Waiblingen

Die Seele der Polizei geht in Ruhestand

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Barbara Roser an ihrem Schreibtisch im Waiblinger Polizei-Gebäude. © Habermann / ZVW

Waiblingen. O weh, was wird jetzt aus der Polizei? Barbara Roser geht in Ruhestand. Fast 50 Jahre hat die umsichtige Sekretärin den Apparat geprägt: als Seele der Kripo, als beherzte Vorzimmer-Managerin der Direktionsleitung, als einfühlsame Vertraute des Fußvolks.

Und, Herr Reiner Möller, hat die Frau Roser ihre Sache gut gemacht? Nein, antwortet streng der Leiter der Kriminalpolizeidirektion in Waiblingen, „nicht nur gut“. Sondern: „Super, erstaunlich und toll. Authentisch. Brutal loyal! Ein Wirbelwind vom ersten Tag bis zum letzten.“ Würde Barbara Roser morgen in der Waiblinger Zeitungsredaktion anfangen und sich dort an die Tastatur setzen – dann, droht finster der Kriminalist, „würde der eine oder andere von Ihnen bleich werden. So schnell können Sie gar nicht reden, wie sie tippt.“

An der Hand der Mutter zum Vorstellungsgespräch

Im Frühjahr 1969 begann sie als Sekretärin bei der Polizei. Die Beamten fuhren damals – die Älteren werden sich erinnern – noch im VW Käfer Streife. „An der Hand meiner Mutter bin ich zum Vorstellungsgespräch gekommen. Mit 16, 17 warst du damals noch nicht so couragiert.“ Ein väterlich fürsorglicher Vorgesetzter sagte, wenn es galt, ein Protokoll zu einem besonders düsteren Verbrechen zu schreiben: Da soll eine andere ran, das Küken müssen wir schützen. Das Küken war nicht begeistert. „Ich war ja neugierig.“ Bald ging sie „auch mit an den Tatort“ und notierte penibel die Details zum Leichenfund. Computer gab es damals noch nicht. Barbara Roser spannte einen „Vierfach-Satz mit Blaupapier“ ein, ließ den Wagen der mechanischen Schreibmaschine „hin und her schleudern“ und knatterte bis zur „Sehnenscheidenentzündung“, 600 Anschläge die Minute.

Nach Polizeireform in Führungsgruppe gewirkt

Für sechs verschiedene Kripo-Leiter hat sie bis 2000 als Vorzimmer-Managerin gearbeitet; ab 2001 für die oberste Leitung der Polizeidirektion Waiblingen, erst für Veronica Halach, dann für Ralf Michelfelder, der mittlerweile zum Landeskriminalamt gewechselt ist; und nach der Polizeireform 2014 wirkte sie in der Fügru, wie eine Expertin das nennt: der Führungsgruppe der Kriminalpolizeidirektion.

Vom Ex-Chef bis zur Kollegin: Alle schwärmen

Kein Mensch ist unersetzlich; aber Barbara Roser ist nahe dran. Wird sie fehlen? „Ganz arg“, seufzt eine Kollegin. „Sie hat immer ein offenes Ohr für alle – erst kommen die anderen, dann kommt sie.“ Ihr Abschied „wird ein Loch reinreißen bei uns, definitiv“. Wenn jemand länger krankgeschrieben war, ging Roser ihn besuchen – sie, die selber schwere Krankheiten zu meistern hatte, fand den rechten Ton. Wichtig war sie auch nach dem Amoklauf in Winnenden, als manche Beamte „unter der Belastung so gelitten“ haben, dass sie in vorzeitigen Ruhestand mussten.

Roser hat vielen "Tipps gegeben"

Moment, bevor es hier zu sehr menschelt – Frau Roser, geben Sie’s zu: Eine Chef-Sekretärin muss doch auch ein Zerberus sein, Wachhund am Höllentor, Herrin über den Zugang zum obersten Teufelskerl, gehört das nicht auch zum Anforderungsprofil?

Nun gut, räumt sie ein, sie habe vielen, die im Vorzimmer standen, „Tipps gegeben“: Du hast morgen einen Termin da drin beim Chef? Aber bitte nicht in diesem T-Shirt, das macht keinen guten Eindruck. „Das habe ich mir schon erlaubt.“

Langhaarigen Beamten zum Friseur geschickt

Und einem etwas arg langhaarigen Beamten, dessen Identität wir aus Diskretionsgründen verschleiern (weshalb wir nur preisgeben, dass ER, der damals noch nicht Kripo-Chef war, ein Doppel-LL im Nachnamen hat und ein Ö hinterm M), legte sie vor einem wichtigen Gespräch nahe: „So geht’s net. Erst mal zum Friseur.“

Rosers Umsicht in Stilfragen machte vor keinem Halt: „Ich habe Herrn Michelfelder nie zu einem Termin gehen lassen, bevor ich nicht geguckt habe, ob am Jackett die Knöpfe richtig zu sind.“

Michelfelder zu Roser: "Menschlich, charakterlich und fachlich unerreicht"

Rufen wir ihn an, den Mann, der offenbar dazu neigt, den obersten Anzugknopf ins mittlere Loch zu wursteln – Herr Michelfelder, was sagen Sie zu Frau Roser? „Menschlich, charakterlich und fachlich unerreicht.“ Ja, sie hat „mich organisiert“. Vor allem aber sei sie „brutal wichtig“ gewesen als „Seismograf fürs Klima in der Mannschaft“, als „Bindeglied“ zwischen Führung und Fußvolk: „Zu ihr sind die Leute gegangen, wenn sie es dem Chef nicht direkt sagen wollten. Sie hat diese Aufgabe sehr wohl verstanden.“

Roser kann sich an einen Fauxpas erinnern

Von größeren Fehlern weiß niemand zu berichten – nur sie selbst kann sich an „einen Fauxpas“ erinnern. Ein Vorgesetzter diktierte ihr einst einen Brief und sprach dabei den bedeutenden Satz: „Dafür ist die Polizei originär zuständig.“ Irgendwie muss ihr da ein Freudscher Verschreiber unterlaufen sein, Kurzschluss im Gehirn; vielleicht dachte sie just in dem Moment an was anderes, vielleicht ging ihr gerade im Kopf herum, dass der Ton bei der Polizei manchmal „rau, aber herzlich“ ist; jedenfalls, sie tippte: „Für diese Aufgabe ist die Polizei ordinär zuständig.“

Mit Leib und Seele gearbeitet

Im Ruhestand will sie sich um ihre 91-jährige Mutter kümmern und sozial engagieren für Menschen, die Betreuung brauchen. Eigentlich wäre Barbara Roser altershalber schon zum 1. Oktober 2017 in Ruhestand gegangen, aber das Innenministerium genehmigte ein Jahr Verlängerung. Sie weiß: „Es ist nicht üblich, dass jemand so lang schaffen will“, aber sie hat es eben „mit Leib und Seele“ getan. Die Polizei war ihr, der selbst Kinder versagt geblieben sind, „eine zweite Familie“, auch ihren Lebensgefährten hat sie hier kennengelernt.

Kleenex-Rolle für Tränen bei Abschiedsfeier

Klar war, dass es diese Woche bei der Abschiedsfeier nicht ohne „ein paar Tränen“ abgehen würde; wobei „ein paar“ vielleicht nicht ganz treffend ist: „Ich hab mir dafür eine ganze Kleenex-Rolle zurechtgelegt.“


Schutz vor Gewalt

Verdient gemacht hat sich Barbara Roser nicht nur mit ihrer Arbeit als Polizei-Sekretärin: Von 2001 bis 2007 übernahm sie zusätzlich für die „Initiative Sicherer Landkreis“ die Planung und Koordination des Projekts „Schutz vor Gewalt – ein Seminar für Frauen“ und organisierte dafür mehrere Veranstaltungen pro Jahr.