miete bezahlt werden muss, schreibt das Pestel-Institut in einer Pressemitteilung über eine aktuelle Regional-Untersuchung zum Wohneigentum. Mit einer Eigentumsquote von knapp 45 Prozent sei Deutschland weit weg von einem „Wohneigentümer-Land“ und lande im Europa-Vergleich lediglich auf dem drittletzten Platz.

Immer mehr junge Leute sind gezwungen, zur Miete zu wohnen

Auch vor diesem Hintergrund sieht das Pestel-Institut beim Wohneigentum im Rems-Murr-Kreis „noch Luft nach oben“. Denn es gebe eine neue „Verlierer-Generation“: „Insbesondere die 25- bis 40-Jährigen können sich immer seltener ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung leisten. Immer mehr von ihnen sind gezwungen, zur Miete zu wohnen. Dabei gehören gerade die Jobstarter und Familiengründer eigentlich zur typischen Klientel für Wohnungskauf und Hausbau“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther.

Bei den Mitzwanzigern bis Enddreißigern handele es sich um eine starke Bevölkerungsgruppe: Rund 73 700 Menschen dieser Altersgruppe leben im Kreis, davon allein rund 10 000 in der Stadt Waiblingen. Ihre Chance auf Wohneigentum ist stark gesunken: „Bei den 25- bis 40-Jährigen ist die Eigentumsquote innerhalb von zwölf Jahren um 3,3 Prozent zurückgegangen“, sagt Matthias Günther. Er beruft sich dabei auf Zahlen aus dem neuesten Mikrozensus.

"Oft hapert es an guten Bedingungen für eine solide Finanzierung"

„Die eigenen vier Wände rangieren bei vielen zwar ganz oben auf der Wunschliste. Aber es hapert oft an guten Bedingungen für eine solide Finanzierung. Daran ist auch eine unsichere berufliche Perspektive schuld: Häufig werden gerade jungen Menschen nur Zeitverträge angeboten.

Für einen Immobilienkredit wären allerdings unbefristete Jobs notwendig. Vor allem aber fehlt eine staatliche Unterstützung für Wohneigentum, das die Menschen anschließend für sich selbst nutzen“, so Institutsleiter Matthias Günther. Mit der Abschaffung der Eigenheimzulage sei die letzte Förderung von Wohneigentum in Deutschland faktisch eingestellt worden. Und das schon vor elf Jahren.

"Ohne Angst vor einer Mieterhöhung oder Kündigung“

Diese lange Phase der „staatlichen Eigenheim-Bremse“ räche sich nun: „Wohneigentum ist nämlich ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge. Und die kommt bei vielen jetzt zu kurz.“ Die eigene Wohnung sei die einzige Alterssicherung, die – unabhängig von jeder Schwankung bei der Rentenhöhe – im Alter verlässlich genutzt werden könne, so Günther.

Deutsche Immobilien ließen bei ihrer Qualität und Langlebigkeit keine großen Reparaturen erwarten. Jedenfalls dann nicht, wenn vor der Rente noch einmal alles in Schuss gebracht werde. Rentner müssten sich deshalb um ihre eigene Wohnung auch nicht groß kümmern.

„Sie haben damit für die gesamte Phase ihres Ruhestands die Sicherheit eines dauerhaften ‚Daches über dem Kopf‘ – ohne Angst vor einer Mieterhöhung oder Kündigung“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts. Der Stellenwert, den die eigenen vier Wände im Alter hätten, lasse sich auch daran erkennen, dass es derzeit bei den Senioren, die auf staatliche Grundsicherung im Alter („Alters-Hartz-IV“) angewiesen seien, kaum Wohnungseigentümer gebe.

Initiative „Wohn-Perspektive Eigentum“ fordert Förderung

Die Altersvorsorge ist für die Initiative „Wohn-Perspektive Eigentum“ ein entscheidender Grund, Bund und Länder zu einer „politischen Kehrtwende pro Wohneigentum“ aufzufordern. Die Initiative, die das Pestel-Institut mit der Regional-Untersuchung beauftragt hat, appelliert an die heimischen Bundestagsabgeordneten, den Wunsch der Bevölkerung nach Wohneigentum ernst zu nehmen.

Zur Initiative „Wohn-Perspektive Eigentum“ haben sich unter anderen der beim Hausbau und Wohnungskauf beratende Verband privater Bauherren (VPB), der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) und die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM) zusammengeschlossen. Gemeinsam sprechen sie sich für neue Rahmenbedingungen beim Erwerb von Eigentum aus, eine intensivere und eigenständige Wohneigentums-Förderung durch die staatliche KfW-Bank und eine niedrigere Grunderwerbsteuer.


Die Immobilienpreise explodieren. Die Bundesbank warnte schon vor einer Immobilienblase in Ballungsgebieten wie der Region Stuttgart. Was den Preisanstieg bei neuen wie gebrauchten Immobilien oder Mieten anbetrifft, steht die hiesige Region inzwischen an der Spitze.

Im Speckgürtel um die Landeshauptstadt sind die Preise für Immobilien inzwischen ebenfalls rasant gestiegen. Vertreter der Immobilienbranche versuchen jedoch immer wieder, die Gefahren einer Blase kleinzureden.

Kostete der Quadratmeter in einem Neubau vor zehn Jahren noch 1700 bis 2600 Euro, so liegt der Preis für den Quadratmeter Neubau heute im Vorderen Remstal über 3000 Euro und bis zu 4000 Euro in der Spitze. Ausreißer nach oben sind hier gar nicht berücksichtigt. Der Preisanstieg hat Grundstücke und gebrauchte Wohnungen erreicht. Im Vorderen Remstal werden Eigentumswohnungen zu über 3000 Euro je Quadratmeter verkauft.

Gründe für die Preisexplosion ist zum einen die anhaltende Niedrigzinsphase der EZB, die Anlagen in sogenanntes „Betongold“ attraktiv erscheinen lässt, zumal die Finanzierung dank günstiger Darlehen einfach erscheint. Zum anderen werden seit Jahrzehnten viel zu wenige Wohnungen neu gebaut.

2016 sind laut Statistischem Landesamt im Rems-Murr-Kreis 1163 Wohnungen mit 123 258 Quadratmeter Nutzfläche fertiggestellt geworden. Zum Vergleich: Anfang der 90er Jahre waren es noch jährlich 3500 bis über 4500 Wohnungen. Tiefpunkt war 2009 mit nur 670 Wohnungen.