Waiblingen

Die Geschichten der ersten Gastarbeiter

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Die aus Griechenland stammende Sula Westendorf ist eine von fünf Erzählerinnen. © Christine Tantschinez

Waiblingen. In Massen wurden vor allem in den Sechzigern die Gastarbeiter aus Südeuropa angeworben. Für ihre Biografien, ihre Geschichten interessierte sich damals niemand. Das Projekt „Stimmen“ lässt jetzt erstmals eine Gruppe von Waiblingern zu Wort kommen, welche die Stadt auf stille und bescheidene Weise mitgeprägt hat.

Die Geschichten der Gastarbeiter sind noch nicht erzählt, sagte Jagoda Marinic, erfolgreiche Autorin mit Wurzeln in Waiblingen und Kroatien. Das Projekt „Stimmen“, das der Fachbereich Kultur der Stadt Waiblingen gestartet hat, arbeitet nun an dieser Erzählung, an der Erschließung dieses kaum erkundeten Terrains deutscher Zeitgeschichte. Das Projekt „Stimmen“ tut dies freilich weniger auf literarische als auf dokumentarische Art, jedoch mit Bemühen um ein hohes Maß an Authentizität: Es wird eben nicht über die Gastarbeiter erzählt – sie erzählen selbst. Es sind nicht die üblichen Verdächtigen, die Vereinsvorsitzenden und sonstigen Funktionäre, die gewohnt sind, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sondern „ganz normale“ Leute. Sie erzählen in zehnminütigen Filmen aus ihrem Leben. Von Abschied, Ankommen, Heimweh und Trotzdem-Bleiben. Sie erzählen subjektiv, ganz persönlich, melancholisch und heiter, oft sehr bewegend.

Trennung vom Kind und ein Schiff ins Unbekannte

Mit 18 Jahren kam Sula Westendorf 1962 nach Deutschland. Von der weiten Welt hatte sie zuvor nichts gesehen – dann dieses große Schiff, das sie ins Unbekannte bringen sollte. „Ich kam mir so verloren vor.“ In Saloniki wurden die Gastarbeiter ärztlich untersucht. Wer krank war, sollte sich zuhause auskurieren. Ihr kleines Kind musste sie zuerst bei ihren Eltern zurücklassen. Al sie es wiedersah, sagte es „Tante“ zu ihr und zur Großmutter „Mama“. Nach der Ankunft in Deutschland bekamen die „Gastarbeiter“ ein kleines Vesper. Willkommenskultur anno 1962? Mitnichten – die Kosten wurden vom Lohn abgezogen.

Über die Multiplikatoren aus dem Waiblinger Integrationsrat machte sich Brigitta Szabo vom Fachbereich Kultur auf die schwierige Suche nach Interviewpartnern. Schaffte in langen Gesprächen Vertrauen und half, Kamerascheu abzubauen. Und sie wurde fündig: Die 72-jährige Sula Westendorf etwa gehört einer Gruppe griechischer Frauen an, die sich regelmäßig im Forum Mitte trifft. Sie erzählt in einem der fünf Filme mit Menschen der fünf in Waiblingen am stärksten vertretenen Gastarbeiter-Nationalitäten: Griechenland, Spanien, Ex-Jugoslawien, Türkei und Italien.

Die Pionier-Generation der Gastarbeiter

Sie alle gehören der ersten Gastarbeiter-Generation an. Sie kamen, um nach ein paar Jahren Arbeit zurückzukehren – und aus verschiedenen Gründen blieben sie doch. Sie bekamen Kinder, die in Deutschland aufwuchsen. Für viele war es ein Leben in zwei Welten, mit zwei Heimaten. Integrationskurse gab es zu der Zeit nicht, die deutsche Sprache lernten sie im täglichen Gebrauch bei der Arbeit, Halt gaben vielen die landsmannschaftlichen Vereine. „Mit dem Projekt wollen wir dieser Pionier-Generation ein Denkmal setzen“, sagt Kultur-Fachbereichsleiter Thomas Vuk, der selbst kroatische Vorfahren hat. Die Filme, realisiert von Grasshopper Films aus Tübingen, werden im Zentrum einer Ausstellung stehen, die im Oktober im Haus der Stadtgeschichte beginnt. Im Mittelpunkt stehen diesmal also nicht Exponate, sondern Menschen. Das Projekt selbst aber könnte auf Dauer weiterlaufen, wenn sich noch mehr Erzähler finden, denn „diese Filme sind Archivgut“, ist Vuk überzeugt.

Und sie sind vielleicht noch etwas anderes, nämlich „Beispiel dafür, wie Integration gelungen ist“.

Ausstellungen:

Noch wird an den Filmen gearbeitet. Die fertigen Werke werden von Oktober an in einer Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte zu sehen sein.

Derzeit läuft dort die gut besuchte Ausstellung „Flüchtlinge 1946 im Lager Wasen“ noch bis zum 29. Mai.

Im Sommer wird im Foyer des Museums eine mit der Kunstschule entwickelte Präsentation von Kindern und Jugendlichen gezeigt, die das Thema Migration kreativ bearbeiten.