Waiblingen

Die Käfer beim „Konsum-Brunnen“

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Der Herbergsbrunnen heute mit Schuhhaus Plieninger, Kameralamt und „Ernstings Family“. © Gabriel Habermann
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Die Käfer-Invasion um 1955. © Schwarzmaier
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Protestaktion zum Abriss der Sachsenheimer Gasse, von der Weingärtner Vorstadt aus gesehen: Tom Mahlert und Sabine Gottler von der Bürgerinitiative „So nicht!“. © Mahler

Waiblingen. Das Kameralamt, das heutige Schuhhaus Plieninger und der Herbergsbrunnen waren zu entdecken auf dem jüngsten Bild unserer Zeitreise-Rätselreihe. Und mehr noch: Die Leser haben sogar so manche Vermutung, wem die vor dem Konsum-Laden in der Langen Straße geparkten VW Käfer gehört haben könnten.

Hinter dem Haus-Eck rechts versteckt sich der Herbergsbrunnen. Über der Markise ragt gerade noch ein „K“ hervor – der erste Buchstabe des Schriftzugs „Konsum“. Die Älteren wissen es alle: So hießen in den Fünfzigern und Sechzigern Tausende von Genossenschaftsläden, später umstrukturiert und umbenannt in „Coop“. Es handelte sich um das 1985 abgebrochene Haus Lange Straße der Familie Hagner-Schofer. Lange Zeit wurde der Brunnen nach dem benachbarten Laden benannt, der etwa von 1912 bis 1965 existierte. Als Maria Hagner-Schofer 1973 die Sanierung des verwitterten Brunnens finanzierte, erhielt er seinen alten Namen zurück. Während des Ausbaus der Fußgängerzone wurde der Herbergsbrunnen um 1982 einige Meter versetzt.

Ein moderner Laden, „vom Waschpulver bis zur Wursttheke“

Mit „Käfer-Invasion in der Altstadt“ war unser jüngstes Rätselbild in der Reihe „Zeitreise Waiblingen“ übertitelt – wegen der vielen Volkswagen, die damals in der Langen Straße parkten. Ursula Wissmann aus Bittenfeld hat eine Vermutung: „Der Käfer vor der Haustüre könnte meinem Vater gehören, der mich oft in den damaligen Konsum gefahren oder von dort abgeholt hat – meine Arbeitsstelle in den fünfziger Jahren.“ Die gestreifte Markise gehört zum Laden. „Vom Waschpulver bis zur Wursttheke war im modernen Laden alles vorhanden.“ Die Musikschule Merkle war ebenfalls im Haus.

Auch Waltraud Stecher aus Neustadt hat die Markise des Konsum-Ladens identifiziert. Und einen weiteren Käfer: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass das abgebildete Auto der VW-Käfer (hellgrün mit Stoffschiebedach) meines Vaters Franz Heinzl war, der meist vor dem Konsum parkte.“ Der Coop befand sich später übrigens in der Querspange, heute Rewe.

Das Kameralamt gehörte einer alten Schreinerfamilie

Fotograf Schwarzmaier stand nach Einschätzung von Alfred Fuchs zwischen Messerschmid Eisele und Bäckerei Haag. Oder, wie Horst Illing sagt, zwischen dem damaligen Metzger Fritz (heute Weißschuh) und der damaligen Bäckerei Paul Saur (eben die heutige Bäckerei Haag). Klar erkennbar, trotz Neubau: das heutige Haus Plieninger. „Das Haus meines Urgroßvaters, des Schuhmachermeisters Paul Leyh, dessen Tochter Emilie das Mercedes-Schuhgeschäft führte.“ Alten Waiblingern noch bekannt als „Freila Leyh“. Hinter Plieninger/Leyh dann das Kameralamt und das „Aldehnerle“, wie Ursula Wissmann es nennt. „Eine Terrasse, auf der wir Kinder spielten.“

Das Kameralamt gehörte einer alten Schreinerfamilie, erinnert sich Ingeborg Kuppinger. Die Treppe am Haus entlang führt zur Schmidener Straße mit dem Gardinen-Geschäft Pfleiderer. Die Marktgasse mit Teelädle, Arztpraxen und Restaurants existierte noch nicht. Der Kameralamtskeller war noch nicht ausgebaut und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Nachbarn dachten an eine Hausbesetzung und riefen die Polizei

Nur einen Katzensprung entfernt fand sich die Sachsenheimer Gasse an Stelle der heutigen Marktgasse. Dort gab es laut Roland Merz die Schreinerei Lutz und ein paar Handwerker. Hinten standen das Gefängnis, wo Inhaftierte mit der „Grünen Minna“ abgeliefert wurden, und eine Ölmühle. Tom Mahler aus Hegnach, aufgewachsen im heutigen Haus der Stadtgeschichte, kämpfte mit der Bürgerinitiative „So nicht!“ gegen Auswüchse der Altstadtsanierung und insbesondere gegen die Pläne für eine mehrspurige Straße vom Stadtgraben zur Neustädter Straße sowie gegen ein überdimensioniertes Einkaufszentrum. Mit Mitstreiterin Sabine Gottler bestieg er um 1980 das schon halb abgebrochene Haus. Die Aktivisten hievten Bett und Nachttischchen hoch, nagelten ein Bild an die Wand und mimten vom Abriss überraschte Bewohner – so witzig und mutig waren Waiblinger Bürgerinitiativen einmal. Ein Foto von der Aktion wurde auf Flugblättern der Initiative gedruckt. Ein Augenzeuge rief die Polizei, erinnert sich Tom Mahlert. „Die dachten offenbar, wir wollen das Haus besetzen.“ Nachdem die Protestierenden den Beamten ihre wahre Absicht dargelegt hatten, kamen sie unbescholten davon.

Das Wort „Eventisierung“ war noch nicht erfunden, aber immer leise und beschaulich ging es auch damals nicht zu in der Altstadt: „Die Lange Straße war leider keine Fußgängerzone, sondern sehr laut“, berichtet Renate Lux, „besonders im Sommer auch durch die gegenüberliegende Gaststätte Falken.“ Die Bittenfelderin wuchs im Haus Lange Straße 36 auf. Wo heute Ernsting Kleider verkauft, war lange Zeit eine Nanz-Filiale. Bis in die Sechziger fungierte die Lange Straße als Durchgangsstraße mit viel Verkehr, ergänzt Roland Merz. „Nicht mit glattem Belag, sondern mit dem berüchtigten Kopfsteinpflaster.“ Wer nicht mit einem Käfer unterwegs war, knatterte mit Moped oder Motorrad durch die Stadt – „vor allem nachts“.


Marktgasse

Wo sich heute die Marktgasse befindet, war früher die Sachsenheimer Gasse. Schon Ende der 70er gab es Pläne für einen zusätzlichen Einkaufsschwerpunkt in der westlichen Altstadt.

Als Alternative zu einem Super-Einkaufszentrum mit Parkhaus auf der Erleninsel wurde die heutige Marktgasse als überdachte Passage mit unterschiedlichen Läden ersonnen. Der erste Spatenstich erfolgte 1987, die Eröffnung 1990. Die Sachsenheimer Gasse war ursprünglich eine Sackgasse, die an der Stadtmauer endete.