Waiblingen

Die IHK soll sexy werden

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Junge Unternehmer kandidieren für die Gremien der IHK. Von links: Julia Schwegler, Ingo Sombrutzki, Stephan Angele und Sebastian Wagenblast. © Mathias Ellwanger

Waiblingen. Bei der IHK-Wahl geht es diesmal richtig bunt zu: Neben dem sogenannten Establishment und der oppositionellen „Kaktus“-Gruppe kandidiert auch ein Netzwerk von Jung-Unternehmern. Ziel der U-40-Fraktion: die stark von alten Herren geprägte Kammer „sexy“ machen – frischer, moderner.

Video: Jungunternehmer Stephan Angele und Julia Schwegler im Interview

Apfelperlwein mit Holunderblüten-Sirup: Diesen Aperitif hat Julia Schwegler ersonnen und vertreibt ihn mit ihrer Firma „Incide Drinks“. Unternehmerisches Handeln hat die 27-Jährige im elterlichen Weingut in Endersbach gelernt – es ist für sie mehr als ein Beruf: „Was wir machen, ist auch unser Leben, unser Hobby“, sie tue das, „weil es Spaß macht, etwas Besonderes ist, eine Leidenschaft“. Das „Thema Freiheit“ ist ihr „ganz wichtig“.

„Unternehmer sein, nicht Unterlasser – der Spruch trifft’s ganz gut“, findet der Waiblinger Sebastian Wagenblast, 38, Versicherungsmakler und Geschäftsführer. Er habe diesen Weg gewählt, weil er gerne Verantwortung übernehme.

Der Schorndorfer Ingo Sombrutzki, 42, hat streng genommen zwar das Verfallsdatum schon um zwei Jahre überschritten, er ist eher „ein Junggebliebener“ als ein Junger – aber er hat früh angefangen. Mit 23 schaffte er tagsüber als Angestellter und „nachts als Selbstständiger“, mit 26 wagte er den großen Schritt: Er gründete seine eigene Werbe-Agentur. Das sei „das Geile am Unternehmertum: Was bewegen. Was entwickeln. Leuten Arbeit geben.“

Und er ist „Rock’n’Roller in Rente“: Mit 18 spielte Stephan Angele in einer Band, kaufte Boxen und Verstärker zusammen, vermietete sie und meldete dafür ein Gewerbe an. Acht Jahre lang arbeitete er als „freischaffender Techniker“ für Rockgruppen. Mittlerweile ist er 39 und betreibt in Fellbach ein Systemhaus für Medientechnik, stattet Konferenzräume, Hotels, Ratssäle aus mit allem, was gebraucht wird, von der Tonanlage bis zum Beamer. Ja, sagt er, es gebe so was wie die typische Unternehmerpersönlichkeit – dazu gehören das Talent, „sich selber motivieren“ zu können, ein „gewisser Ehrgeiz“, langer Atem und der Glaube an die eigene Geschäftsidee.

„Grundsätzlich ist die Institution schon richtig“

Die vier gehören zu einem Netzwerk von etwa 30 Jungunternehmern aus der Region Stuttgart, die sich zur Wahl stellen für die Gremien der Industrie- und Handelskammer und eintreten „für eine junge, moderne IHK“. Oder wie’s der Rock’n’Roller in Rente ausdrückt: Die IHK soll „sexy“ werden.

Existenzgründer, kleine Unternehmer, Start-ups gehören zu ihnen, insofern sind sie nicht unähnlich der Kaktus-Gruppe – aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Während die Kakteen sehr ins Grundsätzliche zielen, am liebsten die beitragspflichtige „Zwangsmitgliedschaft“ für Gewerbetreibende abschaffen würden und die IHK als Waffe des Establishments sehen, finden Angele & Co: „Grundsätzlich ist die Institution schon richtig.“ Sombrutzki, der alte – pardon, der junggebliebene – Marketingfex, spitzt gekonnt griffig zu: Die Kakteen seien „destruktiv, wir sind konstruktiv“. Die Pflichtmitgliedschaft steht für sie nicht infrage, vom grassierenden „Dagegen-Trend wie bei der GEZ“ hält Sombrutzki nichts: Er selber engagiert sich seit fast 15 Jahren im Auftrag der IHK als ehrenamtlicher Prüfer für angehende Marketing- und Kommunikations-Kaufleute.

Julia Schwegler hat mit der Gründungsberatung der IHK „sehr gute Erfahrungen gemacht“. Die Hilfen reichten vom Fundamentalen – wie muss ein Businessplan aussehen? – bis hin zu Detail-Tipps: Moment mal, bei deiner Website fehlt im Impressum die Telefonnummer. Die IHK, weiß Angele aus Erfahrung, hilft zum Beispiel bei „Zollgeschichten“ – er wollte Ware aus einem Nicht-EU-Land importieren und stellte fest: „Da steckst du überhaupt nicht drin.“ Er hat gelernt: „Wenn man drei Auskünfte einholt“ und dagegenrechnet, was dafür normalerweise an Beratungskosten zu bezahlen wäre, „ist der Mitgliedsbeitrag schon lange wieder drin“.

So weit, so gut – nur: „Wie in vielen anderen Gremien geht der Altersschnitt eher Richtung 60“, sagt Sombrutzki, da gebe es bisweilen recht „steife Kongresse“, und den neuen Medien könnte die Kammer sich noch etwas weiter öffnen. Angele: „Die IHK Stuttgart hat zum Beispiel“, man staune, „keine Facebook-Repräsentanz.“ In Sachen Vernetzung sehen die vier auch noch Luft nach oben: So vielgestaltig ist doch das Mitgliedsspektrum – warum gelingt es zu selten, interessante Start-ups mit etablierten Geldgebern zusammenzubringen?

Sebastian Wagenblast hat mal mit der Vereinigung der „Wirtschaftsjunioren“ den Kontakt zu Schulen gesucht. Die Idee: in Wirtschaftskunde von den Mühen und Chancen der Existenzgründung als Selbstständiger erzählen. Ergebnis: Nur drei Schulen wollten. „Berührungsängste“ seien da zu spüren gewesen, sagt Stephan Angele, Motto: „Lobbyismus ist böse.“ Würde die IHK als anerkannt honorige Institution so ein Angebot promoten, ginge sicher mehr. Und es kann ja wohl nicht falsch sein, findet Ingo Sombrutzki, ideenreiche Jugendliche dazu zu motivieren, die „Arbeitsplätze von morgen“ zu schaffen.

Mehr im Internet auf www.junge-wirtschaft-region-stuttgart.de

Die Wahl

Alle vier Jahre werden die ehrenamtlichen Unternehmensvertreter für die Gremien der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart gewählt: für die Vollversammlung und die Bezirksversammlungen Böblingen, Esslingen-Nürtingen, Göppingen, Ludwigsburg, Rems-Murr. Alle Mitgliedsunternehmen bekamen Unterlagen für die Briefwahl zugeschickt, die seit dem 4. und noch bis zum 26. Juli läuft.