Waiblingen

Die Nachwuchshelden

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Achtung, ganz so geht es natürlich nicht zu im echten Leben – wegen einer Übungspuppe, die einen imaginären Kreislaufkollaps erleidet, rücken keine zwölf Notfallsanitäter aus. Aber: So ist immerhin das komplette Dutzend Nachwuchshelden auf dem Foto. © Benjamin Büttner
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Drei angehende Notfallsanitäter bei der Übung

Waiblingen. Manche Leute finden das Wort „Helden“ pathetisch, aber ein Journalist muss nun mal die Wahrheit schreiben, also: Diese zwölf jungen Leute sind Nachwuchshelden – Anfang Oktober begannen sie beim Deutschen Roten Kreuz in Waiblingen ihre dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter.

Was macht ein Notfallsanitäter? Antworten bitte per Zuruf, gerne auch durcheinander – und los: „Morgens aufstehen! Das ist schon die erste Hürde.“ – „Auto checken.“ – „Desinfizieren, ganz wichtig.“ – „Umkleiden.“ – „Du kommst rein, der Melder geht.“ – „Im Pflegeheim ist eine alte Frau gestürzt.“ – „Auffahrunfall im Berufsverkehr.“ – „Ein kardiologischer Notfall.“ – „Ein angekündigter Suizidversuch.“ – „Eine Geburt! Fruchtwasserabgang, die Wehen haben schon eingesetzt, jetzt muss es schnellgehen.“ – „Man weiß nie, was der Tag bringt.“

Zwölf junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren um einen Tisch. Warum Unfallsanitäter? Warum dieser Beruf, der jeden von ihnen unweigerlich mit existenziellen Nöten und schlimmen Bildern konfrontieren und früher oder später einmal an Grenzen führen wird? Was treibt sie an?

„Was mich reizt“, sagt Benjamin Helf (ja, den „Hoho, Helf, Notfallsanitäter“-Witz habe er schon oft gehört), „ist die Abwechslung.“ Klar, es gibt Routinen, eingespielte Abläufe, die man lernt, erprobte Strukturen, eine Kunstlehre, ein handwerkliches ABC, Abfolgen von Handgriffen. Aber am Einsatzort sind die Anforderungen, die sich auftürmen, doch immer wieder andere.

„Menschenleben zu retten“, sagt Ayse Ramalho. „Etwas bewirken zu können.“ Abends nach Hause zu kommen im Wissen: „Okay, das hat jetzt jemandem geholfen.“ Sie hat gerade ihr Abi gemacht, liebäugelte mit „Unternehmensberatung, Steuerberatung“, wollte eigentlich studieren. Aber „seit ich klein bin, bin ich beim DRK“. Ihr dämmerte, „dass ich, was mir Spaß macht, zu meinem Beruf machen kann“.

"Nicht jeden Tag das Gleiche machen"

Leonie Merz hatte eine Ausbildung begonnen als medizinische Fachangestellte. „Das war mir zu langweilig. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit in die Praxis, der Alltag ging strukturiert durch.“ Sie sehnte sich nach mehr. Morgens aufstehen – und alles kann passieren. „Rauskommen. Körperlich aktiv sein und nicht nur auf einem Bürostuhl sitzen.“

„Wir sind alle ein bisschen Adrenalinjunkies“, sagt Bastian Schell. Blick in die Runde. Stimmt das? Nicken. Jederzeit in Ausnahmesituationen geraten zu können, „das bringt der Beruf mit sich“, sagt Florian Holzner, „das muss man mögen“. Und Leonie Merz: „Wenn jemand mit dem Tod gar nicht zurechtkommt und kein Blut sehen kann“, ist er hier wohl nicht ganz richtig. „Meine Freunde finden auch, das ist ein zu krasser Beruf“, weiß Ayse Ramalho. „Aber es muss Menschen geben, die Leidenschaft dafür haben und sich das zutrauen.“

Neun von ihnen haben, bevor sie die Ausbildung zum Notfallsanitäter begannen, den Rettungssanitäter-Lehrgang absolviert, praktische Erfahrungen gesammelt und sind an ersten Aufgaben gewachsen. Einer von ihnen wurde zu einem Motorradunfall gerufen, nahm dem Verletzten den Helm ab und erkannte: Hier liegt mein Kumpel. Sie alle wissen, sagt Kevin Gauger: „Jeder wird einmal in eine Situation kommen, die ihn mental überfordert.“

Es hilft, mit den Kollegen zu sprechen, findet Leonie Merz: „Einfach losreden, nichts in sich reinfressen und mit nach Hause nehmen. Man findet hier überall offene Ohren“, es ist wie eine „riesengroße Familie“. Und Steffen Schwendemann, Leiter der Aus- und Fortbildung, erklärt: Es gibt „Hilfe für die Helfer“, ein Netzwerk aus Ansprechpartnern, eigens dafür fortgebildete Kollegen, Psychologen, Seelsorger, an die man sich im Vertrauen wenden kann. „Das kriegt kein Chef mit.“

„Wir wissen, auf was wir uns einlassen“, sagt Daniel Roth. Niemand sei hier bloß reingeschneit nach dem Motto: „Blaulichtfahren ist toll.“ Wobei Blaulichtfahren toll ist, oder? „Klar“, Gelächter. Aber „irgendwann“, sagt Benjamin Helf, „kommst du an den Einsatzort“.

So weit in Ordnung – aber was ist mit dem Geld?

Okay, klingt alles überzeugend. Wer diesen jungen Leuten zuhört, spürt: Sie sind im Lot mit sich, reflektieren ehrlich ihre Motive. Nur: Steinreich wird man damit nicht.

„Doch, reich an Liebe!“ Kichern. „Kommt darauf an, wo man reinheiratet.“ Gelächter. „Einen Porsche kann man sich davon nicht leisten.“ Prusten. Aber im Ernst – Benjamin Helf: „Man bereichert sich mit jedem Einsatz“, gewinnt Erfahrungen, gewinnt an Format. Florian Holzner hat mal ein Semester Maschinenbau studiert. Allein: An technischen Details herumzudoktern, kam ihm „stupide“ vor. „Ich hatte einfach das Verlangen, einen Beruf zu machen, mit dem ich anderen Menschen helfen kann.“ Mag sein, dass ein anderer Job einen „vom Gehalt her weiter bringt“. Aber er suche etwas, „das glücklich macht“.