Waiblingen

Die Lebensmittelsammler vom Tafelladen

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Marcel Dobler (links) und Gerhard Duttlinger arbeiten als Fahrer bei der Tafel. © Benjamin Büttner
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Gerald Gnamm hilft beim Einladen. © Benjamin Büttner

Waiblingen. Wenn die Kunden morgens vor dem Tafelladen stehen und drauf warten, dass sich die Tür öffnet, sind sie schon lange im Einsatz: Die Männer von der Tafel, die die Tour durch Supermärkte, Discounter, Bäckereien und Hofläden machen, um dort die gespendeten Lebensmittel abzuholen. Und während die Helferinnen Obst und Gemüse für den Verkauf herrichten und den Laden einräumen, steigen sie erneut in den Mercedes Sprinter: denn Nachschub ist dringend notwendig.

Der Tag beginnt mit der Tour durch die Bäckereien. Um 7.30 Uhr starten der ehrenamtliche Helfer Gerhard Duttlinger und Ein-Euro-Jobber Marcel Dobler den Transporter und steuern die Bäckereien Schöllkopf und Maurer an. Der Tourenplan für den Tag ist fest vorgegeben. Nur manchmal melden sich Firmen spontan, etwa dann, wenn sie überraschend zu viel produzierte Lebensmittel abzugeben haben. An diesem Donnerstag verläuft alles nach Plan. Brot und Brötchen werden abgeholt und in den Tafelladen gebracht – eine ordentliche Schlepperei, bis der Transporter ausgeräumt ist. Trotzdem gönnen sich die beiden Männer nur eine kurze Pause, bevor Gerhard Duttlinger erneut den Motor anlässt. Die Zeit drängt.

Unbrauchbares wird sofort aussortiert

Um 8.40 Uhr fahren sie auf den Parkplatz bei Rewe in Hegnach ein. Dort stehen die Kisten mit Bananen, Pilzen, Paprika, Gurken, Radieschen und Rettich bereits fertig gepackt bereit. Jetzt geht es ganz fix: Im Schnelldurchgang prüfen Gerhard Duttlinger und Marcel Dobler die Waren auf ihren Zustand. Unbrauchbares, aber auch Abgepacktes mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum wird sofort aussortiert und kommt in die bereitgestellten Mülleimer. Die verwertbaren Lebensmittel werden umgepackt und in den Transporter eingeladen. Eine Sache von wenigen Minuten.

Kritik lässt der Helfer an sich abprallen

Erdbeeren im Mai, Spargel im Frühsommer, Kürbisse im Herbst: „Inzwischen weiß ich, was es in welchen Jahreszeiten gibt“, sagt Duttlinger lachend. Seit 2013 arbeit der ehemalige Daimler-Elektroingenieur ehrenamtlich bei der Tafel mit, weil er in seinem Ruhestand „auch die andere Welt“ kennenlernen wollte. Dass manche behaupten, die Kunden des Tafelladens würden nach dem Einkauf mit einem teuren Daimler wegfahren, weiß er wohl. Ebenso wie er Kritiker kennt, die sagen, durch die Arbeit der Tafelläden werde eine falsche Politik unterstützt, die Armut begünstigt. Beides lässt Gerhard Duttlinger an sich abprallen - und macht seine Arbeit. Marcel Dobler nickt: auch ihm ist das soziale Engagement bei seinem Job besonders wichtig.

Kurz vor neun steuern die Männer den Hohenacker Hofladen Gnamm an. In dem kleinen Familienbetrieb am Rande der Ortschaft bekommen sie Gemüse und Salat, Kräuter und Milch. Vieles sei als Eins-A-Qualität nicht mehr verkäuflich, „wir wollen gute Lebensmittel aber nicht einfach wegwerfen“, begründet Gerald Gnamm seine Spenden für den Tafelladen. Tatsächlich treibt das Anspruchsdenken vieler Kunden seltsame Blüten: Allzeit pralle Kopfsalate, makellose Äpfel, wohl gefüllte Kühlregale mit Dutzenden Sorten von Joghurt, Butter und Milch zwingen die Einzelhändler dazu, knallhart auszusortieren und zu entsorgen – es sei denn, sie spenden die Waren den Tafelläden.

Bei Rewe in Neustadt stehen die Lebensmittel schon bereit zur Abholung

Nächste Station ist der Rewe-Laden in Neustadt. Wieder läuft es ratzfatz. Während Duttlinger zur Laderampe fährt, kündigt Dobler im Laden die Tafelladenfahrer an. Auch hier stehen die Lebensmittel schon bereit: Goldgelbe Bananen mit kleinen schwarzen Punkten, Lauch, Radieschen, Feigen und Kürbisse. Aber auch Schnittkäse, abgepackte Schinkenwurst, Hähnchenbrust und Fertiggerichte wie Rindergeschnetzeltes und Spinatknödel. Letztere werden in eine Styroporbox gepackt, in der sie kühl bleiben.

Für Tiefkühlprodukte werden separate Fahrten vereinbart

Der Mercedes Sprinter selbst, der von der Firma Daimler gesponsert wird, ist mit einer Kühlung ausgestattet. „Die Tafel unterliegt dem Wirtschaftskontrolldienst“, erklärt Gerhard Duttlinger. Deshalb müssen auch die Hygienevorschriften beachtet werden. Die Transportkisten beispielsweise dürften nicht auf den Boden gestellt werden. Und für den relativ seltenen Transport von Tiefkühl-Produkten werden separate Fahrten vereinbart, damit die Sachen rasch in den Kühlschrank kommen. Um halb zehn ist der Sprinter gut gefüllt. Noch ein kurzer Zwischenstopp in der Jet-Tankstelle, wo die Männer übriggebliebene Brezeln und Brötchen einsammeln. Dann geht’s zurück zum Tafelladen in der Fronackerstraße. Ausladen, die leeren Kisten zurück in den Wagen – wieder ist der Zwischenstopp nur kurz, bevor Duttlinger und Dobler Richtung Kernen fahren. Bis zu 100 Kilometer, schätzen die beiden, legen die Fahrer pro Tag im Schnitt zurück.

Man will nicht hinnehmen, dass gute Waren vernichtet werden

Der Bach-Bäck in Stetten ist eine kleine Familienbäckerei. Auch dort will man nicht hinnehmen, dass gute Waren vernichtet werden, weil sie nicht mehr taufrisch sind. „Unsere Sachen kann man noch gut essen“, sagt Verkäuferin Inge Kurka, während die Männer Brot und Brötchen einladen. Ein paar Straßen weiter, im Hofladen Wilhelm, stehen außer Gemüsekörben auch Kisten mit Kindergummistiefel und Spielsachen bereit. „Ich finde es wichtig, dass die Dinge nicht einfach weggeworfen werden, sondern sie Leute bekommen, die sie noch brauchen“, sagt Simone Wilhelm.

32 Kisten von Aldi waren der Rekord

15 Kisten mit Gemüse und Kühlprodukten wie Joghurt, Quark, Maultaschen und Nudelteig warten im Stettener Rewe-Markt sauber gepackt auf die Tafelladen-Fahrer. Wieder geht’s ruckzuck, und alles ist im Laderaum. „Wir Fahrer machen nur eine Grobsortierung“, erklärt Gerhard Duttlinger. „Sonst würden wir nicht so viele Läden schaffen.“ Zumal Obst und Gemüse hinterher von den Helferinnen im Tafelladen genau kontrolliert und sortiert werden. Während Duttlinger bei Aldi Rommelshausen zur Laderampe fährt, geht Dobler ins Lager, vorbei an propper gefüllten Gemüseregalen mit prallen Salatköpfen und Obst in allen Farben. Vier Kisten mit Gemüse werden eingeladen, dann geht’s zurück nach Waiblingen. „32 Kisten waren mal bei Aldi der Rekord am Anfang der Sommerferien“, erzählt Duttlinger. Die Zeiten zu Beginn und am Ende der Ferien seien für die Geschäfte besonders schwer zu kalkulieren.

Von 7.30 Uhr bis 15 Uhr unterwegs

Mittlerweile ist es elf Uhr, im Tafelladen brummt es. Während sich die Kunden die Klinke in die Hand geben und die Helferinnen laufend neues Obst und Gemüse herrichten, abpacken und einräumen, laden Gerhard Duttlinger und Marcel Dobler zum dritten Mal an diesem Tag den Sprinter aus. Es wird nicht das letzte Mal sein. Bis 15 Uhr werden sie unterwegs sein, schätzt Duttlinger. Und die Dinge abholen, die sonst auf dem Müll landen würden.


Serie "Die Waiblinger Tafel"

In den kommenden Wochen stellen wir in unserer Serie weitere Mitarbeiter, Kunden und Angebote vor. Im ersten Teil hat unsere Redakteurin Jutta Pöscko-Kopp einen Tag im Tafelladen mitgerarbeitet.

Der Tafelladen steht Bedürftigen zum Einkaufen zur Verfügung. Öffnungszeiten sind montags, dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr.

Hinter dem Tafelladen in der Fronackerstraße steht der Verein Waiblinger Tafel. 70 Ehrenamtliche helfen beim Einsammeln der Ware, Verkauf, Gemüseputzen und der Organisation.