Waiblingen

"Die Leute haben Angst": In Waiblingen wächst die Sorge um Strom und Gas

Gaszähler
Gaszähler: Es drohen teure Nachzahlungen. © Gabriel Habermann

Was läuft noch unter Vorsorge und Warnung – und wo fängt Panikmache an? Nach Meinung von Stadträtin Dagmar Metzger (ALi) droht wegen der Energiekrise und dem Gaskonflikt die „schlimmste Situation seit dem Zweiten Weltkrieg“. Die Bitte des Oberbürgermeisters, keine Ängste zu schüren, kontert Alfonso Fazio lapidar: „Die Leute haben schon Angst.“ Zuvor hatte der Waiblinger Stadtwerke-Chef Frank Schöller einen dramatischen Lagebericht vom Energiemarkt gegeben. Während die Hitzewelle übers Land rollt, wächst die Sorge, im Winter frieren zu müssen.

Etwa seit November, sagt Frank Schöller, habe er eine „ganz schlechte Lebensqualität“. Nicht etwa, weil trotz der galoppierenden Preise bei Strom und Gas alle die „nationale Notlage“ abstreiten würden. Die Krise werde durchaus gesehen, aber: Niemand verhalte sich entsprechend, alles laufe weiter wie bisher.

Die Rechnungen werden später bezahlt

Doch einiges spricht dafür, dass nicht der Stadtwerke-Geschäftsführer derjenige ist, der im falschen Film unterwegs ist. Binnen eines Jahres haben sich die Gaspreise versiebenfacht, der Strom ist im gleichen Zeitraum sechsmal so teuer geworden. Weil die Energieversorger mit langfristigen Verträgen arbeiten, merke das die breite Mehrheit noch nicht. Aber in den Folgejahren, schon 2023, werden bittere Rechnungen zu bezahlen sein.

Versorgungslücken drohen zu wachsen

Zwar gefällt sich der russische Diktator in der Rolle des Fieslings, der am Gashahn spielt. Die Preisspirale aber hat sich lange vor Putins Überfall auf die Ukraine in Gang gesetzt. Das Abstellen der Atomkraftwerke und die Kohlendioxid-Besteuerung hätten eine Dynamik ausgelöst, die außer Kontrolle geraten scheint. In an die Wand geworfenen Grafiken zeigt Frank Schöller dem Gemeinderat – wie schon vor Wochen dem Kreistag –, wie die Versorgungslücken ohne Atomkraft und ohne fossile Energien immer größer werden. Die Schaubilder sind kleinteilig und kaum zu entziffern, die klaffenden Energie-Löcher aber sehr deutlich.

Drei Dinge müssten jetzt gleichzeitig geschehen – und alle erscheinen in den politischen Geisterdebatten in Berlin gleich unrealistisch: Die Hürden für den Ausbau der regenerativen Energien müssen fallen - sofort. Alle verfügbaren Energiequellen, ob regenerativ oder nicht, müssen genutzt werden – sofort. Die Energiepreise müssen von der Börse, der Spekulation entzogen werden – und zwar sofort. Ob ein dauerhafter Stopp der russischen Gaslieferungen kommt oder nicht? Schöller ist sich sicher: „Manche wetten darauf.“ Von Angebot und Nachfrage seien die Preise daher schon entkoppelt.

Plädoyer für regionale Windräder

Dass die Politik alle drei Wege gleichzeitig einschlägt, wie es in Schöllers Augen notwendig wäre, muss als ausgeschlossen gelten. Das ist dem Stadtwerke-Chef bewusst. Deprimierend genug ist der Blick aufs Fortkommen der viel beschworenen Energiewende: Denn sowohl beim Ausbau von Offshore- als auch bei Onshore-Windkraft herrscht Flaute. Zu der im Osterpaket der Bundesregierung vorgesehenen Vervierfachung der Offshore-Kapazitäten bis 2030 müssten pro Jahr 500 neue Anlagen entstehen. Bilanz im Jahr 2021: null. Der Stadtwerke-Chef lässt keinen Zweifel: „Wir brauchen dringend regionale Windräder.“ Nicht nur in Waiblingen, sondern überall, wo es Wind gibt. Als Grundlage für den Bau von Windrädern auf der Buocher Höhe müsse zunächst über einen Zyklus von einem Jahr der Wind gemessen werden.

Mit der Forderung nach dem Ausbau der regionalen Windkraft stößt Frank Schöller im Gemeinderat auf offene Ohren. Einen entsprechenden Entschluss hat das Gremium unlängst gefasst. Stadtverwaltung und Stadtwerke sollen gemeinsam alle erdenklichen Standorte auf Waiblinger Markung prüfen – sowohl für Windkraft als auch für Photovoltaik. Klar ist aber auch: Schnelle Abhilfe für den Winter 2022/2023 ist davon nicht zu erwarten.

Heizlüfter als Alternative?

Was sind die Alternativen? Die Frage bewegt nicht zuletzt die Waiblinger Stadträte. Wärmepumpen? Im Prinzip eine gute Sache, meint Frank Schöller. Doch womit werden sie betrieben? Bei massenhaftem Einsatz werden die Versorgungslücken umso größer, werden gedeckt mit Strom aus dem Ausland – mit gewaltigen Transportverlusten. Grünen Strom zukaufen? Stadtrat Urs Abelein (SPD) prangert das „Greenwashing“ an, bei dem im Prinzip Wasserkraft aus Norwegen gegen Kohlestrom aus Deutschland gehandelt werde. Radiatoren und Heizlüfter, wenn die Gasheizung ausfällt? Auch da kommt’s darauf an, wie viele Haushalte solche Geräte gleichzeitig einsetzen: Erst breche der Hausanschluss zusammen, später unter Umständen das Netz. Die Kapazitäten sind nicht dafür ausgelegt. Preislich bedingen die Energieformen einander: „Gas ist Strom und Strom ist Gas.“

Für etwaige städtische Sparmaßnahmen hat OB Sebastian Wolf einen verwaltungsinternen Krisenstab eingerichtet. Konkrete Ergebnisse gibt’s zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Was läuft noch unter Vorsorge und Warnung – und wo fängt Panikmache an? Nach Meinung von Stadträtin Dagmar Metzger (ALi) droht wegen der Energiekrise und dem Gaskonflikt die „schlimmste Situation seit dem Zweiten Weltkrieg“. Die Bitte des Oberbürgermeisters, keine Ängste zu schüren, kontert Alfonso Fazio lapidar: „Die Leute haben schon Angst.“ Zuvor hatte der Waiblinger Stadtwerke-Chef Frank Schöller einen dramatischen Lagebericht vom Energiemarkt gegeben. Während die Hitzewelle übers Land

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