Waiblingen

Die Gemeinde ist gespalten

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Im Kern des Streits in Hegnach geht es um die richtige Lesart der Bibel. © Alexander Roth
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Pfarrer Bernhard Elser. © Martin Fehrle Albfotografie

Waiblingen-Hegnach. Tiefe Gräben verlaufen durch die evangelische Kirchengemeinde Hegnach. Ein Richtungsstreit zwischen evangelikalen und liberalen Positionen spaltet die Gläubigen. Der Gottesdienst am Sonntag soll ein neuer Versuch der Versöhnung sein, nachdem Ende Oktober ein Schlichtungsprozess im Tumult geendet hatte.

Viel Porzellan wurde in den vergangenen Wochen und Monaten zerschlagen. Die Positionen der Protestanten in Hegnach sind hohem Maße polarisiert, Bibeltreue und Liberale stehen sich misstrauisch gegenüber. Worum es geht, lässt sich schwer fassen, handelt es sich doch um grundsätzliche Fragen: Wohin soll sich die Kirche entwickeln? Wie ist die Bibel angemessen zu verstehen? Die einen pochen auf ein theologisch geschultes, historisch-kritisches Verständnis der Schrift, die anderen glauben, ihrer Botschaft durch eine wortwörtliche Lesart näherzukommen.

Die Haltung zu Homosexualität und Genderdebatte spielt dabei eine Rolle, steht aber nicht so klar im Mittelpunkt wie zuletzt beim Kirchenstreit in Schorndorf. Der Konflikt ist schon älter, hat in Hegnach jedoch Fahrt aufgenommen, seit 2016 Pfarrer Bernhard Elser sein Amt angetreten hat, der für die konservative, evangelikale Richtung steht.

Pfarrer gehört zu Netzwerk gegen Pluralismus in der Kirche

Der Hegnacher Pfarrer gehört dem ultraevangelikalen Netzwerk Bibel und Bekenntnis um Ulrich Parzany an, das sich explizit gegen kirchlichen Pluralismus wendet. Dieser wiederum hat als Prediger der in der Landeskirche umstrittenen „Pro Christ“-Kampagne Berühmtheit erlangt, an der sich die Hegnacher Gemeinde im Sommer beteiligte. Parzany hielt dort einen Vortrag „Wir brauchen Bibelstudium“ und gilt als scharfer Kritiker der Evangelischen Kirche Deutschlands. Die Bibel gelte führenden Theologen nur noch als Literatur wie jede andere Literatur. Die Debatte um die Segnung und Trauung homosexueller Paare zeige, dass sie für die EKD keine normative Bedeutung habe. In ein ähnliches Horn blies Bernhard Elser selbst 2017 bei einem „Luther-Slam“ im Kulturhaus Schwanen: Dort führt er im Beatpoeten-Stil aus, dass „die Botschaft in unseren Tagen schon zu oft verdreht wird, dass längst nicht wahr ist, was unter Kanzeln gehört wird“. Namentlich bezog sich der Vorwurf auf Katrin Göring-Eckardt und Margot Käßmann.

Wer vermag die Bibel besser zu verstehen? Studierte Theologen oder wortwörtlich lesende Laien? Seit dem Luther-Slam schaukelte sich der Konflikt hoch. Zunehmend missfällt den liberalen Christen die amerikanisch inspirierte Art, wie in Hegnach Gottesdienste gefeiert werden - unter anderem mit einem dynamischen, mit Headset ausgestatteten Pfarrer. Vorbild seien offenbar die freikirchlichen Mega-Churches in den USA, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Von „Populismus“ ist die Rede, der mit Slogans und einfachen Antworten auf komplexe Lebenszusammenhänge reagiere. In der Folge wandten sich langjährig engagierte Gemeindemitglieder ab. „Viele leiden darunter, doch der Gemeindeleitung scheint das egal zu sein“, ist zu hören.

Hegnacher Pfarrer will sich nicht weiter äußern

Während Vorgänger Matthias Hennig alle Richtungen integrierte, polarisiert Bernhard Elser. Schließlich wandten sich mehr als 40 Unterzeichner mit einer Eingabe an den Kirchengemeinderat und fragten bange nach, inwiefern sich die Gemeinde noch als pluralistisch verstehe oder ob beabsichtigt sei, sie endgültig zu einer Richtungsgemeinde zu formen. Eine anberaumte Schlichtung lief zunächst gut an, bis die evangelikale Seite aus Unzufriedenheit über die Entwicklung ausstieg. Als sie dies Ende Oktober zum Schluss eines Gottesdienstes bekannt gab, wurde es laut. Mehrere Gemeindemitglieder verließen den Saal. Zwischen etlichen Beteiligten riss der Gesprächsfaden ab.

Seitdem führt der Dekan in dieser Sache täglich Gespräche und schreibt Mails, um zu vermitteln. In Absprache mit den Konfliktparteien hat er einen neuen Impuls zur Versöhnung gesetzt. Sein Ansatz ist, dass Kirche eine Vielfalt von Ausprägungen umfasst und von deren Gespräch lebt. Als Signal für einen neuen Anlauf zur Versöhnung werden er und Bernhard Elser den Gottesdienst am Sonntag gemeinsam halten – auch mit dem Ziel, in Frieden Weihnachten feiern zu können. Der Hegnacher Pfarrer will sich nicht weiter äußern: „Ich vertraue auf unsere internen Gespräche in der Gemeinde, bei denen wir uns auf einem guten Weg befinden.“


Martialisch

Nach dem von Dekan Timmo Hertneck mit den Konfliktparteien verabredeten Versöhnungsimpuls wollen die Beteiligten Wert auf sorgsame und deeskalierende Sprache legen.

Zumindest Ulrich Parzany, freilich nur indirekt beteiligt, hält es da ganz anders. Einen Beitrag des Deutschlandfunks zum Hegnacher Kirchenstreit kommentiert er mit den martialischen Worten: „Es brennt im Schwabenland!“.