Waiblingen

Die Kunden rechnen mit dem Cent

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Brunhilde Koch (links) und Lea Bauer nehmen Kleiderspenden entgegen und begutachten sie. © Palmizi / ZVW
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Für viele Menschen ist die Kleiderkammer eine wichtige Möglichkeit, um über die Runden zu kommen. © Palmizi / ZVW
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Kleiderkammer
Im Angebot ist auch Modeschmuck. © Palmizi / ZVW
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Kleiderkammer
Wintersachen sind derzeit besonders beliebt. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Wer am Ende des Monats kaum noch Geld für Brot und Gemüse hat, kann erst recht nicht viel für Kleidung ausgeben. Im Untergeschoss des Tafelladens gibt es deshalb die Kleiderkammer, in denen sich bedürftige Menschen mit Pullis und Blusen, Hosen, Jacken und Schuhen eindecken können. Zwischen 50 Cent und zehn Euro kosten die Teile, teurere Sachen würden liegen bleiben: Wer hier einkauft, muss mit dem Cent rechnen.

9.30 Uhr. Eine halbe Stunde vor dem Tafelladen im Erdgeschoss öffnet die Kleiderkammer. Ein Pullover für zwei Euro, Winterstiefel für sieben, ein warmer Mantel für zehn Euro: Sehr günstig sind die Sachen, und allesamt gespendet. Jeden Tag nehmen Brunhilde Koch, Lea Bauer und die anderen ehrenamtlichen Helferinnen in der Kleiderkammer die Spenden entgegen.

Anders als die Lebensmittel im Erdgeschoss kommen die meisten Spenden allerdings von Privatleuten. Ein kleinerer Teil, zum Beispiel BHs, Badeanzüge oder die Wolle, ist neu und wurde von Einzelhändlern beigesteuert.

Mit ihrer 75-Prozent-Stelle kommt sie schwer über die Runden

Gegen zehn füllen sich die beiden Räume der Kleiderkammer. Susanne erwartet ihr erstes Kind und stöbert zwischen den Babysachen. „Ich suche auch was für mich, vielleicht gibt es was Interessantes.“ Genau wie im Lebensmittelbereich im Erdgeschoss sollten die Kunden in der Kleiderkammer nicht allzu festgelegt sein: Das Angebot variiert. Susanne stört das nicht.

Mit ihrer 75-Prozent-Stelle in einem Altenheim kommt die bald alleinerziehende Mutter kaum über die Runden, das Geld reicht hinten und vorne nicht. „Der Tafelladen hilft unheimlich. Essenstechnisch findet man immer was.“ Außer Hosen, Blusen, Pullis und Unterwäsche werden auch Taschen, Schlafanzüge und Bettwäsche angeboten.

„Unser Angebot ist breitgefächert“, sagt Brunhilde Koch. T-Shirts gehen ihrer Erfahrung nach am besten, auch Stricksachen, jetzt, wo der Winter kommt. Mäntel und Jacken hängen im Eingangsbereich der Kleiderkammer. Herrenbekleidung vom Hemd bis zum Sakko gibt’s im Nebenraum. Dort suchen auch viele Flüchtlinge Pullis und Hosen, sagt die Helferin. Meist aber vergeblich, weil den jungen Männern die Sachen oft zu groß seien.

Da hilft es auch nichts, dass die Kleider – auch neue, neu- und hochwertige Teile – ausgesprochen günstig sind. Zwischen 50 Cent und zehn Euro kosten die Sachen. Was teurer wäre, bliebe hängen und würde zum Ladenhüter. „Sieben Euro ist für viele hier das Limit“, weiß Brunhilde Koch. Ende des Monats, wenn das Geld weg ist, gilt das gleich zweimal.

Ein Teil der Spenden wird nach Rumänien geschickt

Weil man nie im Voraus sagen kann, was im Angebot ist, schauen viele Kunden öfter vorbei. „Wir kriegen fast jeden Tag was Neues“, erzählt Brunhilde Koch. Angenommen wird (fast) alles, aber nicht alles landet in den Regalen. „Das Gute behalten wir, die anderen Sachen werden nach Rumänien geschickt.“

Richtig hochwertig ist auch das Männersakko der Marke Strellson, das gerade gebracht wurde. Kurz zögert Brunhilde Koch, dann zeichnet sie das edle Teil mit fünf Euro aus. „Was sollen wir ihn hoch auszeichnen und hinterher geht er nicht weg?“ Vieles ist in der Kleiderkammer aber auch genau wie im normalen Einzelhandel. Kunden suchen aus, was ihnen gefällt, und können Einzelteile auch zurücklegen lassen. Handeln ist tabu.

10.30 Uhr, der Laden ist gut gefüllt. Frauen suchen zwischen Pullis und Strickjacken nach einem passenden Teil, eine sucht Winterstiefel, eine weitere hat einen grauen Loop gefunden und trägt ihn nun glücklich zur Kasse. Zwei Euro kostet er. Die Frau bezahlt ihn in lauter kleinen Cent-Stücken. Auch Susanne hat einiges gefunden. Für zwei Babyjäckchen, zwei Blusen, Strümpfe und eine Hose zahlt sie zusammen 9,50 Euro.

Nichts gefunden hat an diesem Tag eine Frau aus dem Kosovo. Neun Kinder hat die 61-Jährige großgezogen, seit Jahren ist sie geschieden. „Es geht mir nicht gut: Arthrose“, erzählt sie Brunhilde Koch vertrauensvoll.

Auch das gehört zur Kleiderkammer: Stammkunden, die sie über die Jahre ein bisschen kennengelernt hat. Und die sie umarmen, wenn sie in die Kleiderkammer kommen. „Manche kenne ich seit Jahren. Da geht es schon zu Herzen, wenn sie ihr Geld einzeln rauszählen.“

Info:

In den kommenden Wochen stellen wir in der Serie weitere Mitarbeiter, Kunden und Angebote der Tafel vor.

Öffnungszeiten sind montags, dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr, die Kleiderkammer öffnet eine halbe Stunde früher und schließt bereits um 12 Uhr.

Alle bisherigen Teile der Serie: