Waiblingen

Die jüngste und die älteste Helferin

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Janel Kohan (15) ist Schülerin und hilft nach der Schule im Tafelladen. © Büttner/ZVW
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Gottwald
82 Jahre alt ist Barbara Gottwald. Noch geht sie neben ihren Ehrenämtern auch zweimal in der Woche ins Fitness-Studio. © Alexandra Palmizi

Waiblingen. Was in unserer Überfluss-Gesellschaft aussortiert wird an Arme weitergeben: Die Idee der Tafel ist bestechend einfach. Doch viele Helfer braucht es, um sie umzusetzen. In Waiblingen sorgen 70 Frauen und Männer dafür, dass Massen von Lebensmitteln nicht im Müll landen und bedürftige Menschen die Sachen für ein paar Cent einkaufen können. Zwei von ihnen sind Janel Kohan und Barbara Gottwald (82). Janel Kohan ist die jüngste, Barbara Gottwald die älteste Helferin bei der Tafel.

Viele Jahre liegen zwischen der Staufer-Realschülerin Janel und der Seniorin Barbara Gottwald. Ganz unterschiedlich sind ihr Alltag, ihre Erfahrungen und ihr Blick auf die Welt. Und trotzdem gibt’s da was, was das Mädchen und die Seniorin miteinander verbindet. „Menschen helfen, das gefällt mir“, sagt Janel Kohan. „Für andere da sein macht Spaß und ist auch eine Verpflichtung“, meint Barbara Gottwald.

Sie wollte nicht einfach zu Hause rumsitzen

Ihr ganzes Leben war Barbara Gottwald berufstätig, arbeitete vollzeit bei einer Bank. Mit 60 Jahren ging die alleinstehende Dame in Rente, eigentlich, um ihre betagte Mutter zu unterstützen. Doch die Mutter starb. Und für Babara Gottwald war klar: „Ich kann nicht einfach zu Hause sitzen. Ich will mich engagieren.“ Als in Waiblingen der Tafelladen gegründet wurde, wurde sie zur Helferin der ersten Stunde. Seit vielen Jahren kümmert sie sich montags im Vorbereitungsraum um die angelieferten Waren, öffnet Tüten und Packungen, sortiert faule Tomaten aus, schnippelt welke Blätter vom Salat und sorgt zusammen mit ihren Montagskolleginnen dafür, dass die Ware ansprechend in den Laden kommt. „Es tut einem weh, wenn man sieht, was rausgeschmissen wird“, sagt Barbara Gottwald.

Doch nicht nur deshalb engagiert sie sich im Tafelladen. Als Katholikin sei es ihr auch wichtig, für andere da zu sein, sagt die 82-Jährige: Menschen zu helfen, denen es schlechter geht. Das tut sie auch im Seniorenheim Haus Miriam, wo sie sich mittwochs und sonntags um die betagten Bewohner kümmert, sie zum Gottesdienst oder zum Spielenachmittag bringt, mit ihnen singt, spielt und betet.

Nach der Schule hilft sie im Tafelladen

Anderen Menschen helfen, das will auch Janel Kohan. Bei einem Sozialpraktikum lernte das Mädchen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft die Arbeit im Tafelladen kennen. Die gefielt ihr so gut, dass sie fragte, ob sie dort ehrenamtlich arbeiten könne. Nun hilft sie freitagnachmittags nach der Schule und in den Ferien genauso wie ihre viel älteren Kolleginnen beim Aussortieren, Schnippeln und Einräumen der Waren. „Ich bin die Jüngste, alle Ehrenamtlichen sind sehr nett“, bescheinigt sie ihren Kolleginnen: „Ich mag sie sehr.“

Von der Tafel bekommt die Schülerin ein Zeugnis. Dieses soll ihr später mal bei Bewerbungen nützlich sein. Die für eine Jugendliche ungewöhnliche Arbeit und der Umgang mit den Kunden bescheren ihr aber auch wertvolle Erfahrungen, die sonst nie machen würde. Ärger gebe es, wenn manche Kunden den Einkaufswagen mit Lebensmitteln füllten, von denen es nur wenige gibt und die deshalb rationiert sind. „Das führt manchmal zu Konflikten“, sagt die Neuntklässlerin, die mit Mutter und zwei älteren Geschwistern in Waiblingen lebt. „Die Leute sind aber nicht alleine da.“

Die Zahl der Kunden nimmt zu

Tatsächlich nimmt die Zahl der Kunden im Tafelladen immer weiter zu. Janel Kohan findet es traurig, dass es so viele Arme gibt: „Es ist schwer, eine Arbeit zu finden, vor allem für Menschen, die nicht richtig Deutsch können“, weiß die 15-Jährige, die nach Schule eine Ausbildung zur Drogistin machen möchte. Andererseits müssten Arbeitslose auch Deutsch lernen, findet sie: „Dazu gibt es immer eine Gelegenheit.“

Dass die Warteschlangen vor dem Tafelladen immer länger werden, beobachtet auch Barbara Gottwald. Schon morgens vor neun stünden die Leute vor dem Laden, obwohl der erst um 10 Uhr geöffnet wird. Umso wichtiger sei es, diese Menschen zu unterstützen. „Sie sollten das Angebot aber auch nutzen und sich nicht schämen“, meint sie. Vor allem ältere Frauen, die noch mehr als Männer von der grassierenden Altersarmut betroffen seien, scheuen sich ihrer Beobachtung nach, im Tafelladen einzukaufen.


55 Frauen und 15 Männer helfen mit

70 ehrenamtliche Helfer – 55 Frauen und 15 Männer – engagieren sich bei der Waiblinger Tafel. Sie sind zwischen 15 und 82 Jahre alt und kommen aus Waiblingen, Weinstadt, Kernen und Korb. Die Fluktuation unter den Helfern ist gering, sagt Laden-Chefin Petra Off. Etwa 20 von ihnen seien Helfer der ersten Stunde.

Neue Helfer sind immer willkommen. Auskunft gibt Petra Off unter Telefon 0 71 51/9 81 59 69.

Der Tafelladen in der Fronackerstraße steht Bedürftigen zum Einkaufen zur Verfügung. Öffnungszeiten sind montags, dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr.


Die Waiblinger Tafel

Bisher erschienene Teile der Serie