Waiblingen

Die Flucht vor dem Numerus Clausus

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Diesjährige Absolventen der University of Medicine and Pharmacie (UMF) im Rumänischen Cluj. © University of Medicine and Pharm

Waiblingen. Immer mehr deutsche Studenten zieht es in das europäische Ausland. Österreich ist weiterhin der Favorit bei der Wahl der „Numerus-Clausus-Exilanten“. Aber auch andere Länder bieten attraktive Alternativen für Deutschlands Wunschmediziner.

19,6 Prozent aller im Ausland Studierenden absolvieren ihr Studium im rot-weiß-roten Nachbarland. 2014 waren dies insgesamt 26 868 deutsche Studierende (Quelle: Statistisches Bundesamt). Der Numerus Clausus (N.C.) für Medizin und Tiermedizin liegt hierzulande meist bei 1,0 und macht es Bewerbern schwer, den gewünschten Studienplatz zu erhalten. Die Zahl der Wartesemester für Medizin ist mittlerweile auf bis zu 14 Semester gestiegen. Im Jahr 2016 gab es in Deutschland rund 90 000 Medizinstudenten. Im Schnitt bewerben sich im Wintersemester fünf Abiturienten auf einen Studienplatz, im Sommersemester ist das Verhältnis gar eins zu elf. Diese Konkurrenzsituation zwingt viele Abiturienten dazu, sich für ein Studienplatz im Ausland zu bewerben.

„Das Warten von zwölf Semestern kam für mich nicht in Frage“

Lea E. (25) aus dem Rems-Murr-Kreis hatte sich im Jahr 2013 ebenfalls für ein Medizinstudium im Ausland entschieden. „Das Warten von zwölf Semestern kam für mich nicht in Frage und eine Ausbildung hätte nur vielleicht schneller zu einer Zusage geführt. Das Studium im Ausland schien somit die beste Möglichkeit, die dazu noch eine tolle neue Erfahrung werden sollte.“

Viele EU-Staaten bieten ausländischen Studenten die Chance, an ihren Universitäten zu studieren. Das Angebot für Humanmedizin ist besonders in Osteuropa sehr groß. Beispiele sind neben Polen und Tschechien auch Litauen und Rumänien. Lea E. entschied sich damals für die medizinische Universität in der zweitgrößten Stadt Rumäniens, in Cluj, in Deutschland auch unter Klausenburg bekannt. „Vom Studium in Rumänien habe ich durch einen Bekannten der Familie erfahren und durch seine positiven Berichte war ich schnell überzeugt.“, erzählt Lea E. weiter „Die UMF (University of Medicine and Pharmacie) Cluj hat eine lange Geschichte und bietet auch schon sehr lange das Studium auf Englisch an, weshalb es auch mit der Anrechnung in Deutschland keine Probleme gibt. All dies, sowie auch die Möglichkeit, das Studium auf Englisch zu machen, stellten für mich Gründe dar.“

„Anfangs braucht man auf jeden Fall Zeit, um sich einzugewöhnen“

Für die Bewerbung in Rumänien müssen die Interessenten einiges beachten. „Wichtig waren vor allem Praktika, ein Empfehlungsschreiben und die Übersetzung aller Zeugnisse ins Rumänische. Hat man alle Unterlagen zusammen müssen diese ans Dekanat geschickt werden. Circa drei Monate später bekam ich die Zusage per Post zugeschickt.“ erinnert sich Lea E.

Von dort an begann für Lea ein neuer Lebensabschnitt: „Anfangs braucht man auf jeden Fall Zeit sich einzugewöhnen: ein neues Land, eine andere Sprache, neue Gesichter. . . An das Englisch habe ich mich zum Glück schnell gewöhnt.“ Die Lehrweise an der rumänischen Universität unterstützt die Neulinge dabei, sich in das neue Leben einzufügen: „Das universitäre System dort ist sehr verschult, das heißt, man bekommt meist genaue Anweisungen, was, wie alles gelernt und gewusst werden sollte. Dies hat mir den Einstieg in das Fach sicherlich leichter gemacht und man bekam schnell den Überblick, wie alles läuft.“

„Die Lebensunterhaltskosten in Rumänien sind deutlich günstiger“

In Deutschland sind Medizinunis zum Großteil in Großstädten ansässig. Diese Situation bringt meistens relativ hohe Lebensunterhaltskosten mit sich.

„Die Lebenshaltungskosten in Rumänien sind deutlich günstiger als die in Deutschland. Verkehrsmittel, Restaurants, Bars, Kino, Theater. . . das ist alles viel günstiger. Die Mieten sind vergleichbar mit einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg“, so Lea E. „Hinzu kommen natürlich auch noch die Studiengebühren, welche aber im Vergleich zu anderen Universitäten im Ausland relativ günstig sind.“ Derzeit liegen die Studiengebühren in Cluj bei rund 6000 Euro pro Jahr. „Außerdem kann man mit einem Stipendium, welches nach Noten vergeben wird, bis zu 50 Prozent wieder zurückbekommen. Auch die Reisekosten waren circa deckend mit einer ICE-Fahrt von Hamburg nach Stuttgart. Somit gebe ich heute bei meinem Studium in Deutschland nur etwas weniger aus als damals.“

Der Wunsch des Wechsels nach Deutschland hatte Lea E. häufig im Hinterkopf: „Ich wollte von Anfang an nach Deutschland zurück, da es immer mein Traum war in Deutschland zu studieren. Nach einiger Zeit hat es mir dann aber so gut gefallen, dass ich das Studium dort auch beendet hätte. Ich hatte mich jedes Semester wieder neu auf das jeweils höhere Fachsemester beworben und dann hatte ich zum fünften Semester eine Zusage bekommen.“

"In Deutschland hat man mehr Freizeit"

Von 2013 bis Frühjahr 2016 studierte Lea E. in Cluj. Danach wechselte sie für den Rest ihres Studiums nach Deutschland an die Christian-Albrechts-Universität Kiel.

Hier müssen sich die Studenten auf eine sprachliche wie auch strukturelle Umstellung gefasst machen: „Anfangs hatte ich etwas Schwierigkeiten mit der Umstellung vom Englischen ins Deutsche, da ich ja die gesamte Anatomie und alle Begriffe nur auf Englisch kannte“, sagt Lea E. „Außerdem hat man in Deutschland mehr Freizeit, da in den Vorlesungen in Rumänien Anwesenheitspflicht gilt. Die Inhalte sind nach dem vorklinischen Studienabschnitt auf dem gleichen Stand, weshalb ich dahingehend keine Probleme hatte.“

Laut Aussage des Regierungspräsidiums Baden-Württemberg gab es im vergangenen Jahr 363 Anträge auf Anrechnung von vorklinischen Studienleistungen im Ländle. Diese Anrechnung ermöglichte den Studierenden den Quereinstieg nach Deutschland.

„Viele neue Erlebnisse und Eindrücke“

Das Studium im europäischen Umland bietet meist eine passable Alternative zum hartumkämpften Studienplatz in Deutschland: „Ich würde jedem das Studium im Ausland empfehlen. Das Studium in Cluj ist sehr praktisch orientiert (oft auch praktischer als in Deutschland) und man lernt in Kleingruppen. Dadurch kann man viel üben und eine direkte Betreuung ist sichergestellt. Außerdem bringt ein neues Land und das damit verbundene Leben so viele neue Erlebnisse und Eindrücke, wie ich sie nie in Deutschland bekommen hätte. Man lernt mit schwierigen Situationen, anderen Kulturen und einer komplett neuen Sprache umzugehen“, sagt Lea E.


Laut Aussage von Simona Iclozan von der University of Medicine and Pharmacie UMF Cluj (Klausenburg), ist die Zahl der eingeschriebenen Human- und Zahnmediziner von 264 Studenten im Jahr 2013 auf 510 Stundenten im Jahr 2017 gestiegen.