Waiblingen

Die traurige Geschichte vom Büze-Brandstifter

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Sie mussten nach der Brandstiftung am Waiblinger Bürgerzentrum das Urteil fällen: Richterin Heidi Nebl-Pflügner, Vorsitzender Richter Rainer Gless und Richter Seeger (von links). © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Eigentlich schien der geistig behinderte 22-Jährige sein Leben aufs Gleis zu bekommen, da legte er im Vollrausch den Brand im Bürgerzentrum mit Millionenschaden. Schon öfter hatte der Büze-Brandstifter durch kleinere Sachbeschädigungen Frust ausgelebt. Die verheerende Wirkung hatte er offenbar nicht beabsichtigt.

Der Angeklagte sagt, er verstehe seine Tat selbst nicht. Den Richtern von der Siebten Großen Strafkammer des Landgerichts obliegt die schwierige Aufgabe, es dennoch zu versuchen – schließlich müssen sie ein Urteil fällen.

Am offiziell vierten Prozesstag wurden deshalb unter anderem der Hausmeister, ein Mitbewohner des Angeklagten und eine Nachbarin vernommen, die den jungen Mann von Geburt an kennt und die für ihn, der ohne Eltern aufwachsen musste, in etwa den Status einer Patentante hat.

Vor allem durch ihre Aussage entstand schon vor der Vorstellung des psychologischen Gutachtens, die am Freitagnachmittag folgen sollte, ein Bild vom Leben, Denken und Fühlen des Täters.

Die Mutter starb, als er fünf Jahre alt war

Die traurige Geschichte des Büze-Brandstifters: Dem Vater ist er nie begegnet. Die Mutter starb, als er fünf Jahre alt war. Der Junge war ein schwieriges Kind, erzählte die Nachbarin, die seit einigen Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter als Betreuerin fungiert. Die leibliche Mutter war überfordert, trank zu viel Alkohol und schloss den Buben oft über Stunden ein – wohl, weil sie es anders nicht mehr aushielt.

„Ein toller Mensch, er kann viel schaffen, körperliche Arbeit im Garten tut ihm gut“, sagte die Frau mit der Empathie und Zuneigung, von welchen der Angeklagte außerhalb der Nachbarsfamilie in seinem Leben sonst wenig erfuhr. Noch zu Lebzeiten der Mutter kam er zu Pflegefamilien, die ebenfalls nicht klarkamen, im Kinderdorf klappte es leidlich, später in einem Jugendhilfe-Haus wieder gar nicht.

Der Traum von Normalität in der „Alles-in-Ordnung-Welt“

Seine beste Zeit hatte er bei den Nachbarn in Leinfelden, besuchte die Berufsvorbereitung bei einem Werkhof, fand einen guten Psychiater und hatte Freude bei der Jugend des THW. Manchmal erzählte er von seiner Parallelwelt, seiner Alles-in-Ordnung-Welt, in der er mit Frau und zwei Kindern in einem Haus mit Garten und Carport lebt.

Real sollte es beim BBW Waiblingen weiter in Richtung Beruf gehen. Die schulischen Leistungen waren gut, doch mit der neuen Freiheit und der Größe der Einrichtung war der Junge, der immer Halt in Gewohnheit und Ordnung suchte, ihrer Vermutung nach überfordert.

„Er benötigt individuelle Förderung.“ Jedenfalls zog er fast magisch falsche Freunde an – mit ihnen hing er rum, trank und kiffte.

„Er kann sich nicht wehren"

Der zu 50 Prozent geistig Behinderte wurde nach Aussage eines Kumpels gehänselt. In der Schule musste er oft als Sündenbock herhalten. Offenbar wurde ihm einmal das Handy abgenommen, ein anderes Mal das Tablet.

„Er kann sich nicht wehren und macht, was die Freunde ihm sagen“, so die Ersatz-Tante weiter. Über Gefühle und Verletzungen zu reden, habe er nie gelernt. Und habe Schwierigkeiten, die Folgen seines Handels zu überblicken.

Beobachtungen, die sich mit der Aussage des Angeklagten decken: Der stritt nämlich gänzlich ab, mit anderen Jugendlichen „Stress“ gehabt oder überhaupt Frust verspürt zu haben. Dass das Büze brennen könnte, sei ihm nicht klar gewesen.

Ja, ab und zu lasse er Aggression an Gegenständen aus, bestätigte die Zeugin. So ging im Urlaub auch schon ein Schrank durch einen Fußtritt zu Bruch.

Der Prozess wird nach den Herbstferien fortgesetzt

Über die Jahre zündelte er auch manchmal, das entnimmt der Richter den Unterlagen, an Gartenstühlen oder Mülleimern, allerdings nicht im Ausmaß eines Pyromanen. Kurze Handy-Videoaufnahmen vom Tatabend zeigen die Freunde und den Angeklagten in überdrehter Stimmung, aber nicht aggressiv.

Der Vollrausch indes ist durch die Videos klar dokumentiert. Am nächsten Tag war alles anders, die hoffnungsvolle berufliche Zukunft ist jetzt futsch. Als dem Angeklagten am Abend nach der Tat ein Mitbewohner den ZVW-Artikel über das volle Ausmaß des Büze-Brands vorlas, habe er minutenlang dagestanden „erstarrt wie ein Felsbrocken“.

„In Stammheim sehe ich ihn nicht“, sagt die Nachbarin über den Angeklagten. Betreuung braucht er aber wohl schon. In diese Richtung könnte der Prozess, der nach den Herbstferien fortgesetzt wird, laufen.