Waiblingen

Die Geschichte eines Helden der Arbeit

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© Benjamin Büttner

Waiblingen. Er ist – das sagen wir jetzt einfach mal so, und wer wollte wagen, da zu widersprechen? – ein Held der Arbeit. Am 15. August geht Hans Vaihinger in Ruhestand, nach genau 50 Jahren beim Baugeschäft Kuhnle in Beinstein. Und wenn er so drüber nachdenkt: „Mir hat jeder Tag Spaß gemacht eigentlich.“

Im August 1968 hieß der Papst Paul VI., der US-Präsident Lyndon B. Johnson und der deutsche Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, auf Platz eins der deutschen Single-Charts stand „Du sollst nicht weinen“ von Heintje, und Hans Vaihinger fuhr mit dem Rädle von zu Hause in Schnait nach Beinstein zum Vorstellungsgespräch. Er war vierzehneinhalb. Die Volksschule hatte er hinter sich – Zeit für einen Beruf.

Er saß im Büro des Baugeschäfts Kuhnle und fragte, ob er sein Zeugnis zeigen solle. „Jongr“, antwortete der Chef, „Zeugnis brauch i koins“, Hauptsache, du kannst anpacken. Das konnte der Vaihinger-Bub tatsächlich: Schon seit Jahren half er in der elterlichen Landwirtschaft und im Wengert.

„Wann willsch anfanga?“ – Äh, im September. – „Jetzt hemmr Gschäft!“ Also begann Hans Vaihinger am 15. August 1968 als Maurer-Lehrling.

Etwa zehntausend Arbeitstage auf dem Bau

Auf Paul VI. folgten Johannes Paul I. und, epische 26 Jahre und fünf Monate lang, Johannes Paul II., danach wurden wir Papst, Ratzinger alias Benedikt, und endlich wurde Franziskus gewählt – Vaihinger schaffte. Die US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford kamen und gingen, Jimmy Carter und Ronald Reagan, George Bush und Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama, und Donald Trump trieb die Welt in den Wahnsinn – Vaihinger schaffte. Fünf Jahre Brandt, acht Jahre Schmidt, 16 Jahre Kohl, sieben Jahre Schröder, 13 Jahre Merkel – Vaihinger schaffte. Lass es zehntausend oder elftausend Arbeitstage sein, achtzigtausend oder neunzigtausend Arbeitsstunden – Vaihinger schaffte bei Gluthitze, schaffte bei Frostkälte, schaffte bei Siff und Schmodder und Wind.

Mit der Sonne aufstehen, nach Feierabend aufs Obststückle

Und er schaffte nicht nur auf dem Bau. „Mit der Sonne“ stand er auf, um Brestling zu zupfen vor der Arbeit, nach Feierabend gab’s im Weinberg was zu tun oder auf einer der Obstwiesen, die er sich zugelegt hatte „zum Ausgleich“. Den Urlaub aber verbrachte er, indem er sich auf dem elterlichen Bauernhof nützlich machte.

Halt, Herr Vaihinger – so geht das aber nicht! Den gemeinen Schreibtischhengst von der Zeitung zwackt’s schon im Kreuz, wenn er zwei Kisten Sprudel lupfen muss; wenn er mal besonders viele Worte in der sommerheißen Redaktionsstube gedrechselt hat, findet er, er habe unmenschlich gelitten – und Sie . . . ? Ach, lacht Vaihinger, „die Schnaiter sind halt Wuhler“. Da sitzt er im Büro seines Chefs Friedrich Kuhnle, zurückgelehnt, entspannt und strotzend vor Kraft. Die Haut tiefbraun; Waden und Unterarme wie junge Baumstämme; Charakterschädel, lässiges weißes Kinnbärtchen; ein Mann mit sich im Lot.

Sturz in einen fünf Meter tiefen Aufzugsschacht

Einmal ist er bei Regenwetter ausgerutscht, 1988 war das: Er stürzte einen fünf Meter tiefen Aufzugsschacht runter, danach „war der Fuß relativ hee“: offene Knöchelfraktur, gebrochen auch der „Vorderfuß und dreimal das Scheinbein. Dann haben sie’s zusammengeschraubt“, und Vaihinger schaffte weiter. 2011 brauchte er eine neue Hüfte, na gut, das war eine „Verschleißsache“. Aber sonst? „Blutdruck einwandfrei. Ich kann essen und trinken, was ich will. Tut nix weh. Passt.“

Er habe „nicht schlechter gelebt als die anderen“. Abends sei er genauso oft fortgegangen und nachts genauso spät heimgekommen, bloß morgens eben oft etwas früher aufgestanden. Er hielt sich an den weisen Rat des Vaters: „Wer saufen kann, kann auch schaffen.“ Und bitte, er habe ja als Polier nicht ständig mit Pickel und Schaufel hantiert, sei eher Organisator gewesen, verantwortlich, dass die Baustelle läuft und ein Gewerk ins andere greift.

Schon richtig, räumt Friedrich Kuhnle ein. Nur: „Der Hans war immer einer, der beides tat. Die Baustelle managen. Und hinlangen, wenn’s klemmt.“

50 Jahre ohne Fehler

Kindergärten und Fabrikhallen, Baumarkt und Mehrgenerationenhaus: Doch, da gab es schon „interessante Baustellen“, sagt Vaihinger. Moment, was ist eine „interessante“ Baustelle? „Eine, die einen ein bisschen fordert von unten raus. Schöne Tiefgarage. Oben drei Häuser drauf.“

„Ich hab die ganzen 50 Jahre mit keinem Händel gehabt“ bei Kuhnle. „Und das war das Schöne dabei. Das ist, kann man fast sagen, wie eine Familie“. Kuhnle nickt: „Der Hans steht bei uns hoch im Kurs. Ich hab mir überlegt vor dem Zeitungsgespräch: Hat der irgendwann einen Fehler gemacht? Mir ist keiner eingefallen.“

Ruhestand: Wandern, draußen sein, frische Luft

Ruhestand: Andere machen eine Weltreise oder wollen sich neu erfinden, sie sagen, jetzt kann ich endlich nachholen, was ein Leben lang zu kurz kam – Vaihinger plant nichts dergleichen. Er wohnt in Stetten, es zieht ihn nicht dauernd weg. Seine Frau stammt aus Mazedonien, sie werden künftig öfters dorthin fahren. Ansonsten: wandern, draußen sein, frische Luft.

Und wenngleich er seine Obststückle weitgehend abgegeben hat – eins wird er behalten, fürs Wochenende. Das hat nur 45 Ar und „70, 80 laufende Meter Hecke“ zum Schneiden: Von Schaffen kann da ja keine Rede sein, „das ist Hobby“.


Bier und Technik: Veränderungen der Branche

Die Baubranche hat sich in vieler Hinsicht geändert während Hans Vaihingers aktiver Zeit. Auffällig ist der Wandel in Sachen Technik – und in Sachen Alkohol.

Als er anfing, maßen Mauersteine, die es aufzuschichten galt, 24 mal elfeinhalb Zentimeter, heute sind sie einen Meter auf 60 Zentimeter dick und werden per Mauerkran versetzt. Früher waren die Arbeiter beim Betonieren mit Schubkarre und eigener Mischmaschine zugange. Heute: Transportbeton, Fahrmischer, Betonpumpe. Der Job ist in mancher Hinsicht nicht mehr ganz so hart. „Dafür muss alles immer schneller gehen.“

Wenn in den 70er Jahren die Eisenflechter an einem brutheißen Tag in der prallen Sonne malochten, kam es vor, dass einer allein eine Kiste Bier trank bis zum Feierabend. Längst vorbei. Der Urstoff der Wahl ist heute Sprudel, und wenn mal ein zufriedener Bauherr jedem ein Fläschle Bier hinstellt, habe man, sagt Vaihinger, fast „ein schlechtes Gewissen“.