Waiblingen

Die Jugend wird nicht immer schlimmer

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Jugendgerichtshelfer:
Zwei Macher und Praktiker, Experten des gesunden Menschenverstands: Der Jugendgerichtshelfer Wolfgang Aust... © Habermann / ZVW
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Belz
...und der Polizist Uwe Belz. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Das Thema Jugendkriminalität rückt meist nur ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn ein besonders schriller Fall Medien und Öffentlichkeit elektrisiert. Und dann heißt es gerne: Die Sitten verrohen, alles wird immer schlimmer. Aber stimmt das? Im Jugendhilfeausschuss des Kreistags berichteten zwei Experten angenehm gelassen.

Zunächst das Klischee: Alles geht den Bach runter, marodierende Jugendbanden, enthemmte junge Rotzlöffel – und der Staat tut nichts; statt die alle sofort wegzusperren, beglückt er sie höchstens mit Erlebnispädagogik. Deutschland schafft sich ab.

Was ist da dran? Geben wir dem Fachmann das Wort: Uwe Belz, altgedienter Kriminaler; beim Polizeipräsidium Aalen Fachkoordinator Jugendkriminalität. Er sagt: 2093 junge Tatverdächtige hat die Polizei im Jahr 2012 im Rems-Murr-Kreis ermittelt. 2015 waren es: 90 weniger. Für 2016 gibt es noch keine detaillierte Auswertung, aber eine „Tendenz: sinkend“.

Kurve steigt, aber nicht spektakulär steil

Und wie steht es um die nichtdeutschen Täter unter 21 Jahren? Gewalttaten von Raub und Sexualdelikten über gefährliche und schwere Körperverletzung bis zu Mord und Totschlag: 73 Fälle im Jahr 2013; vier weniger im Jahr 2015. Sehr jugendtypisch ist daneben die „einfache Körperverletzung“ (wozu Belz auch den „Dänemann“ zählt und auf ratlose Nachfrage aus dem Gremium knochentrocken erklärt: „Kopfstoß gegen die Nase; meist verbunden mit Nasenbeinbruch“). Hier gilt: 72 Fälle im Jahr 2013, 98 im Jahr 2015. Diese Kurve steigt also, aber nicht spektakulär steil.

Zusammengefasst: Falls irgendwo Leute sagen, „es nimmt immens zu“, dann „mag das für ihren Bereich so sein“ – für den Rems-Murr-Kreis stimmt es nicht.

Krasse Einzelfälle gibt es allerdings immer wieder

Was es allerdings immer wieder gibt: krasse Einzelfälle; die übel umtriebige Jugendclique, die sich 2015 auf dem Schorndorfer Breuninger-Areal einnistete; die Radaubrüder, die 2016 den Raum Backnang aufmischten. Im abkürzungsfreudigen Polizeijargon heißen sie „Jugits“: Jugendliche Intensivtäter, die mehr als 20-mal polizeiauffällig geworden sind oder mindestens fünfmal wegen Gewaltdelikten angezeigt wurden. Ende 2012 verzeichnete der Polizei-Computer für den Rems-Murr-Kreis acht solcher Kandidaten. Ende 2015 waren es neun.

Wird jemand als „Jugit“ eingestuft, führt die Polizei mit ihm ein „Aufnahmegespräch: Junge, wir haben einen Blick drauf. Plan A: Wir wollen, dass du keine Straftaten mehr begehst. Plan B: Um unsere Gesellschaft vor dir zu schützen, müssen wir dich notfalls wegsperren. Plan A wäre uns lieber.“ An den Jugendgerichten werden Jugits „vorrangig bearbeitet“, damit eine „sehr schnelle Repression nach der Tat“ greift. Dazu gibt es „Runde Tische“: Vertreter von Polizei, Staatsanwaltschaft und Kreisjugendamt machen den Problemkindern und ihren Eltern den Ernst der Lage klar. Oft wirkt das. Manchmal hilft nur die letzte Ausfahrt: Jugendhaftanstalt Adelsheim. Und der Jugendkriminalist erhält dann bisweilen einen „Brief aus dem Knast“: Ach, Herr Belz, wenn ich doch früher auf Sie gehört hätte ...

Bei den meisten Tätern hilft eine Weisung

Gefängnis ist „die Ultima Ratio“, sagt Wolfgang Aust, Jugendgerichtshelfer aus Schorndorf. Der beim Kreisjugendamt angestellte Sozialpädagoge berät junge Leute, gegen die ein Strafverfahren eingeleitet wurde; erzählt vor Gericht, wie er Entwicklungsstand und Lebenssituation des Angeklagten einschätzt; empfiehlt Maßnahmen, die aus Sicht der Jugendhilfe sinnvoll sind.

Bei den meisten hilft schon die mildeste Form der Intervention: eine sogenannte „Weisung“ – besuche einen sozialen Trainingskurs; leiste gemeinnützige Arbeitsstunden; sprich bei der Drogenberatung vor. Etwas schärfere „Zuchtmittel“ sind Geldbuße, Schadenswiedergutmachung oder als „Denkzettelmaßnahme“ Jugendarrest für einige Tage.

Weisungsvariante: Jugendliche müssen ein Buch lesen

Eine so verblüffende wie kreative Weisungsvariante gibt es seit zwei Jahren in Schorndorf: Jugendliche, die mit kleineren Delikten erstmals aufgeflogen sind, müssen – ein Buch lesen! In den für die „Les-Bar“ ausgewählten Romanen werden jugendtypische Straftaten – Drogenmissbrauch, Diebstahl, Gewalt – erzählerisch verarbeitet. Auf der Lektüreliste steht unter anderem Wolfgang Herrndorfs genialer Bestseller „Tschick“. Ein ehrenamtlicher Lesepate begleitet den Delinquenten, der am Ende eine Abschlussarbeit verfassen muss: eine Inhaltsangabe schreiben; den Stoff zu einem Gedicht verarbeiten; einen alternativen Schluss ersinnen. 22 Jugendliche haben das Programm bisher durchlaufen, „aus meiner Sicht außerordentlich erfolgreich“, sagt Aust. So werde ein viel intensiverer Nachdenkprozess ausgelöst als durch Arbeitsstunden; „die reißt man runter“.

So also geht es zu im wahren Leben: Unser Rechtsstaat funktioniert, er hat im Umgang mit schwierigen jungen Menschen eine in den allermeisten Fällen gut funktionierende Mischung aus pädagogischem Einfühlungsvermögen und wohldosierter Strenge entwickelt.

Die absolute Härte

Einsperren, so früh wie möglich: Diese Law-and-Order-Fantasie wird immer wieder mal beschworen, wenn Jugendliche heftig über die Stränge schlagen. In der Wissenschaft herrscht allerdings weitgehend Einigkeit: Haft entfaltet eher selten erzieherische Wirkung, die Rückfallquote bei Jugendlichen, die im Gefängnis saßen, ist hoch; oft lernen dort die etwas Harmloseren von den Hartgesottenen und rutschen vollends ab in die kriminelle Karriere.