Waiblingen

Die Taekwondo-Familie

1/3
20b75ea4-55f1-4155-9f24-1b9dfe93308f.jpg_0
Jugendliche erlernen beim Taekwondo die „Kunst des Fuß- und Handkampfes“ – so lautet eine freie Übersetzung des koreanischen Kampfsportnamens. © Büttner / ZVW
2/3
f1740fd9-c2cc-4a88-a1df-fd2972888a03.jpg_1
Überzeugte Vereinsmenschen: Trainer Mikel Musollay, Gründungsmitglied Erwin „Keppi“ Keppler, Erster Vorsitzender Antonio Micieli und Zweiter Vorsitzender Andreas Hätinger. © Striebich / ZVW
3/3
12efad60-67f5-47a0-bc36-d8e0692f45b3.jpg_2
Kinderprogramm in den Pfingstferien. © Armare

Waiblingen. Taekwondo ist mehr als ein Kampfsport. „Taekwondo ist eine Lebensphilosophie“, sagt Trainer Mikel Musollay. Deshalb stecken seit 40 Jahren Ehrenamtliche viel Zeit und Herzblut in ihren Verein „Armare“. Besonders wichtig ist ihnen die Jugend. Der Nachwuchs soll neben Schlägen und Tritten vor allem Respekt und Disziplin lernen – und Selbstbewusstsein tanken.

Im Video: Ein Blick in die Trainingsstunde mit Trainer Mikel Musollay

Valeska Häring ist überzeugt: Ihre Töchter zum Taekwondo zu schicken, war die absolut richtige Entscheidung. Die Waiblingerin steht an der Theke zwischen dem Fitnessbereich und der kleinen Übungshalle des Kampfsportvereins Armare. Einige Meter weiter klirren Hantelscheiben gegeneinander, werden Gewichte aus der Verankerung gestoßen, stöhnen Kraftsportler vor Anstrengung.

Selbstverteidigung und Fallschule

Valeska Häring beobachtet ihre beiden Töchter, sieben und acht Jahre alt, durch eine Glasscheibe in der Tür zur Übungshalle hindurch beim Training. Die jüngere ist seit circa einem Jahr dabei. „Sie ist viel selbstbewusster geworden. Das tut ihr brutal gut, sie hat eine ganz andere Einstellung“, sagt Häring. Und: „Mir ist es wichtig, dass sie sich wehren können.“

Taekwondo ist mehr als ein sportlicher Wettkampf, Mensch gegen Mensch. Selbstverteidigung und Fallschule sind Trainingselemente der koreanischen Kampfkunst, ebenso wie der fast meditative Formenlauf, bei dem imaginäre Gegner mit vorgegebenen Hand- und Fußtechniken „abgewehrt“ werden. Und Taekwondo ist, so sagt es der kosovarische Armare-Trainer und Träger des schwarzen Gurtes Mikel Musollay, „eine Lebensphilosophie“.

Die Schlüsselbegriffe dieser Philosophie lauten Respekt und Disziplin. „Wie ein bissiger Hund“ sei er früher bei jeder Kleinigkeit nervös geworden, sagt Antonio Micieli (59), der Vorsitzende des Vereins. Dann habe er 2001 bei Armare mit der Kampfkunst begonnen – und sei ein gelassener, ruhiger Mensch geworden. Seine Geschichte versteht der Italiener als Auftrag für den Verein: „Unser Ziel ist es auch, die Kinder und Jugendlichen von der Straße zu holen. Hier können sie sich auspowern. Wir versuchen Probleme zu lösen.“ Nicht mit Gewalt, sagt Micieli, sondern mit Güte.

Die gute Seele: Erwin „Keppi“ Keppler hat den Verein mitaufgebaut

Diese Güte strahlt ein Mann ganz besonders aus, der im Herzen der Vereinsräume hinter dem Tresen steht und nach dem Training Weizenbier oder Softdrinks an die ausgelaugten Sportler ausschenkt. Erwin Keppler, 66 Jahre alt, genannt „Keppi“, ist die gute Seele von Armare.

Der Ehrenvorsitzende zählte vor 40 Jahren zu den acht Gründungsmitgliedern: Eine kleine Gruppe Kampfsportbegeisterter mietete Ende der 70er Jahre das abgelegene Gebäude westlich von Beinstein und baute es zur Vereins- und Trainingsstätte um.

„Das hier ist meine Heimat, mein Lebenswerk"

„Zuvor war das hier, glaub’ ich, eine Hühnerfarm, später eine Näherei“, erinnert sich Keppler. Einen Schönheitspreis gewinnt die Anlage noch heute nicht. Von außen betrachtet wirkt sie etwas abweisend, fast gruselt es einen, in der Dunkelheit die schmale Straße hinaufzufahren. Auch sind die Innenräume nicht auf Hochglanz poliert, der Fitnessraum erinnert noch immer an ein rustikales Gym der 70er, 80er Jahre (die ersten Geräte zimmerte Werkzeugmacher Kepler tatsächlich selbst zusammen).

Dafür riecht es förmlich nach ehrlicher, ehrenamtlicher Arbeit. Die Trainingsanlage ist der familiäre Gegenentwurf zur unpersönlichen Fitness-Filiale. „Wir haben alles eigenhändig aufgebaut“, sagt „Keppi“. Jahrelang war er als Trainer im Einsatz, bis ihm seine Hüfte einen Strich durch die Rechnung machte. „Das hier ist meine Heimat, mein Lebenswerk. Ich hab meine ganze Freizeit hier reingesteckt.“ Zuletzt schraubten die Vereinsmitglieder die neue Bar zusammen, hinter der das Urgestein nun Getränke ausschenkt.

Kinderferienprogramm erfreut sich großer Beliebtheit

Noch immer zahlt der Verein eine faire Miete an dieselbe Familie wie vor 40 Jahren. Nur, dass diese Miete heute über die Mitgliedsbeiträge finanziert wird und so auf rund 240 Schultern verteilt ist – nicht mehr, wie noch vor vier Jahrzehnten, auf gerade mal acht Sportverrückte.

Überhaupt hat sich seit 1977 einiges getan: Die Waiblinger richteten zahllose Wettkämpfe aus (zuletzt die Württembergischen „Poomsae“-Meisterschaften 2017), Armare-Sportler gewannen internationale Titel, das Kinderferienprogramm erfreut sich großer Beliebtheit, der Verein nimmt am gesellschaftlichen Leben in Waiblingen teil, geht beim Stadtlauf an den Start oder präsentiert Schaukämpfe auf dem Altstadtfest.

Stolz auf die Jugendarbeit – und noch Plätze frei

Besonders stolz sind sie im Verein auf ihre Jugendarbeit und die positive Rückmeldung von Müttern wie Valeska Häring. 70 Jugendliche üben sich derzeit regelmäßig in der koreanischen Kampfkunst – ein ordentlicher Wert für den kleinen Verein. Trainer Mikel Musollay betont allerdings: „Wir haben noch Kapazitäten.“ Beim Tag der offenen Tür am Sonntag werden die Armare-Mitglieder deshalb Werbung für ihren Verein machen (siehe Infobox) – und dabei bestimmt nicht nur sportlich, sondern auch mit ihrer tollen Gemeinschaft punkten.


Taekwondo

  • Taekwondo ist ein koreanischer Kampfsport mit mehr als 2000 Jahren Tradition, schreibt der Waiblinger Verein Armare auf seiner Website.
  • „Tae“ heißt stoßen, springen oder mit dem Fuß zerschmettern, „Kwon“ ist die Faust bzw. das Schlagen mit der Hand, und „Do“ bedeutet der Weg, die Lehre, die Methode – frei übersetzt bedeutet „Taekwondo“ also: Die Kunst des Fuß- und Handkampfes.
  • Seit 1965 ist diese Kunst in Deutschland bekannt. Zwölf Jahre später, 1977, wurde der Verein „Armare“ gegründet. Auf Lateinisch bedeutet das „sich bewaffnen“ – wobei die Waiblinger freilich auf echte Waffen verzichten.

Tag der offenen Tür

  • Sein Jubiläum feiert der Verein Armare Waiblingen am kommenden Sonntag, 22. Oktober, von 12 Uhr an bei einem Tag der offenen Tür. Geplant sind in der Vereinsstätte Vorführungen aus dem Taekwondo, ein Kraft-Wettbewerb im Fitnessbereich, ein Spieleangebot für Kinder und Bewirtung.
  • Die Adresse lautet Beinsteiner Straße 169, 71334 Waiblingen – zwischen der Rundsporthalle und Beinstein kurz vor dem Ortsschild der Waiblinger Ortschaft zweigt die Straße nach links ab und führt einige hundert Meter bergaufwärts zum Verein „Armare“.
  • Geöffnet hat die Vereinsstätte mit Fitnessstudio in aller Regel von Montag bis Freitag, 17 bis 21.30 Uhr, und an Sonntagen von 10.30 Uhr bis 13 Uhr. Angeboten werden Taekwondo (von Breitensport über Selbstverteidigung, speziell auch für Frauen, bis hin zu Vollkontakt-Wettkampftraining), Fitness (jeweils von 18 bis 21.30 Uhr) und Aerobic (montags von 18.15 bis 19.15 Uhr). Alle Trainingszeiten sind unter www.armare-waiblingen.de zu finden.
  • Mitglied im Verein kann „jeder werden, der ernsthaft Taekwondo oder Fitness/Aerobic betreiben möchte und bereit ist, sich im Verein – also für die Gemeinschaft – einzusetzen“. Kinder zahlen 12 Euro, Studenten 19 Euro, Erwachsene 25 Euro und Familien 39 Euro im Monat.